Er könne, sagt Peter Schröcksnadel immer wieder gerne, im Prinzip alles hinter sich lassen und nach Alaska ziehen, um dort Lachse zu fischen, seine Leidenschaft. »Aber ich brauche halt auch eine Beschäftigung.« Unter Beschäftigung versteht der 70-jährige Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) die Kontrolle über den Inbegriff des Nationalstolzes: den österreichischen Skisport.

Seit Jahrzehnten gilt Schröcksnadel als Garant für Goldmedaillen und üppige Budgets. Ohne den kernigen Innsbrucker, der sich beharrlich weigert, Hochdeutsch zu sprechen, läuft im Skisport nichts. Das System des Multiunternehmers und konsequenten Antidiplomaten ist eng mit Staat und Gesellschaft verflochten. Sogar der mit nur 33 Prozent sehr niedrige Steuersatz für Sportler soll eine Errungenschaft des Skipaten sein. Bis heute liegt ihm deshalb die österreichische Sportwelt zu Füßen.

Doch seit einiger Zeit stört ab und an ein heftiges Schneegestöber die Winteridylle. Eine dieser Turbulenzen trübte Ende Oktober hoch oben am Sölder Gletscher im Ötztal, wo der Skiweltcup alljährlich seine Premiere feiert, die weiße Pracht. Jakob Falkner, lokaler Multiunternehmer und Geschäftsführer der Sölder Bergbahnen, beging – aus Schröcksnadels Sicht – einen antipatriotischen Tabubruch. Statt wie alle anderen im Skikartell ausschließlich in den Austria Ski Pool, den Klingelbeutel des ÖSV, einzuzahlen, schlossen die Sölder einen Sponsorenvertrag mit dem US-Skiteam. Im Gegenzug für gratis zur Verfügung gestellte Infrastruktur sowie für ein Honorar rühren die Amerikaner künftig für Sölden die Werbetrommel.

Ein gutes Geschäft, denn die coolen Racing-Stars aus Übersee gelten im Gegensatz zu den farblosen österreichischen Athleten als gut vermarktbare Galionsfiguren. »Sport und Unterhaltung. Das ist Sölden. Das ist das US-Team«, begründet Oliver Schwarz, der Tourismusdirektor des Ötztals, den Deal. Die Amerikaner, so wird ganz unpatriotisch hinter vorgehaltener Hand getuschelt, seien eben lässige Typen, die bei der Zielgruppe für die große Party im Schnee in höherem Ansehen stünden als die technikversessenen Leistungsträger des ÖSV-Teams.

Während die Läufer aus den USA scheinbar mühelos auf der Klaviatur der medialen Inszenierung klimpern, begrenzt sich der Wortschatz der meisten ÖSV-Helden auf eine Handvoll holpriger Stehsätze. Neben der quirligen Amerikanerin Lindsey Vonn, die stets bereitwillig und scheinbar authentisch aus dem Nähkästchen plaudert, wirken österreichische Skidamen wie ein Schlafmittel. »Bei den Amerikanern«, gestand die Exrennläuferin und ORF-Kommentatorin Alexandra Meissnitzer im Wall Street Journal , »kommt es einfach aus dem Herzen.« Und Mathias Berthold, Cheftrainer der österreichischen Herren, fügte in derselben Zeitung hinzu: »Alle Kinder lieben Bode (Miller, Anm.) – er ist einfach anders.«

Der alpine Skiwinter ist das aufwendigste Tingeltangel des Landes. Wenn die Schneekanonen Eiskristalle auf die Hänge pusten, wenn Benni Raich und Marlies Schild ihre durch eine Versicherung vermarktete Zweisamkeit zelebrieren oder Elisabeth Görgl ausufernd davon erzählt, wie ihr ein Mentaltrainer den Weg zur zentrierten Mitte gewiesen habe, dann nimmt in Österreich ein riesiges Industrieunternehmen seinen Betrieb auf. Allein 40 Millionen Euro beträgt das Jahresbudget des ÖSV, dessen Präsident Peter Schröcksnadel sich stets als selbstloser Macher des Sports zu inszenieren weiß.

Ehrenamtlich arbeite er für den Skisport, beteuert er stets und ist doch auch geschäftlich eng mit der Branche verbunden: Zusammen mit seinem Sohn Markus leitet er die Geschicke von Feratel und der Sitour-Gruppe. Beides potente, ineinander verflochtene Unternehmen, die aus einer smarten Geschäftsidee entstanden, die Schröcksnadel vor über 40 Jahren hatte, als er gerade sein Jus-Studium hinschmiss: Sitour stattet Skiregionen mit Panoramatafeln, Schildern sowie Pistenkarten aus – und darf im Gegenzug das Gebiet mit Werbung vollpflastern. Zusätzlich gehören den beiden Unternehmen zahlreiche Skigebiete, Bergbahnen und Hotels. Siebzig Millionen Euro soll Schröcksnadel damit jährlich umsetzen. Er selbst schweigt dazu.

In der Öffentlichkeit wird er meist nur als »der Präsident« wahrgenommen, als leutseliger, manchmal cholerischer Patriarch des Skisports, der von sich selbst sagt: »Wichtig im Leben sind Emotionen, wenn du die nicht hast, lebst du ja gar nicht.« Die einen lieben ihn, weil er schmackhafte Sponsorendeals einfädelt, die anderen verabscheuen ihn wegen seiner Macht. Insbesondere unter den als Freigeistern bekannten US-Läufern gilt er als Konrad Adenauer der Skipolitik.

Das alpine Wintermärchen, das Peter Schröcksnadel reich und mächtig gemacht hat, begleitete Österreich durch die gesamte zweite Republik: Es nahm seinen rauschenden Anfang mit Toni Sailer, der 1956 bei den Olympischen Winterspielen von Cortina d’Ampezzo gleich drei Goldmedaillen gewann. Damit legte das vor zwei Jahren verstorbene Skiidol die wirtschaftliche Basis für all jene, die in den folgenden Jahrzehnten den Skisport zu dem Identitätssymbol für ein Land ausbauten, das seit dem Ende des Ersten Weltkriegs ein Minderwertigkeitskomplex plagte. Der »Tonai« gab dem Land ein Stück seines Stolzes zurück. Und der Arlberger Karl Schranz brachte 1972 nach seinem Ausschluss von den Olympischen Spielen von Sapporo die Volksseele in Wallung.

Wenngleich er sich heute, wie er in einer im vergangenen Jahr erschienenen Biografie gesteht, politisch instrumentalisiert gefühlt habe, war er bei der vom ORF-Generalintendanten Gerd Bacher inszenierten Triumphfahrt zum Wiener Heldenplatz zentraler Baustein einer unausgesprochenen Marketingstragie, die zwei Jahrzehnte später Schröcksnadel immer weiter perfektionieren sollte. »Schröcksi«, wie der Innsbrucker genannt wird, baute den ÖSV in eine Maschine um, die im System der Ökonomie der Aufmerksamkeit Nationalstolz in Millionen verwandelt.