Autofahren in China Im Jahr der gesengten Sau

Erstmals dürfen Touristen in China selbst am Steuer sitzen. Eine Achterbahnfahrt durch den Süden des Landes

Das Bild dieser Reise ist der kleine Junge auf dem Mittelstreifen. Plötzlich taucht er hinter der Kurve auf. Ein etwa dreijähriger Chinese, der traumverloren in die Luft blickt, einen Maiskolben in der Hand. Auf der viel befahrenen Strecke zwischen den südchinesischen Städten Longsheng und Kaili macht er die Straße zum Kinderzimmer, knabbert ein wenig vor sich hin und watschelt langsam zur Seite, vielleicht, weil unsere quietschenden Bremsen ihn stören. Der Hyundai-SUV kommt schnell zum Stehen. Schneller als die überladenen Lastwagen, die diese Strecke zu Tausenden entlangbrettern, denken wir schaudernd.

Wer in China Auto fährt, begegnet einer völlig anderen Idee der Straße. Hier ist sie nicht nur Transportweg, sondern auch Wohnstube, Abstellraum, Schaufenster, Treffpunkt – und manchmal eben auch Spielplatz. Bisher war es nicht möglich, als Tourist selbst das Steuer zu übernehmen und sich in diesen wimmeligen Kollektivraum zwischen Monster-Lkw, Fahrradkarren, Elektromopeds, Kinder, Lastträger, Hunde und Hühner zu stürzen. Doch seit Kurzem gibt es eine Sonderregelung der chinesischen Regierung, die Ausländern den Erwerb eines Führerscheins auf Zeit erlaubt. Herr Hu, unser Reisebetreuer in Shanghai, der aussieht wie der chinesische kleine Bruder von Jerry Lewis, hat dafür seine eigene wörterbuchpoetische Übersetzung parat: Lenkenzeugnis.

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Der Weg zum Lenkenzeugnis beginnt in einem abgeranzten Büro im Nordwesten von Shanghai. Hier werden unsere deutschen Führerscheine übersetzt und unsere Namen durch andere ausgetauscht, die ein Chinese aussprechen kann. Im chinesischen Verkehrsbehördenwesen heißen wir jetzt Lili und Mike. Über Ausfallstraßen und durch Hochhausfluchten fahren wir zur Führerscheinstelle, einem abgeblätterten Betonbau, wo unsere Ausweise kopiert, seitenweise chinesische Antragsformulare ausgefüllt und grell geblitzte Amtsfotos erstellt werden. Dann kommt die »Körpernachprüfung« (Herr Hu), eine Art Gesundheitstest, durchgeführt von gelangweilten älteren Chinesinnen in weißen Kitteln. Die erste knipst ein paar ausgeleierte Elektroden an die Arme der beiden Prüflinge. Die zweite wiegt uns mit Jacken, Schuhen, Taschen. Die dritte, besonders muffige macht den Sehtest und erwischt mich beim Schummeln. Sie stampft mit dem Fuß auf, schimpft ungehalten und klopft mit dem Zeigestock herrisch auf die Tafel. Es ist ein wenig, als wäre man noch mal zwei Jahre alt und hätte neben das Töpfchen gemacht. Trotzdem bestanden!

Am nächsten Tag halten wir unsere chinesischen Führerscheine in Händen. Zwei niedliche Plastikkärtchen als Tor zum motorisierten China. Eigentlich haben wir nichts getan, außer zu warten, kommen uns aber doch ein bisschen vor wie Marco Polo.

Im Kopf leben viele Chinesen noch in der Fahrradzeit

Die touristische Rallye durch den Süden des Landes soll in Guilin beginnen, in der monumentalen Landschaft der Kalkkegelfelsen. Als wir nach dem Inlandsflug zum Hotel gebracht werden, begegnet uns eine prophetische Erscheinung: Mitten auf der Autobahn fährt eine weißhaarige alte Frau im blauen Maokittel gelassen auf ihrem Fahrrad. Gegen die Fahrtrichtung! So ist das hier also.

Am Abend sollen wir in der Halle eines realsozialistischen Hotelkastens das Mietauto in Empfang nehmen. Doch unser Pionierprojekt kommt vorübergehend ins Stocken. Die einheimische Mietwagenfirma verlangt eine Garantie, dass wir im Falle eines selbst verschuldeten Unfalls alle Schäden über 20.000 Euro übernehmen. Für einen Augenblick male ich mir aus, wie mein ZEIT-Redakteursgehalt der nächsten zehn Jahre für den Bentley eines chinesischen Millionärs gepfändet wird. Langes Diskutieren und lebhaftes Telefonieren zwischen Guilin, Peking und Hamburg. Herr Jian, unser Betreuer vor Ort, hat Schweißperlen auf der Stirn, als er die verschiedensten Unfallszenarien ins Chinesische übersetzen muss. Der deutsche Reiseveranstalter ist untröstlich und solidarisch. Man werde das Problem lösen.

