Das Bild dieser Reise ist der kleine Junge auf dem Mittelstreifen. Plötzlich taucht er hinter der Kurve auf. Ein etwa dreijähriger Chinese, der traumverloren in die Luft blickt, einen Maiskolben in der Hand. Auf der viel befahrenen Strecke zwischen den südchinesischen Städten Longsheng und Kaili macht er die Straße zum Kinderzimmer, knabbert ein wenig vor sich hin und watschelt langsam zur Seite, vielleicht, weil unsere quietschenden Bremsen ihn stören. Der Hyundai-SUV kommt schnell zum Stehen. Schneller als die überladenen Lastwagen, die diese Strecke zu Tausenden entlangbrettern, denken wir schaudernd.

Wer in China Auto fährt , begegnet einer völlig anderen Idee der Straße. Hier ist sie nicht nur Transportweg, sondern auch Wohnstube, Abstellraum, Schaufenster, Treffpunkt – und manchmal eben auch Spielplatz. Bisher war es nicht möglich, als Tourist selbst das Steuer zu übernehmen und sich in diesen wimmeligen Kollektivraum zwischen Monster-Lkw, Fahrradkarren, Elektromopeds , Kinder, Lastträger, Hunde und Hühner zu stürzen. Doch seit Kurzem gibt es eine Sonderregelung der chinesischen Regierung, die Ausländern den Erwerb eines Führerscheins auf Zeit erlaubt. Herr Hu, unser Reisebetreuer in Shanghai , der aussieht wie der chinesische kleine Bruder von Jerry Lewis , hat dafür seine eigene wörterbuchpoetische Übersetzung parat: Lenkenzeugnis.

Der Weg zum Lenkenzeugnis beginnt in einem abgeranzten Büro im Nordwesten von Shanghai . Hier werden unsere deutschen Führerscheine übersetzt und unsere Namen durch andere ausgetauscht, die ein Chinese aussprechen kann. Im chinesischen Verkehrsbehördenwesen heißen wir jetzt Lili und Mike. Über Ausfallstraßen und durch Hochhausfluchten fahren wir zur Führerscheinstelle, einem abgeblätterten Betonbau, wo unsere Ausweise kopiert, seitenweise chinesische Antragsformulare ausgefüllt und grell geblitzte Amtsfotos erstellt werden. Dann kommt die »Körpernachprüfung« (Herr Hu), eine Art Gesundheitstest, durchgeführt von gelangweilten älteren Chinesinnen in weißen Kitteln. Die erste knipst ein paar ausgeleierte Elektroden an die Arme der beiden Prüflinge. Die zweite wiegt uns mit Jacken, Schuhen, Taschen. Die dritte, besonders muffige macht den Sehtest und erwischt mich beim Schummeln. Sie stampft mit dem Fuß auf, schimpft ungehalten und klopft mit dem Zeigestock herrisch auf die Tafel. Es ist ein wenig, als wäre man noch mal zwei Jahre alt und hätte neben das Töpfchen gemacht. Trotzdem bestanden!

Am nächsten Tag halten wir unsere chinesischen Führerscheine in Händen. Zwei niedliche Plastikkärtchen als Tor zum motorisierten China . Eigentlich haben wir nichts getan, außer zu warten, kommen uns aber doch ein bisschen vor wie Marco Polo .

Im Kopf leben viele Chinesen noch in der Fahrradzeit

Die touristische Rallye durch den Süden des Landes soll in Guilin beginnen, in der monumentalen Landschaft der Kalkkegelfelsen. Als wir nach dem Inlandsflug zum Hotel gebracht werden, begegnet uns eine prophetische Erscheinung: Mitten auf der Autobahn fährt eine weißhaarige alte Frau im blauen Maokittel gelassen auf ihrem Fahrrad. Gegen die Fahrtrichtung! So ist das hier also.

Am Abend sollen wir in der Halle eines realsozialistischen Hotelkastens das Mietauto in Empfang nehmen. Doch unser Pionierprojekt kommt vorübergehend ins Stocken. Die einheimische Mietwagenfirma verlangt eine Garantie, dass wir im Falle eines selbst verschuldeten Unfalls alle Schäden über 20.000 Euro übernehmen. Für einen Augenblick male ich mir aus, wie mein ZEIT-Redakteursgehalt der nächsten zehn Jahre für den Bentley eines chinesischen Millionärs gepfändet wird. Langes Diskutieren und lebhaftes Telefonieren zwischen Guilin, Peking und Hamburg . Herr Jian, unser Betreuer vor Ort, hat Schweißperlen auf der Stirn, als er die verschiedensten Unfallszenarien ins Chinesische übersetzen muss. Der deutsche Reiseveranstalter ist untröstlich und solidarisch. Man werde das Problem lösen.

Mit Herrn Jian, der die Aura eines gütigen Lehrers hat, unternehmen wir am nächsten Tag eine Fahrt auf dem Li-Fluss. Sanft gleitet das Schiff vorbei an grün bewachsenen Felskegeln, die sich zu immer bizarreren Gebirgen gruppieren. Die noch vom Morgendunst bedeckte Landschaft wirkt wie ein Tuschebild. Oder wie ein Kindertraum von China. Flussaufwärts, in der von chinesischen Touristen eingenommenen Stadt Yangshuo, mieten wir uns Fahrräder, um in die zartgrüne Ebene zwischen den Kegeln zu gelangen. Es ist der erste wirkliche Kontakt mit dem hiesigen Verkehr. Junge Frauen auf Mopeds fahren mit ihren Kindern huckepack in die Abenddämmerung hinein. Ein Mann auf einem Motorrad rollt, ohne nach rechts oder links zu schauen, aus seinem Haus auf die Straße und rammt mich fast. Tiere sind hier vollwertige Verkehrsteilnehmer und verhalten sich auch nicht unvernünftiger als die Menschen. Vorfahrt, dein Name ist Wasserbüffel!

Gegen Abend dann der Anruf aus Deutschland: Der Reiseveranstalter übernimmt die Schadensgarantie. In Zukunft werde man die Versicherungslücke von Deutschland aus schließen. Herr Jian ist über die Nachricht so erleichtert, dass er vor Aufregung mit seinem Fahrrad in die Auslage eines Andenkenstandes fährt.