Safiental: Die Zukunft findet woanders statt
Das Bündner Safiental will eine Randregion bleiben – und das ist gut so.
Bald wird klar: Der alte Volvo ist nicht für dieses Terrain gebaut worden. Zwar fühlt er sich auf Naturstraßen grundsätzlich wohl, nur verlaufen die Pisten in seiner Heimat meist schnurgerade. Hier auf der holprigen Talstraße von Versam nach Thalkirch verliert der Schwede mit Heckantrieb seine Gemütlichkeit: Die Starrachse poltert und die Räder versetzen gefährlich in den engen Kurven. Kaum kommt das Auto auf einem flachen Abschnitt ins komfortable Gleiten, muss es vor einer unübersichtlichen Biegung wieder abrupt bremsen.
Die abenteuerliche Zufahrt macht das Safiental zu einer der abgelegensten Regionen im Kanton Graubünden. Die 25 Kilometer lange Safierstraße, zwischen 1882 und 1885 gebaut, schlängelt sich noch immer weitgehend einspurig und unasphaltiert von der Rheinschlucht hinauf zum Talende, nach Z’hinderst, auf fast 1.700 Metern über dem Meer.
Unglücklich sind die Einheimischen, die Nachkommen der im 14. Jahrhundert eingewanderten Walser, darüber nicht. Denn im Unterschied zu ihren Nachbarn im Valsertal oder in der Weissen Arena von Laax, Flims, Falera sind sie vom schnellen Geld des Massentourismus wenig angetan.
Das größte Bauprojekt ist dieses Jahr ein Viehstall mit einem Güllenloch
Auf halber Strecke, ab dem Örtchen Safien Platz, besteht der Straßenbelag nur noch aus Kies und Sand, zudem bleibt an diesem Dezembertag der frische Schnee liegen – so kriecht der Volvo seinem Ziel entgegen, den Camaner Hütten.
Doch einen Kilometer davor steckt er fest. Zu Hilfe kommt Hanspeter Gander. Der 51-jährige Landwirt fährt uns in einem betagten Geländewagen zu seinem »Ställi«. Es steht in einer ursprünglich von Walsern angelegten Streusiedlungen auf 1800 Metern. Wie auf einer Perlenkette reiht sich hier an der Talflanke ein Holzhaus ans andere.
Ganders »Ställi« ist hundert Jahre alt. Bis 1970 wurden darin über Nacht Kühe untergebracht, nun sorgen Bodenheizung, Warmwasser, Glaskeramikherd und eine moderne Toilette für das Wohlbefinden gestresster Städter. »Wir können hier oben nicht sehr viel bieten. Wir haben kein Schwimmbad, keine Wellness-Oase und keinen Golfplatz. Davon gibt es im Rest Graubündens mehr als genug. Wer aber Ruhe und Natur sucht, kommt im Safiental voll auf seine Kosten«, sagt Hanspeter Gander und eilt in den Stall zu seinen Rindern, Kühen und Mastkälbern.
Die Familie Gander gehört zu dem Dutzend Bauern im Safiental, die nebenberuflich Agrotourismus betreiben. Noch vor ein paar Jahren schrieb die Neue Zürcher Zeitung: »Eine Gastgebertradition gibt es im Safiental nicht wirklich, und viele der meist in der Landwirtschaft tätigen Einwohner sehen wenig Anlass, daran etwas zu ändern, was sie sich nicht zuletzt dank den Subventionen aus Bern auch leisten können.« Auch heute ist man den Touristen-Franken nicht hörig. So gibt es unzählige leer stehende Ställe, die sich für den Umbau zu Ferienhäusern eignen würden. Andere Bündner Gemeinden forcieren diese Umnutzungen – mit allen Mitteln, nicht nur den erlaubten. Im Safiental ist man zurückhaltender. »Wir fragen halt den Kanton zuerst, ob ein Stall umgebaut werden darf«, sagt Ueli Blumer; er ist Landwirt und Gemeindepräsident von Safien. So machte der Denkmalschutz seinem Kollegen Hanspeter Gander beinahe einen Strich durch die Rechnung: Nach langem Hin und Her wurde der Umbau seines »Ställi« schließlich bewilligt – aber nur ausnahmsweise, weil der Schopf so nahe beim Bauernhof steht.
Wir treffen Ueli Blumer im kleinen z’Cafi an der Talstraße. Mit am Tisch sitzen drei orange gekleidete Werkhof-Arbeiter und ein alter Dorfbewohner, der gedankenverloren seine Ovo schlürft. Ein Randregionen-Idyll. Andernorts in den Bündner Bergen, von der Lenzerheide bis St. Moritz, von Sedrun bis Scuol, sogar im Valsertal oder im Lugnez, den beiden anderen stotzigen Seitentälern der Surselva, macht man jedem den Hof, der eine Ferienbleibe sucht. Auch wer je ins Safiental fuhr, der wünscht sich nichts lieber, als hier einen alten Stall umzubauen. Doch dazu sagt Ueli Blumer, der 36-jährige Gemeindepräsident, der wie alle hier oben deutlich jünger wirkt: »Wir bevorzugen Leute, die hier wohnen und Steuern bezahlen. Zweitwohnungen und Ferienhäuser bringen uns eigentlich nichts.« Die Gemeinde hat zwar eine Bauzone, aber Ferienhaus-Projekte versanden meist wieder nach der ersten euphorischen Anfrage. »Und das ist auch gut so«, sagt Blumer.
Ja, Safien und sein Tal sind einen anderen Weg gegangen. Zum Beispiel im Vergleich zu Falera. Der Ferienort oberhalb von Laax ist besonders bei Zürchern beliebt. In den siebziger Jahren war Falera mit 300 Einwohnern genauso groß wie Safien, danach setzte der Zweitwohnungsbauboom ein. Gemäß einer Auswertung der Immobilienberatungsfirma Wüest & Partner erteilten die Behörden in Falera, wo die Bodenpreise fast Zürcher Goldküsten-Niveau erreichen, in den letzten zehn Jahren 154 Baubewilligungen. In Safien waren es – null. Das größte Bauprojekt in der Gemeinde ist dieses Jahr die Erstellung eines Großviehstalls mit einem Güllenloch.
Naturnah und bescheiden – so wünscht man sich die Touristen
Unterländer Planer und Ökonomen deuten den ausbleibenden Bauboom als Strukturschwäche, sie schimpfen das Tal eine »alpine Brache«. Dazu passt, dass in einem Jahr, am 1. Januar 2013, Safien, Tenna, Versam und Valendas zur Einheitsgemeinde Safiental fusionieren. Der Alleingang wurde zu teuer. Vor drei Jahren, als die Idee lanciert wurde, gab es einen Aufschrei – nun hat man sich damit arrangiert. Auch dank dem süßen Manna aus Chur, dem Kantonshauptort: 8,4 Millionen Franken lässt sich die Regierung die Gemeindefusion kosten.





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