Mit Herrn Jian, der die Aura eines gütigen Lehrers hat, unternehmen wir am nächsten Tag eine Fahrt auf dem Li-Fluss. Sanft gleitet das Schiff vorbei an grün bewachsenen Felskegeln, die sich zu immer bizarreren Gebirgen gruppieren. Die noch vom Morgendunst bedeckte Landschaft wirkt wie ein Tuschebild. Oder wie ein Kindertraum von China. Flussaufwärts, in der von chinesischen Touristen eingenommenen Stadt Yangshuo, mieten wir uns Fahrräder, um in die zartgrüne Ebene zwischen den Kegeln zu gelangen. Es ist der erste wirkliche Kontakt mit dem hiesigen Verkehr. Junge Frauen auf Mopeds fahren mit ihren Kindern huckepack in die Abenddämmerung hinein. Ein Mann auf einem Motorrad rollt, ohne nach rechts oder links zu schauen, aus seinem Haus auf die Straße und rammt mich fast. Tiere sind hier vollwertige Verkehrsteilnehmer und verhalten sich auch nicht unvernünftiger als die Menschen. Vorfahrt, dein Name ist Wasserbüffel!

Gegen Abend dann der Anruf aus Deutschland: Der Reiseveranstalter übernimmt die Schadensgarantie. In Zukunft werde man die Versicherungslücke von Deutschland aus schließen. Herr Jian ist über die Nachricht so erleichtert, dass er vor Aufregung mit seinem Fahrrad in die Auslage eines Andenkenstandes fährt.

Bevor es losgeht, gibt uns Herr Jian, der gerade seinen Führerschein macht, noch drei Bemerkungen mit auf den Weg. Erstens: Im Kopf lebten die Chinesen noch in der Fahrradzeit, obwohl inzwischen die Autozeit angebrochen sei. Daher das unbedachte Verkehrsverhalten seiner Landsleute. Zweitens: Vor Zebrastreifen halte niemand an, da die geschäftige chinesische Gesellschaft sonst zu sehr verlangsamt würde. Drittens müsse man viel »hupfen«, was wohl eine Verschmelzung von hupen und hüpfen ist.

Die ersten Kilometer am Steuer sind ein kleines Abenteuer. Im Verkehrsgewühl von Guilin fühlt man sich wie in einem Videospiel, das immer neue Hindernisse auffährt. Mopeds queren die Fahrbahn, ohne zu blinken. Eine Frau bleibt mitten auf der Straße stehen und telefoniert. Fußgänger rotten sich in Rudeln zusammen, um gemeinsam blitzschnell die Fahrbahn zu kreuzen. Am beeindruckendsten ist das vollkommen unberechenbare, aber passgenaue Autofahren der Einheimischen: Millimeterdicht schießen sie in jede Lücke hinein. Es gibt keinen Respekt vor dem anderen Wagen. Aber auch nicht vor dem eigenen. Die Chinesen, das wird schnell klar, fahren wie Sau. Daher muss man selbst wie eine besonnene Sau fahren.

Karte China
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Vor uns liegt eine 1.700 Kilometer lange Strecke durch Südchina. Acht Tage lang wird sie uns durch eine Gegend führen, die hauptsächlich von ethnischen Minderheiten bewohnt wird. In selbst verwalteten Provinzen und oftmals abgelegenen Dörfern pflegen die Völker der Yao, der Zhuang, der Dong und der Miao ihre Traditionen. Früher galten ihre Lebensweisen dem Staat als subversiv, heute als Attraktionen für den Tourismus. Die erste Etappe führt zu den Yao in der Bergregion von Longsheng. Es ist eine Fahrt über Gebirgsstraßen voller Schlaglöcher und vergessener Baustellenabsperrungen. Dank des vom Reiseveranstalter mitgegebenen iPads mit GPS surfen wir sicher über das Meer der Straßenschilder bis nach Pin’gan. Das Yao-Dorf, in dem unser Gasthaus gebucht ist, liegt, für Autos unzugänglich, an einem Berghang. Ein steiler Aufstieg führt zu den mehrstöckigen, gemütlich wirkenden Häusern aus dunklem Bambusholz. Dann ist der Blick frei auf ein überwältigendes Panorama. So weit das Auge reicht, schmiegen sich Reisterrassen dem sanften Schwung der Bergprofile an, bis zu tausend Meter hoch. Man ahnt die unendliche Mühsal, mit der die manchmal nur armbreiten Felder dem Berg abgerungen wurden.

