Singsang bis in alle Ewigkeit: Nach Buenos Aires, zum finalen Protestmarsch

Es heißt, man habe drei Wünsche frei, wenn man zum ersten Mal den Obelisken von Buenos Aires sieht – ein wenig subtiles Denkmal, 1936 errichtet zum 400. Geburtstag der Stadt, ein gigantischer Phallus aus Stein, umblinzelt von Neonreklamen und dem Verkehr auf der vierzehnspurigen Avenida 9 de Julio.

Meinen ersten Wunsch verschwendete ich vor Jahren leichtfertig an einen Tangosänger. Der zweite ging dafür drauf, einen Abend in der Bonbonera, dem Fußballstadion der Boca Juniors, zu verbringen und 90 Minuten lang mitten in der berüchtigten Fankurve den Gesängen und dem Spiel eines anarchischen Orchesters zuzuhören, das, über den Rang verstreut, die Niederlage einer chancenlosen Gastmannschaft begleitete. Genau genommen, galt der Wunsch dem Ziel, die Fankurve nach dem Spiel unversehrt zu verlassen. Und er wurde mir gewährt.

Wenn ich wüsste, dass mir nur noch eine einzige Reise bleibt, ehe die Welt zugrunde geht, zöge es mich an keinen der unzähligen Orte, die ich noch nie gesehen habe. Ich käme zurück nach Buenos Aires , in die schönste, lauteste, wildeste, menschlichste aller Metropolen. Auf der Avenida de Mayo, wo immer irgendein Trommel schlagender, Flugblätter werfender Protestmarsch in Gang ist, liefe ich am Morgen im Pulk hin zum Regierungspalast, zu der Casa Rosada, und gemeinsam demonstrierten wir gegen Lohnkürzungen, Korruption, vielleicht auch gegen den bevorstehenden Weltuntergang, ein guter Grund findet sich immer. In den gesperrten Seitenstraßen bildeten die bunten Busse lange, schnaufende Schlangen, und irgendjemand empörte sich haltlos über die Gesamtsituation, in diesem wunderbaren argentinischen Singsang.

In der Confitería Ideal tränke ich einen letzten Kaffee und hoffte, dass in der Ecke des schummrigen Saals im Erdgeschoss noch immer der alte Mann mit seiner Heimorgel Walzer in die Tiefe des Raums spielte. Ich liefe durch die Straßen des Stadtviertels Palermo , vorbei an den alten Mauern und Säulen flacher Jahrhundertwendevillen, an schattigen Innenhöfen und schmiedeeisernen Balkonen. Es müsste Sommer sein, Spätsommer im Februar, März, und das Licht müsste golden durch das Laub der Bäume auf das Kopfsteinpflaster fallen. Am Abend dann besuchte ich die kleine Kneipe mit den Gästen, die auf geheime Zeichen hin Instrumente in die Hand nehmen und gemeinsam zu spielen beginnen, während andere ihren Fernet absetzen und über den schwarz-weißen Fliesenboden tanzen. In der Kneipe, deren Namen ich nicht verraten werde, niemandem, niemals. Auch jetzt nicht.

Einen Wunsch nämlich habe ich noch offen. Wenn ich ihn einlöse, fügt sich die Welt nach einer apokalyptischen Schrecksekunde erneut zum Ball, alle Menschen sprechen Spanisch, und überall ist Argentinien. Ich sage Ja zur Apokalypse.

Karin Ceballos Betancur