Beginnt diese Geschichte in einem windschiefen Schuppen? Oder – wofür mehr spricht – in einer alten methodistischen Kirche? Die Chronisten sind sich nicht einig. Fest stehen nur der Ort und das Datum: Bloemfontein, 8. Januar 1912.

An diesem Tag versammelte sich in der verschnarchten Stadt auf dem südafrikanischen Highveld eine recht seltsame Männergesellschaft. Die Herren trugen Fracks oder Gehröcke nach britischer Mode, Gamaschen und Zylinderhüte. Sie parlierten in gewähltem Englisch oder Afrikaans. Dazwischen sah man traditionelle Stammesführer, die in ihren königlichen Leopardenfellen wie Exoten wirkten.

Es waren gebildete Schwarze aus allen Regionen Südafrikas , Lehrer, Pastoren, Buchhalter, Geschäftsleute und Journalisten. Der Dichter Sol Plaatje gehörte dazu, der Shakespeare in die Sprache Setswana übersetzt hatte, und der Rechtsanwalt Pixley ka Isaka Seme, ein vom Gedankengut des englischen Liberalismus beseelter Oxford-Absolvent.

"Häuptlinge königlichen Geblüts und Gentlemen unserer Rasse", begrüßte Seme die Delegierten. Am Abend dieses glutheißen Südwintertags sollten sie den South African Native National Congress ins Leben rufen, die erste schwarze Oppositionsgruppe Südafrikas, ja überhaupt die erste Widerstandsorganisation in Afrika , die sich gegen die europäischen Kolonialherren stellte. Sie kämpfte für die Emanzipation der natives, der afrikanischen "Eingeborenen", die nach der Ausrufung der Union of South Africa anno 1910 zu Fremden im eigenen Land herabgewürdigt worden waren, zu recht- und besitzlosen Lohnsklaven und Knechten.

Elf Jahre später wurde die Organisation in African National Congress (ANC) umgetauft. Im Laufe der Jahrzehnte verwandelte sich der Honoratiorenverein in eine Massenorganisation, welche die größte Menschenrechtsbewegung der Geschichte anführte: den weltweiten Protest gegen die Apartheid, gegen das perfide System der Rassentrennung. Der lange Marsch in die Freiheit dauerte bis zum Wendejahr 1994, als Nelson Mandela , der berühmteste Führer des ANC , zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt wurde. Seither regiert seine Partei ein demokratisches Land, in dem die Bürger aller Hautfarben gleichberechtigt sind.

In dieser Woche blickt der African National Congress voller Stolz zurück und zelebriert mit viel Glanz und Gloria seinen 100. Geburtstag. Staatsoberhäupter und Ehrengäste aus aller Welt werden eingeflogen, es gibt Volksfeste, Großkonzerte und pompöse Gedenkveranstaltungen, im ganzen Land schallt der alte Kampfruf: "Viva ANC, viva!" Mandelas Partei feiert sich selber, und im kollektiven Jubel sind die kritischen Stimmen kaum noch zu hören. Es gibt nämlich auch comrades, Genossen, die sich fragen, was nach dem Machtwechsel vor 18 Jahren aus der ruhmreichen Bewegung geworden ist. In ihren Augen ist der ANC zu einem autokratischen und korrupten Machterhaltungsapparat degeneriert, der die Verbindung zum Volk verloren und die Ideale der Väter verraten hat. Keiner drückt das so scharfzüngig aus wie Zwelinzima Vavi, der Generalsekretär des Gewerkschaftsdachverbandes: "Wir bringen unsere eigene Bewegung um!"

Noch nie in seiner 100-jährigen Geschichte war der ANC so zerstritten wie heute. Wenn man die Funktionäre nach den Gründen fragt, fällt stets das Stichwort Polokwane. Das ist die Provinzstadt, in der auf dem Parteitag 2008 Thabo Mbeki , der Nachfolger Mandelas im Präsidentenamt, gestürzt und sein Erzrivale Jacob Zuma auf den Schild gehoben wurde. Seitdem ist die Einheitskirche ANC in ideologische Lager zerfallen, die sich erbittert bekriegen: Traditionalisten gegen Technokraten, Altlinke gegen neoliberale Modernisierer, Zuma-Getreue gegen Zuma-Gegner. Unlängst wurde Julius Malema , der demagogische Chef der ANC-Jugendliga, für fünf Jahre aus der Partei verbannt. Er prangert das Versagen der Regierung an und ruft zum "ökonomischen Befreiungskampf" auf, um die Massenarmut zu überwinden – und genießt selber ein Leben in Saus und Braus.