Aids-Prophylaxe : Die Pille davor

Aids-Medikamente schützen Gesunde bei riskantem Sex – eine umstrittene Prophylaxe. Noch fraglicher ist ihre Bedeutung für Afrika und Asien.
Das Aids-Mittel Truvada hemmt die Vermehrung des HI-Virus. In einer Studie senkte die vorbeugende Einnahme das Infektionsrisiko mit dem Erreger. © Justin Sullivan/Getty Images

Es gibt Samstage, da rüstet sich Christian Schneider* lieber mit Pillen. Die ersten schluckt er am Tag zuvor, damit für die Wirkstoffe genug Zeit bleibt, ins Blut zu gelangen. Christian Schneider wohnt in Berlin , er ist 50 Jahre alt und schwul. Ab und zu geht er auf eine Sexparty – was er vorher schluckt, sind Aids-Medikamente. Dabei hat er kein Aids, Schneider ist HIV-negativ. Er nimmt die Pillen, damit das auch so bleibt.

"Auf solchen Partys sind relativ viele Leute mit einer HIV-Infektion", sagt Schneider. Er verwende zwar Kondome. Aber wenn Alkohol, Ecstasy und Kokain im Spiel seien, könne einem die Kontrolle schon mal entgleiten. Entsprechend steigt das Risiko, sich anzustecken. Am Tag zuvor, am Tag der Party und am Tag danach baut Schneider deshalb mit den Aids-Mitteln Truvada und Kaletra einen chemischen Schutzschild auf. "Wenn ich dann nach Hause gehe, habe ich das Gefühl, alles mir Mögliche getan zu haben, um eine Infektion zu vermeiden."

Ein gesunder, HIV-negativer Mensch, der Aids-Medikamente schluckt – noch ist das die Ausnahme. Doch wenn es nach dem Willen mancher HIV-Forscher und Mediziner geht, zählt die "Pille davor" bald zum Standard bei der Infektionsverhütung für Menschen mit hohem Ansteckungsrisiko. Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) lautet der medizinische Fachbegriff für die vorsorgliche Einnahme solcher HIV-Blocker.

Die Idee ist nicht neu. Schließlich wissen Aids-Experten aus langjähriger Erfahrung, dass das Infektionsrisiko nach einem Kontakt mit dem HI-Virus durch die sofortige Einnahme von Aids-Mitteln (Postexpositions-Prophylaxe, PEP) drastisch gesenkt werden kann. Dann müssten die Medikamente doch erst recht schützen, wenn sie schon im Blut zirkulieren, bevor der Erreger in den Körper eindringt. Doch erst jetzt, nach der Zulassung einer neuen Generation wesentlich nebenwirkungsärmerer Medikamente, wird der Einsatz einer Präexpositions-Prophylaxe in größerem Umfang denkbar. Insgesamt, berichtet das Fachblatt New England Journal of Medicine , wurden weltweit neun Studien gestartet, um das PrEP-Konzept zu erhärten. Und seit die Ergebnisse der ersten Untersuchungen bewiesen haben, dass die Pillen eine robuste Abwehr gegen den Erreger aufbauen, herrscht bei den Infektionsmedizinern helle Aufregung.

Als "breakthrough of the year" wertete das Fachblatt Science kurz vor Weihnachten die Erkenntnis, dass HIV-Infektionen durch antiretrovirale Medikamente verhütet werden: Gesunde können sich einerseits durch die Einnahme selbst schützen; zum anderen geht von HIV-positiven Menschen kaum noch eine Ansteckungsgefahr aus, sofern sie konsequent mit HIV-Pillen behandelt werden. Wie groß die Hoffnung der Fachleute ist, die weltweite Seuche nun vielleicht in den Griff zu bekommen, zeigte sich bereits bei einer internationalen Aids-Konferenz im Juli vergangenen Jahres in Rom. Wenige Tage zuvor hatten sich dort 80 führende HIV-Experten zu einem Vorbereitungstreffen versammelt, um die Bedeutung der Studienergebnisse für den künftigen Verlauf der HIV-Epidemie zu besprechen. Einer bat zur Abstimmung: Haben wir einen Wendepunkt erreicht, können wir die Seuche nun endlich stoppen? "Da ging jede Hand hoch", berichtete der ehemalige amerikanische Aids-Koordinator Mark Dybul von der Georgetown University in Washington , D.C., in Science, "und zwar wie auf Kommando".

