Paläontologie

Im Flur vor Wolfgang Oschmanns Büro hängt eine Gesteinsplatte, graubraun mit Einsprengseln. Ein »Korallenriff aus den nördlichen Kalkalpen« sei das, verkündet ein Schild. Ein paar Meter weiter noch eine Platte, die an einen Grabstein erinnert, daneben steht: »Devonischer Riffschutt«. Wer seine Vorurteile von einem langweiligen Nischenfach pflegen will, einem Nischenfach, dessen Vertreter bei der Betrachtung uralter Steine und Knochen in Verzückung geraten, ist bei den Paläontologen richtig. Unter den kleinen Fächern gehören sie zu den großen Verlierern: 21 Professuren mussten sie seit 1997 abgeben, mehr als ein Drittel, acht von 27 Standorten wurden ganz gestrichen. Ein Fach vor dem Aus?

Als Wolfgang Oschmann, Professor für Paläontologie an der Frankfurter Goethe-Uni , das hört, muss er grinsen angesichts so vieler Ahnungslosigkeit. »Was Sie beschreiben, gibt es kaum noch«, sagt er. »Die klassische Paläontologie, in der ein Wissenschaftler Experte ist für irgendeine exotische versteinerte Schnecke und ihre Besonderheiten, hat die Evolution des Faches nicht überlebt.« Heute fahren Paläontologen zum Beispiel auf Bohrschiffen raus aufs Meer, nehmen Gesteinsproben und analysieren mit aufwendigen chemischen Verfahren, welches Klima vor Jahrmillionen geherrscht hat. Eine Muschel, sagt Oschmann, könne 500 Jahre alt werden, und für jedes dieser Jahre ließen sich die Temperaturschwankungen in ihrem Material ablesen.

Als Oschmann Mitte der Achtziger promovierte, schüttelten manche seiner Kollegen den Kopf. »Du mit deinem Klima«, hieß es. »Und plötzlich ist Klimaforschung eines der heißesten Themen überhaupt«, sagt er und zuckt mit den Achseln. So kann es gehen. Geahnt hat er das nicht. Die Belohnung jedoch können die prähistorischen Klimaforscher am Stellenplan ablesen: Standorte wie Frankfurt und Bonn haben gegen den Trend zugelegt, Bonn kam von drei auf fünf Professuren, Frankfurt gar von null auf drei. Und so kommt es, dass es selbst in einem vermeintlichen Verliererfach Gewinner gibt.

Und die Studenten sind fasziniert. Dominik Leonhardt zum Beispiel. »Am Anfang meines Geowissenschaftenstudiums dachte ich, Paläontologie sei das langweiligste Fach von allen«, sagt er. Heute schwärmt er von mikroskopisch kleinen Meeresorganismen und plant ein Praktikum in einem Bohrkernlager. Um seine Karriere macht sich der 23-Jährige keine Sorgen. Als Paläontologe könne man beispielsweise hervorragend in der Erdölindustrie arbeiten, wobei das für ihn persönlich moralisch nicht infrage komme. Eher schon, den Klimawandel weiter zu erforschen. So oder so, sagt Leonhardt: »Jobs gibt es im Überfluss.«