Wenn die Speisekarte nicht weiterhilft, schauen wir in der Küche vorbei

Am Abend ist das Dorf stockdunkel. In einer Handvoll Gasthäusern wird die Köstlichkeit der Region angeboten: über dem Feuer in Bambusstämmen gegarter Reis mit Huhn oder Lamm. Wir bestellen Schnecken mit Knoblauch und Chili dazu. Niemand hier spricht eine Fremdsprache, das ist fast überall so auf dieser Fahrt, auch englischsprachige Speisekarten sind selten. Man kommt trotzdem durch. Mit einer freundlichen Dick-und-Doof-Zeichensprache. Oder indem man auf die Gerichte an den Nachbartischen zeigt oder kurz in der Küche vorbeischaut. Sind die angesichts der Fremden oftmals rührend verunsicherten Kellner erst einmal erobert, isst man in China immer wunderbar.

Am nächsten Tag dann das Gegenprogramm zur Reisterrassen-Poesie von Longsheng: eine Gegend, in der man einen sozialkritischen Film drehen könnte. Der Himmel hängt tief. Auf einem trüben, manchmal in giftigem Phosphor leuchtenden Fluss schippern ausgeleierte Baggerkräne. Die Straße ist gesäumt von Kieshalden, Schrottplätzen, Fabriken. Eine rostige Hängebrücke führt zu einem ärmlichen Dorf. Scheue Kinder in durchgelatschten Plastiksandalen starren uns an und laufen weg, wenn wir sie ansprechen. Wir erleben ein spätindustriell verschandeltes China, das Lichtjahre entfernt ist vom neongrellen Boom der Metropolen.

Am Nachmittag erreichen wir die Sehenswürdigkeit dieser Etappe: die Wind-und-Regen-Brücke von Chengyang. Mit triumphal geschwungenen Pagodendächern thront das hundertjährige Bauwerk auf fünf steinernen Pfeilern über dem Fluss. Ein Triumph der Zimmermannskunst, ohne einen einzigen Nagel errichtet. Für das Volk der Dong sind die überdachten Korridore der Brücke auch Orte der Versammlung, der Feste und Zeremonien.

Das Dorf, zu dem die Brücke führt, tickt in seinem eigenen alltäglichen Takt, unberührt vom Tourismus. Beim Spaziergang durch Chengyang beobachtet man jene entspannte Geschäftigkeit, die so typisch ist für das chinesische Landleben. Eine Gruppe von Männern und Frauen balanciert mit Tragestangen und Bastkörben Zement für einen Hausbau. Greise und Greisinnen spalten Schilfhalme. Ein großes hölzernes Wasserrad knarrt. Wir vergessen die Zeit, bis die Dämmerung hereinbricht.

Auf dem Weg zum Übernachtungsort Sanjiang stellen wir überrascht fest: Die Chinesen fahren mit Vorliebe ohne Licht – um Strom zu sparen. Es ist eine recht gefährliche Unsitte, denn nachts sind die Straßen der Provinz sehr, sehr dunkel. Nur um Haaresbreite komme ich an einem Minilaster vorbei, von dem ein Baumstamm zwei Meter weit über die Fahrbahn ragt. Aber es scheint doch einen Anflug von Problembewusstsein zu geben: An der Spitze des Stammes hat der Fahrer eine orangefarbene Plastiktüte befestigt.

»Hinterlassen Sie sofort eine finanzielle Garantie für Ihre Existenz«

Als wir in Sanjiang ankommen, einer unscheinbaren Kreisstadt mit 350.000 Einwohnern, sind wir mit dem Manko aller Hotelrezeptionen in der tiefen Provinz konfrontiert: Kein Mensch spricht auch nur ein Wort Englisch. Warum auch? Es gab ja bisher keine ausländischen Gäste ohne chinesische Begleitung. Die Strategien, mit denen die Angestellten das Problem angehen, sind vielfältig: nach unten schauen, damit die Fremden einen nicht ansprechen. Auf den Nebenmann verweisen, der nur hilflos lächelnd mit den Achseln zuckt. Den Chef rufen, der auch nichts sagen kann.

