Um Punkt halb sechs eröffnet Heike Roth*, Biologielehrerin an einer kleinen Oberschule in Brandenburg, die Bar. Hinter ihr warten zwei Kästen mit Bier und Alcopops, vor ihr 13 hibbelige Zehntklässler. Zwei bis vier Flaschen wird jeder von ihnen in den nächsten zwei Stunden trinken, dazwischen Promilletests und Konzentrationsspiele machen und die Ergebnisse in einem »Trinkprotokoll« notieren.

»Trinkexperiment« nennt sich das Ganze. Es ist Teil eines ziemlich ungewöhnlichen Alkoholpräventionsprogramms für Schulen, das der Psychologe Johannes Lindenmeyer und die Sozialpädagogin Simone Schramm von der Salus Klinik Lindow vor vier Jahren entwickelt haben. Seit Ende 2008 wird es in brandenburgischen Schulen durchgeführt, finanziert vom Gesundheitsministerium.

Pubertierende Teenies, ist man dort überzeugt, lernten den verantwortungsvollen Alkoholkonsum allemal besser durch Selbsterfahrung als durch Abschreckung und Verbote. Suchtexperten sehen das ähnlich. Rainer Thomasius zum Beispiel, der Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf. Ihn stört zwar, dass auch bei diesem Ansatz die Verantwortung von den Eltern auf die ohnehin überlasteten Schulen geschoben wird. »Das lebensnahe Setting finde ich aber sehr gut.« Ebenso wie die Tatsache, dass Lindenmeyer und Schramm das Projekt derzeit an Schulen in ganz Deutschland evaluieren: »Das kommt leider viel zu selten vor.«

Viel Lob also für ein noch recht neues Projekt – trotzdem möchte Heike Roth ihren Namen und den der Schule lieber nicht in der Zeitung lesen. Zu gewagt scheint ihr das angesichts des Sturms der Empörung, den das »Lieber schlau als blau«-Programm im benachbarten Berlin auslöste. Als Lindenmeyer und Schramm ihren Workshop dort an Schulen vorstellen wollten, ging die Senatsverwaltung auf die Barrikaden: Kollektivsaufen im Unterricht? Schnapsidee! Bis in die Tagesthemen brandete die Aufregung. Am Ende riet der Senat den Schulen offiziell von der Durchführung ab: Ziel sei es schließlich, den »Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen so weit wie möglich hinauszuschieben«.

Simone Schramm steht an diesem Abend neben Heike Roth und kontrolliert per Liste, dass jeder Schüler nur so viel trinkt, wie ihm die Eltern vorher schriftlich erlaubt haben. Sie sagt, die Einstellung der Berliner sei »blauäugig«: »Man kann doch die Realität nicht ausblenden! Das erste Glas trinken 80 Prozent schon mit 14, mit 15 haben sie den ersten Rausch. Dazu kommt das Problem mit den Komatrinkern.« Selbstverständlich werde beim Schulexperiment kein Nichttrinker zum Trinken animiert. »Doch die, die schon Erfahrung haben, können im kontrollierten Rahmen erfahren, was Alkohol bewirkt: Wie verändere ich mich? Wann sollte ich aufhören?« Außerdem sei so ein Praxistest ein Motivationshaken. Welcher Teenager rede schon freiwillig mit seinen Lehrern über Alkohol?

Marcel hat auf jeden Fall schon angebissen. Der 16-Jährige sitzt mit seinen ersten zwei Bier im Bürgertreff, wo das Experiment durchgeführt wird, und findet den Workshop »zumindest besser als den Mist, den wir vorher zum Thema gemacht haben. Vorträge, Theaterstücke – da lernt man doch nichts Neues.« Er ist vor allem auf die Auswertung der Fragebögen zum Alkoholkonsum gespannt, die sie vorhin ausfüllen mussten. Bei der Nachbereitung nächste Woche sollen die Schüler erfahren, ob sie schon jetzt einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol pflegen.

Marcel, erstes Glas mit 14, erster Vollrausch kurz darauf, rechnet mit einem guten Abschneiden: »Ich weiß, wie viel ich vertrage.« Klar, in den Ferien komme es schon mal vor, »dass ich mich jeden dritten Tag volllaufen lasse. Aber manche sind echt härter drauf.« Dass die vier Bier heute Abend bei ihm irgendeine negative Wirkung hätten, glaubt er nicht: »Da bin ich höchstens angeheitert.«

Marie ist sich da nicht so sicher. Die 15-Jährige sitzt noch etwas schüchtern vor ihren ersten zwei Beck’s Green Lemon. Da sie unter 16 ist, wird sie beim Experiment nur halb so viel trinken wie Marcel. Trotzdem ist sie »echt gespannt, wie fit ich danach bin«. Mehr als zwei Alcopops trinke sie nämlich auch auf Partys selten. »Schmeckt halt lecker. Ich brauch’s aber nicht.«

Sechs Uhr: Zeit für die erste Testrunde. Die Schüler haben ihre erste Ration geleert, die Stimmung erinnert jetzt ein bisschen an Abschlussfahrt: Durch den Raum wabern Bier- und Chipsdünste. Aus der Mädchenecke kichert es in steigender Frequenz, in der Jungsecke versucht man derweil engagiert, Kronkorken mit den Händen zu zerdrücken. Roth steht mit Schramm und der zweiten Aufsichtslehrerin gespannt daneben. Ein Jahr hat sie gekämpft, um den Workshop durchführen zu können. »Der Aufwand ist ja schon enorm. Ich verstehe, dass das manche Schulen abschreckt.« Bisher, findet sie, hat es sich aber gelohnt: »Gucken Sie doch, wie die jetzt schon aus dem Häuschen sind. Immer sagen sie, dass sie zwei Bier locker wegstecken. Ich wünschte, die könnten sich jetzt sehen.«