Gender Studies

Ein kleines Fach? Gender Studies? Helma Lutz sitzt im 26. Stock des AfE-Turms in der Frankfurter Innenstadt und runzelt die Stirn. »So habe ich das noch nie gesehen.« Dabei scheint die Sache klar zu sein: Lutz ist die einzige Professorin mit dem Lehrauftrag Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe-Universität . Bundesweit zählt das Fach lediglich 62 Lehrstühle, verteilt auf 22 Unis. Doch wer sich in Frankfurt genauer umschaut, versteht, wie ein kleines Fach in der öffentlichen Wahrnehmung so groß werden kann: Neben Lutz gibt es drei weitere Professorinnen, die zwar einer anderen Disziplin angehören, aber einen Großteil ihrer Zeit auf das Thema verwenden. Da ist die Erziehungswissenschaftlerin mit dem Fokus empirisch-pädagogischer Geschlechterforschung, eine Politologin erforscht Entwicklungsländer »unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterverhältnisse«, eine Amerikanistin hat den Schwerpunkt Gender und Ethnics. Insgesamt zwei Dutzend Vertreter verschiedenster Disziplinen haben sich im Cornelia Goethe Centrum zusammengetan.

Das Centrum verkörpert dabei in geradezu idealtypischer Weise die Interdisziplinarität kleiner Fächer, von der Forscher immer schwärmen: jede Menge Konferenzen, Fachtagungen, internationale Gastvorträge und Forschungsprojekte. Gemeinsam drehen sie das ganz große Rad. Lutz sagt: »Nur weil eine Frau Kanzlerin ist, heißt das nicht, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern aufgehoben ist.« Längst hat sich das ehemals reine Frauenfach auch der Männerforschung zugewandt. Diese Entwicklung erklärt die Professorin Lutz so: »In einer Gesellschaft, in der Frauen ihre Rollen neu definieren, hat das automatisch Folgen für das Selbstverständnis der Männer.« Entsprechend rasant steigt die Zahl männlicher Studenten.

Lenard Gunkel, 25, hat bei Lutz das Thema Intersektionalität belegt, ein neues Forschungsgebiet, das sich mit dem Zusammenspiel von Geschlecht, ethnischer und sozialer Herkunft bei der Verteilung von Lebenschancen befasst. In Gunkels zweitem Seminar geht es um Männergesundheit. Ein wenig, gesteht er, sei er bei der Wahl des Schwerpunkts in seinem Soziologiemaster auch strategisch vorgegangen: »Die Politik hat erkannt, dass sie etwas tun muss, und setzt auf Gender-Mainstreaming. Und in der Administration solcher Programme sind Männer unterrepräsentiert.«

So entsteht aus der Kombination von gesellschaftlicher Zielsetzung und persönlichem Einsatz der Lehrenden eine Dynamik, die das Fach bald auch offiziell aus der Riege der Kleinen herauskatapultieren könnte: 30 Lehrstühle zusätzlich hat die Politik seit 1997 spendiert. Sechs neue Standorte sind dazugekommen. Eine Entwicklung, von der andere Fächer nur träumen können.