Die Debatte um Vorgehen und Erfolgsaussichten des PrEP-Konzepts hält die Fachwelt in Atem, seit die Ergebnisse der sogenannten iPrex-Studie veröffentlicht wurden. Im Prinzip könnte man Aids mit der pharmakologischen Vorbeugung weltweit Einhalt gebieten, praktisch bringt das Vorgehen erhebliche logistische, finanzielle und ethische Probleme mit sich.

Verlagsangebot

Der Kult ums gesunde Essen

Nahrung soll Energie und Freude bringen. Doch immer mehr Lebensmittel werden zum Problem gemacht: Vom Salz bis zum Fleisch. Warum eigentlich? Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Perversion pur

>>WTF?! Ich bin selber schwul, habe aber für solches Verhalten einfach kein Verständnis.<<

Da bin ich aber froh, daß Sie sowas schreiben, denn das war auch genau mein Gedankengang. Aber da gilt man ja als Hetero womöglich gleich wieder als intolerant. Besten Dank :-)

Da schluckt also ein Gesunder HIV-Medikationen, noch dazu in Verbindung mit Alkohol und härteren Drogen womöglich. Wie idiotisch ist das denn?
Da frage ich mich ernsthaft, woher dieser Mann diese Medikamente überhaupt kriegt. Immerhin sind die nicht ganz billig und meines Wissens auch verschreibungspflichtig.

Da geht mir bei aller sonstigen Toleranz aber eindeutig der Hut hoch.

»Wenn ich dann nach Hause gehe, habe ich das Gefühl, alles mir Mögliche getan zu haben, um eine Infektion zu vermeiden.«

Außer vielleicht, derartige Sexparties einfach mal nicht mehr zu besuchen, würde ich sagen. Wie wäre es mit ein wenig persönlicher Zurückhaltung?

Wusste nicht, dass es

im Kindergarten Sexparties gibt.
Was ich übrigens in den Medien bisher nicht wahrgenommen habe ist, dass es durchaus Kritik an der Hypothese gibt, dass AIDS tatsächlich in so großem Umfang durch HIV entsteht. Es gibt jedenfalls durchaus noch andere Ursachen für Immunschwächen, die sich mit Medikamenten gegen HIV nicht heilen lassen. Gerade in Afrika sind die Leute doch vor allem deswegen Immungeschwächt, weil sie nicht genug zu essen haben etc und nicht nur weil sie ständig ungeschützten Sex mit HIV infizierten haben. Und jetzt gibt man ihnen statt einem immunfördernden Umfeld Medikamente. Diese Vorgänge sollte man aus meiner Sicht dringend mal genauer beleuchten. Ich befürchte auch in diesem Fall war man mit der Bezeichnung als Pandämie möglicherweise voreilig. Die Pharmafirmen wirds freuen. In den meisten Ländern sterben statistisch betrachtet wahrscheinlich mehr Leute an Grippe als an Aids (wobei die Grippestatistik auch manipuliert ist aber das ist ein anderes Thema).

Tests

Ihr Beitrag übersieht, dass bei der Diagnose nicht nach Immunschwäche gesucht wird, sondern direkt der Erreger nachgewiesen wird. Es gibt sicher eine Fehlerquote, wie bei jedem Diagnostischen Instrument, aber nicht aufgrund von Immundefiziten durch Unterernährung. Um diesen Fehler gering zu halten wird, zumindest in der entwickelten Welt, ein genauerer Nachtest durchgeführt.
Da so auch die Genauigkeit der Schnelltests beurteilt werden kann, ist die Test-Fehlerquote kein Hindernis für exakte HIV-Infektionsstatistiken.

@zivilisationswächter

Auch wenn sich der User @cuiusanima... den Schuh spontan angezogen hat, wollte ich dann doch @Lukas in #5 zustimmen.

