Weltuntergang 2012Letzte Ausfahrt

Dem berühmten Maya-Kalender zufolge droht am 21. Dezember 2012 der Weltuntergang. Unsere Autoren erzählen, wohin sie vorher unbedingt noch einmal reisen wollen von Karin Ceballos Betancur, Bjørn Erik Sass, Elsemarie Maletzke und Christian Schüle

Buenos Aires sehen und sterben: junge Leute im Café im Stadtteil Palermo

Buenos Aires sehen und sterben: junge Leute im Café im Stadtteil Palermo  |  © Ricardo Ceppi/Cover/Getty Images

Singsang bis in alle Ewigkeit: Nach Buenos Aires, zum finalen Protestmarsch

Es heißt, man habe drei Wünsche frei, wenn man zum ersten Mal den Obelisken von Buenos Aires sieht – ein wenig subtiles Denkmal, 1936 errichtet zum 400. Geburtstag der Stadt, ein gigantischer Phallus aus Stein, umblinzelt von Neonreklamen und dem Verkehr auf der vierzehnspurigen Avenida 9 de Julio.

Meinen ersten Wunsch verschwendete ich vor Jahren leichtfertig an einen Tangosänger. Der zweite ging dafür drauf, einen Abend in der Bonbonera, dem Fußballstadion der Boca Juniors, zu verbringen und 90 Minuten lang mitten in der berüchtigten Fankurve den Gesängen und dem Spiel eines anarchischen Orchesters zuzuhören, das, über den Rang verstreut, die Niederlage einer chancenlosen Gastmannschaft begleitete. Genau genommen, galt der Wunsch dem Ziel, die Fankurve nach dem Spiel unversehrt zu verlassen. Und er wurde mir gewährt.

Anzeige

Wenn ich wüsste, dass mir nur noch eine einzige Reise bleibt, ehe die Welt zugrunde geht, zöge es mich an keinen der unzähligen Orte, die ich noch nie gesehen habe. Ich käme zurück nach Buenos Aires , in die schönste, lauteste, wildeste, menschlichste aller Metropolen. Auf der Avenida de Mayo, wo immer irgendein Trommel schlagender, Flugblätter werfender Protestmarsch in Gang ist, liefe ich am Morgen im Pulk hin zum Regierungspalast, zu der Casa Rosada, und gemeinsam demonstrierten wir gegen Lohnkürzungen, Korruption, vielleicht auch gegen den bevorstehenden Weltuntergang, ein guter Grund findet sich immer. In den gesperrten Seitenstraßen bildeten die bunten Busse lange, schnaufende Schlangen, und irgendjemand empörte sich haltlos über die Gesamtsituation, in diesem wunderbaren argentinischen Singsang.

In der Confitería Ideal tränke ich einen letzten Kaffee und hoffte, dass in der Ecke des schummrigen Saals im Erdgeschoss noch immer der alte Mann mit seiner Heimorgel Walzer in die Tiefe des Raums spielte. Ich liefe durch die Straßen des Stadtviertels Palermo , vorbei an den alten Mauern und Säulen flacher Jahrhundertwendevillen, an schattigen Innenhöfen und schmiedeeisernen Balkonen. Es müsste Sommer sein, Spätsommer im Februar, März, und das Licht müsste golden durch das Laub der Bäume auf das Kopfsteinpflaster fallen. Am Abend dann besuchte ich die kleine Kneipe mit den Gästen, die auf geheime Zeichen hin Instrumente in die Hand nehmen und gemeinsam zu spielen beginnen, während andere ihren Fernet absetzen und über den schwarz-weißen Fliesenboden tanzen. In der Kneipe, deren Namen ich nicht verraten werde, niemandem, niemals. Auch jetzt nicht.

Einen Wunsch nämlich habe ich noch offen. Wenn ich ihn einlöse, fügt sich die Welt nach einer apokalyptischen Schrecksekunde erneut zum Ball, alle Menschen sprechen Spanisch, und überall ist Argentinien. Ich sage Ja zur Apokalypse.

Karin Ceballos Betancur

Leserkommentare
  1. Die Welt geht laut Mayakalender genausowenig unter wie am 31.12., es beginnt nur eine neue "lange Zählung"!

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    auf den zugehörigen Tafeln ziemlich eindeutige Bilder, auf denen u.a. der fliegende Drache/die fliegende Schlange eines Gottes große Mengen an Wasser über die Erde speit.

    Wüsste nicht, wie man das anders interpretieren soll, als dass laut Glauben der Maya ein Gott eine Flutkatastrophe schickt.

  2. Jetzt fängt die ZEIT auch schon mit dem Maya-Kalender[...] an. Was dürfen wir als nächstes erwarten? [...]

    Gekürzt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Naja, letztendlich muß die ZEIT ja auch Auflage machen. Ich frage mich nur, ob sie nun die Zielgruppe wechselt?

    Nur die Ruhe, diese Maya-2012-Weltuntergangserwähnung ist doch ganz offensichtlich nur der Aufhänger, um die Top-5 der persönlichen Lieblingsreiseziele von XY aufzuziehen.

    Außerdem ist der der Weltuntergang längst auf den 28. Dezember verschoben worden, um das Weihnachtsgeschäft nicht zu gefährden.

    Es geht hier um Mythen und Sehnsüchte ....

    Ich kann Karin Ceballos Betancur nur beipflichten. Auch ich werde das kleine Tango-Café nicht verraten. Und wenn ich einen letzten Wunsch hätte würde ich den Abend dort verbringen.

  3. 3. Markt

    Naja, letztendlich muß die ZEIT ja auch Auflage machen. Ich frage mich nur, ob sie nun die Zielgruppe wechselt?

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Ich fasse es nicht."
  4. Das Ende einer Ära ist ein Ende - ja. Sie macht auch Platz für eine neue Ära. Wenn bis dahin wenigstens der sich in Verallgemeinerungen verirrende Aberglaube gestorben ist, kann diese Ära vielversprechend werden.

    Eine Leserempfehlung
  5. Nur die Ruhe, diese Maya-2012-Weltuntergangserwähnung ist doch ganz offensichtlich nur der Aufhänger, um die Top-5 der persönlichen Lieblingsreiseziele von XY aufzuziehen.

    Außerdem ist der der Weltuntergang längst auf den 28. Dezember verschoben worden, um das Weihnachtsgeschäft nicht zu gefährden.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Ich fasse es nicht."
  6. Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und konstruktiv. Danke. Die Redaktion/ag

    Eine Leserempfehlung
  7. Es geht hier um Mythen und Sehnsüchte ....

    Ich kann Karin Ceballos Betancur nur beipflichten. Auch ich werde das kleine Tango-Café nicht verraten. Und wenn ich einen letzten Wunsch hätte würde ich den Abend dort verbringen.

    Antwort auf "Ich fasse es nicht."
  8. nur um das in Europa wohl bekannteste Gesicht des weltweit allein den Ton bestimmenden, monströsen Finanz- und Kapital- (Un)Wesens zu nennen, dem denn zugestimmt?!

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Weltuntergang | Apokalypse | DDR | Kasachstan | Albanien | Jerusalem
Service