Es gibt Samstage, da rüstet sich Christian Schneider* lieber mit Pillen. Die ersten schluckt er am Tag zuvor, damit für die Wirkstoffe genug Zeit bleibt, ins Blut zu gelangen. Christian Schneider wohnt in Berlin , er ist 50 Jahre alt und schwul. Ab und zu geht er auf eine Sexparty – was er vorher schluckt, sind Aids-Medikamente. Dabei hat er kein Aids, Schneider ist HIV-negativ. Er nimmt die Pillen, damit das auch so bleibt.

"Auf solchen Partys sind relativ viele Leute mit einer HIV-Infektion", sagt Schneider. Er verwende zwar Kondome. Aber wenn Alkohol, Ecstasy und Kokain im Spiel seien, könne einem die Kontrolle schon mal entgleiten. Entsprechend steigt das Risiko, sich anzustecken. Am Tag zuvor, am Tag der Party und am Tag danach baut Schneider deshalb mit den Aids-Mitteln Truvada und Kaletra einen chemischen Schutzschild auf. "Wenn ich dann nach Hause gehe, habe ich das Gefühl, alles mir Mögliche getan zu haben, um eine Infektion zu vermeiden."

Ein gesunder, HIV-negativer Mensch, der Aids-Medikamente schluckt – noch ist das die Ausnahme. Doch wenn es nach dem Willen mancher HIV-Forscher und Mediziner geht, zählt die "Pille davor" bald zum Standard bei der Infektionsverhütung für Menschen mit hohem Ansteckungsrisiko. Präexpositions-Prophylaxe (PrEP) lautet der medizinische Fachbegriff für die vorsorgliche Einnahme solcher HIV-Blocker.

Die Idee ist nicht neu. Schließlich wissen Aids-Experten aus langjähriger Erfahrung, dass das Infektionsrisiko nach einem Kontakt mit dem HI-Virus durch die sofortige Einnahme von Aids-Mitteln (Postexpositions-Prophylaxe, PEP) drastisch gesenkt werden kann. Dann müssten die Medikamente doch erst recht schützen, wenn sie schon im Blut zirkulieren, bevor der Erreger in den Körper eindringt. Doch erst jetzt, nach der Zulassung einer neuen Generation wesentlich nebenwirkungsärmerer Medikamente, wird der Einsatz einer Präexpositions-Prophylaxe in größerem Umfang denkbar. Insgesamt, berichtet das Fachblatt New England Journal of Medicine , wurden weltweit neun Studien gestartet, um das PrEP-Konzept zu erhärten. Und seit die Ergebnisse der ersten Untersuchungen bewiesen haben, dass die Pillen eine robuste Abwehr gegen den Erreger aufbauen, herrscht bei den Infektionsmedizinern helle Aufregung.

Als "breakthrough of the year" wertete das Fachblatt Science kurz vor Weihnachten die Erkenntnis, dass HIV-Infektionen durch antiretrovirale Medikamente verhütet werden: Gesunde können sich einerseits durch die Einnahme selbst schützen; zum anderen geht von HIV-positiven Menschen kaum noch eine Ansteckungsgefahr aus, sofern sie konsequent mit HIV-Pillen behandelt werden. Wie groß die Hoffnung der Fachleute ist, die weltweite Seuche nun vielleicht in den Griff zu bekommen, zeigte sich bereits bei einer internationalen Aids-Konferenz im Juli vergangenen Jahres in Rom. Wenige Tage zuvor hatten sich dort 80 führende HIV-Experten zu einem Vorbereitungstreffen versammelt, um die Bedeutung der Studienergebnisse für den künftigen Verlauf der HIV-Epidemie zu besprechen. Einer bat zur Abstimmung: Haben wir einen Wendepunkt erreicht, können wir die Seuche nun endlich stoppen? "Da ging jede Hand hoch", berichtete der ehemalige amerikanische Aids-Koordinator Mark Dybul von der Georgetown University in Washington , D.C., in Science, "und zwar wie auf Kommando".

Die Debatte um Vorgehen und Erfolgsaussichten des PrEP-Konzepts hält die Fachwelt in Atem, seit die Ergebnisse der sogenannten iPrex-Studie veröffentlicht wurden. Im Prinzip könnte man Aids mit der pharmakologischen Vorbeugung weltweit Einhalt gebieten, praktisch bringt das Vorgehen erhebliche logistische, finanzielle und ethische Probleme mit sich.