Ich finde Ihre Toleranz (gegenüber Schwulen) ganz nett, sie hier aufzurufen, ist aber vollständig deplaziert.

Genausogut hätte man den Artikel mit einem heterosexuellen Swingerpartygänger beginnen können und kein Schw... hätte Sprüche von wegen Toleranz gebracht.

Zum Thema:

Momentan ist diese Prophylaxe ja ohnehin noch mehr Hazardspiel als alles andere (wegen Dauer und Betreuung der Medikamentation wie uch Resistenzbildung).
Und unter den gegebenen Umständen (Pharmakonzerne lassen lieber Tausende/Millionen verrecken, als ihre Patente billig in die armen Länder zu vergeben) bliebe dann wohl noch ewig diese ethische Zwickmühle, dass sich hierzulande Gesunde damit behandeln, während anderswo selbst die Todkranken nichts bekommen.

Also gesetzt den Fall, diese Prophylaxe würde perfektioniert, bis es bedenkenlos eingesetzt werden könnte, wer hätte dann den "schwarzen Peter", wer wäre die moralische S..? Der Konsument, der sich (wahrscheinlich recht teuer) das Mittel hier kauft, um endlos ungehemmt Spaß zu haben oder die Pharmaindustrie, die hier in Zukunft an solchen Konsumenten, wie schon lange an Kranken und Krankenkassen wie irre verdienen und trotzdem eiskalt in den armen Ländern agieren? Oder beide?

Nur eine unschuldige Frage...

Ich habe ja nicht die Existenz des HIV

bestritten oder behauptet, dass AIDS durch irgendwas anderes als HIV verursacht wird, sondern das Problem ist die Kausalität zwischen HIV und Immunschwäche und die Frage welche Immunschwächen tatsächlich durch HIV verursacht werden.
http://equapio.com/de/ges...
hier ist auch eine Quelle mit weiteren Links wobei sie nicht besonders seriös ist. Ich will mich den Betrachtungen der Quelle auch nicht anschließen. Mein Punkt ist lediglich, dass ich befürchte, dass AIDS genau wie manch andere "Pandemien" in jüngster Zeit künstlich extrem aufgebläht wurde und es letztlich mal wieder vor allem ums gute Geschäft für big pharma geht und die primär für Immunschwächen verantwortlichen Probleme(Drogen, Unterernährung, verschmutztes Wasser, Gifte etc) dabei in Vergessenheit geraten weil das Geld in die falschen Kanäle fliesst und ich denke das darf man tatsächlich mal thematisieren, wo das Geld denn am effizientesten angelegt wäre ohne gleich hysterisch zu werden (das geht an den anderen Kommentator).
Wenn man die Menschen nun davon überzeugen will vor ungeschütztem Verkehr einfach ne Tablette zu schlucken ist das jawohl zunächst mal ein ziemlich verlockendes Geschäft vor allem weil sich dieses Geschäftsmodell auch sehr gut im Westen etablieren ließe. Aber ums kurz zu machen: Ich weiss es auch nicht ich habe nur Befürchtungen und gerade deswegen wollte ich die Befassung mit diesem Thema mal vorschlagen.

Lieber einmal zuviel...

>>Ich finde Ihre Toleranz (gegenüber Schwulen) ganz nett, sie hier aufzurufen, ist aber vollständig deplaziert.<<

Sind Sie da sicher?
Es soll Menschen geben, die Homosexualität noch immer für eine irgendwie vom Teufel gesandte Geisteskrankheit halten oder sowas. Und die Schwulen, die auf die hier beschriebenen Parties gehen, am liebsten den Zugang zu allen Medikamenten und Verhütungsmitteln verweigern würden, damit sich diese eben möglichst oft mit HIV infizieren.
Dann können sich solche Menschen nämlich hinterher umso besser in ihrer eigenen Selbstgerechtigkeit wälzen, wenn sie mit dem Finger auf die teuflischen 'Abartigen' zeigen.

Ich finde, bei solchen Dingen kann man gar nicht oft genug zur Toleranz mahnen.

