Ungewöhnliche JobsDie Weinversteherin

Caro Maurer darf als erste Deutsche den Titel »Master of Wine« tragen. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Ausbildung. von Maren Preiss

Nichts fürchtet Caro Maurer in diesen Tagen mehr als eine Erkältung. Denn wenn Viren ihren Geruchs- und Geschmackssinn lahmlegen, ist die 48-Jährige berufsunfähig. Weniger als freie Journalistin, sondern in ihrem Zweitberuf als Weinexpertin. Caro Maurer degustiert und bewertet Wein für Fachzeitschriften und als Mitglied internationaler Jurys. Seit September tut sie das mit den größten nur denkbaren Weihen: Sie ist bislang die einzige Deutsche, die den Titel »Master of Wine« tragen darf. Gerade einmal drei Männer haben dazu hierzulande das Recht.

Verliehen wird er seit 1955 vom Londoner Institute of Masters of Wine, einer Eliteschule für Weinspezialisten. Das Diplom, das einst nur britischen Händlern offenstand, kann seit 1984 von Weinfachleuten aus aller Welt erworben werden – Kapital, Eigeninitiative und differenzierten Geschmackssinn vorausgesetzt. In der internationalen Weinbranche gilt die Ausbildung als die schwierigste überhaupt. Nur jeder Zehnte schließt die Prüfung erfolgreich ab. Seit Gründung des Instituts waren das 300 Absolventen. Wer wie Maurer die Talentschmiede mit einem Diplom verlässt, gehört auf Planet Wine zu einem exklusiven Zirkel weltweit gefragter Experten, die in einem Wein lesen wie Musikkritiker in einer Sinfonie.

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Dernau an der Ahr, Mitte November. Caro Maurer betritt mit einer Skischuhtasche aus Nylon den Probierraum des Weinguts Ludwig Kreuzberg. Auf 8,5 Hektar baut der Winzer an den steilen Hängen der Ahr vor allem Burgunder-Reben an. Der neue Jahrgang ist gerade abgefüllt worden.

Die gebürtige Allgäuerin öffnet die Tasche und holt ihr Arbeitsmaterial heraus: einen abgewetzten Pappkarton mit zwölf Degustiergläsern und einen hohen blauen Plastikbecher, Maurers Spucknapf. Den Laptop, dessen Tastatur übersät ist mit Weinspritzern, hat sie heute zu Hause in Bonn gelassen.

Kreuzberg hat die erste Flasche geöffnet, einen Pinot Blanc. Während er von den schwierigen klimatischen Bedingungen der zurückliegenden Produktion und dem damit verbundenen hohen Säuregehalt erzählt, steckt Maurer ihre Nase in eines der mitgebrachten Degustiergläser und inhaliert die Aromen. »Superjung, primär fruchtig. Du weißt sofort, dass das ein Wein aus dem aktuellen Jahrgang ist«, hebt sie zur Wertung an. Sie setzt das Glas an die Lippen, nimmt eine Kostprobe, spürt leise gurgelnd den Aromen nach. Dann spuckt sie die Flüssigkeit in den blauen Plastikbecher. »Der hat so viel Frucht, dass ich sagen würde, der Wein wurde relativ kühl vergoren. Und durch die cremige Textur kommt man schnell darauf, dass er einen biologischen Säureabbau hat.«

Es brauchte vier Jahre Selbststudium und Tausende Euro

Caro Maurer ist bei einem ihrer Lieblingsthemen angelangt: Weinchemie. Mit der Selbstverständlichkeit derjenigen, die ihr Fach aus dem Effeff beherrscht, erklärt sie, dass mithilfe des biologischen Säureabbaus harte Apfelsäure in mildere Milchsäure verwandelt wird. Was sich harmlos anhört, kann für den Winzer schnell zum Problem werden. »Biologischer Säureabbau ist ein riskanter Eingriff«, sagt Maurer, »weil mit der Säure auch die Fruchtaromen verschwinden. Stattdessen kommen buttrige Noten hinein, beides ist bei deutschem Weißwein normalerweise nicht erwünscht. Häufig ist es besser, die Säure stehen zu lassen und mit Restsüße auszugleichen.«

Als müsste sie ihre Begeisterung für Weinchemie noch unterstreichen, zieht sie einen kapitalen Wälzer hervor: Wine Chemistry von Yair Margalit, Maurers persönliche Bibel. Die Seiten wimmeln von gelb und pink markierten Textstellen. »Dieses Buch hat mich im Studium total gefesselt«, erzählt sie. »Anders als bei Joyce’ Ulysses konnte ich nach der ersten Lektüre sagen: Ich habe verstanden. Danach wusste ich, dass ich mit meinem Studium richtigliege.«

Leserkommentare
  1. Leider ist die Weinbranche immer noch sehr Mannlastig. Derweil gibt es viele Möglichkeiten, auch mit Fachpraktikas einmal reinzuschnuppern. Stellen dazu gibts es u.a. auf www.weinjobs.de

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