>>Genausogut hätte man den Artikel mit einem heterosexuellen Swingerpartygänger beginnen können und kein Schw... hätte Sprüche von wegen Toleranz gebracht.<<

Das stimmt natürlich. Aber der Artikel hat nun einmal einen homosexuellen Aufhänger. Außerdem hätte sich bestimmt auch hier ein User gefunden, der solche Swingerparties als Sodom und Gomorrah verdammt ;-)

In der Conclusio irreführend?

[zitat]Mancherorts reichen die Mittel nicht annähernd aus, um alle an Aids Erkrankten mit Medikamenten zu versorgen. Weltweit haben neun Millionen HIV-Infizierte keinen Zugang zu HIV-Blockern. Ist es dann ethisch vertretbar, Medikamente an Gesunde zu verteilen?[/zitatende]

Soweit ich weiss, ist es kein grundsätzliches Problem, ausreichend Wirkstoff (aka Pillen) herzustellen. Allerdings stossen Verteilung und Bezahlung in den genannten Ländern an ihre Grenzen. Natürlich ist für die meistens von uns ein ethisches Problem, wenn arme Menschen mediznisch nicht korrekt versorgt werden. Allerdings relativiert sich das, wenn wir "bedenkenlos" auch heute noch Menschen in anderen Ländern durch unser Konsumverhalten (und natürlich durch die "Gesetzmässigkeiten" der gobalen Wirtschaft) an sehr vielen Stellen die Lebensgrundlage entziehen.

Wie also vorgehen? Ich halte medizinische Versorgung (mit antiviralen Medikamenten, auch mit Impfungen, ...) für ein Problem, das vor Ort im Zuge des sogenannten Entwicklungshilft eher zu lösen ist als durch ethisch-moralische Diskussionen, ob wir "unseren" Reichtum - wie hier beschrieben - auch konsumieren dürfen.

Schwierige Situation

Das hier besprochene Medikament Truveda ist eine Kombination von zwei Hemmern der reversen Transkriptase, blockiert also die Vervielfältigung des Virusgenoms. Aufgrund langjähriger Erfahrungen ist eine Resistenzentwiklung daher überhaupt keine Überraschung.

Es entsteht damit die schwierige Situation, dass bei Behandlung HIV-infizierter Personen Resistenzen erzeugt werden, so dass diese dann auch Personen, die Truveda prophylaktisch anwenden infizieren können.

Auf der anderen Seite würde die Prophylaxe dann langfristiger erfolgreich sein, wenn zwar HIV-negative Truveda einnehmen, aber HIV-positiven Truveda vorenthalten würde. Auf diese Weise wird die Resistenzbildung verzögert und die Prophylaxe ist sicherer. Dies ist natürlich ethisch absolut abzulehnen, ganz zu schweigen von weitreichenden organisatorischen Problemen.

Desweiteren legen auch alle weiteren im Artikel dargestellten Aspekte dar, dass Truveda sich leider nicht als Prophylaxe im Masseneinsatz eignet. Eine schwierige Situation, aber die Praxis ist oft ernüchternd.

Zum Schluss noch eine Anmerkung zur Statistik: Auch Kondome liefern ja keinen 100%igen Schutz. der Gebrauch von Kondomen senkt das Risiko einer HIV-Infektion meines Wissens auf 10-15% im Vergleich zu ungeschütztem Sex. Da ist Truveda mit 30% Risiko deutlich schlechter. Nur die Kombination aus Kondom und Medikament würde das Risiko auf 5% absenken. Der Nutzen des Medikaments steht also in keinem blendend gutem Verhältnis zu den Problemen.

neuinfektionen doch anders?

in den letzten jahren steckten sich doch jeweils mehr heten an, als schwule? wieso reden die dann immerzu von schwulen.

auch das mit der Bereitschaft zur Pilleneinnahme ist sonderbar. es ist doch milionen frauen zumutbar die "pille" zu nehmen. wieso soll dann anderen nicht zumutbar sein, eine andere pille zu nehmen. zudem, wenn die eine pille nur gegen schwangerschaft hilft, die andere aber gegen hiv?

also ganz schlüssig sind die argumente da nicht