In dem sozialistischen Protzhotel von Sanjiang versucht der aufgeregte junge Rezeptionist immerhin, durch ein Online-Übersetzungsprogramm mit uns zu kommunizieren. Die Sätze, die auf seinem Bildschirm auftauchen, lauten: »Es gibt Sie nicht, oder?«, »Schieben Sie einen Pass aus. Bitte.«, oder: »Hinterlassen Sie sofort eine finanzielle Garantie für Ihre Existenz.« Hat man endlich eingecheckt, sind alle stolz und glücklich.

Am nächsten Morgen führt die Strecke entlang eines wunderschönen tiefblauen Flusses mit Kieselbett. In einer von schwarzem Rauch eingehüllten Ziegelei, die aus dem 19. Jahrhundert stammen könnte, erfahren wir, das Wasser sei sauber. Das erste Bad in einem chinesischen Fluss! Danach ist man richtig angekommen im Reich der Mitte.

Eine grundlegende Lektion der chinesischen Straße heißt: Alles kann anders werden. Jederzeit. Ein unspektakuläres Gebirgssträßchen wird mit riesigen Schlaglöchern plötzlich zu einem Wagenunterbodenalbtraum. Ein asphaltierter mehrspuriger Schnellweg verwandelt sich nach einer Biegung in einen hundert Meter breiten Schlammsee. Einige solcher Überraschungen beleben unsere Reise durch das Land der Miao und der Dong. Es ist die Region der Trommeltürme: bis zu zwanzig Meter hoch aufragender zeremonieller Bauwerke mit mehrstöckigen geschwungenen Dächern. In den Dörfern könnte man Wochen verbringen. Zum Beispiel in Basha, wo die Bewohner am Abend eine Privatparty mit dem mannshohen hölzernen Blasinstrument Lusheng veranstalten. Oder in Dali, wo wir in ein Schlachtfest zur Neujahrsfeier geraten. Das ganze Dorf ist in Bewegung. Am Trommelturm werden Schweine geschlachtet, in riesigen Woks garen Gemüse, Tofu, Reis und Kräuter. Man lädt uns zum Gelage ein. Gemeinsam mit den Bewohnern sitzen wir auf zierlichen Holzbänken. Zweihundert glückselige Gesichter. Und zwei Ehrengäste, die ganz vorsichtig essen, weil sie fürchten, die Sitzmöbel könnten unter teutonischen Körpern zusammenbrechen.

China: Anreise

Zum Beispiel mit China Eastern (http://de.flychinaeastern.com) oder Air China (www.airchina.de) nach Shanghai

Unterkunft

Für Shanghai: Das von einer japanischen Kette betriebene Nikko-Hotel liegt nahe der französischen Konzession. Das Haus hat für ein Fünf-Sterne-Hotel sehr günstige Preise und einen unschlagbaren Service. Ab 200 Euro/Nacht. Tel. 0086-21/32119999, www.nikkoshanghai.com

Veranstalter

Die Hamburger Agentur Chinatours bietet Mietwagentouren ab Shanghai, Peking und Chengdu an. Die Hotels sind vorgebucht, das Fahrzeug und ein iPad mit GPS inklusive, zudem gibt es Hilfe bei allen notwendigen Formalitäten. Deutschsprachige Betreuer organisieren vor Ort die Umschreibung des Führerscheins in eine zeitlich begrenzte chinesische Fahrerlaubnis. Gesamtkosten je nach Route zwischen 1299 und 1799 Euro. Tel. 040/8197380, www.ChinaTours.de

Am vorletzten Tag geht es in Richtung Anshun. Erstmals fahren wir ein langes Stück Autobahn. Gähnende Leere! Auf 120 Kilometern begegnen wir zehn Lastern und einem Pkw. Dafür werden die nagelneuen Asphaltstraßen von Fußgängern emsig in Besitz genommen. In einem kilometerlangen Tunnel läuft zum Beispiel ein Grüppchen Dong-Frauen friedlich schwatzend in traditionellen indigoblauen Kitteln auf dem Seitenstreifen.

Hinten ist das Gefährt unbeleuchtet, vorne trägt der Fahrer eine Grubenlampe

Eine der vielen Wegmarken, die unsere iPads auflisten, führt uns an diesem Tag nach Shiqiao, einem einsamen Bergdorf, in dem unter einem Felsvorsprung auf traditionelle Weise Papier geschöpft wird. Eine mühselige Arbeit mit unfassbar zartem, transparentem Ergebnis. Für einen Augenblick glaubt man, das Wesen einer zweitausendjährigen Kulturtechnik zu erfassen.

1.700 Kilometer durch China. Das ist, natürlich, ein fortwährendes Schwelgen in faszinierender Kultur, spektakulärer Natur, großen Panoramen. Nie werden wir die Papierschöpfer von Shiqiao vergessen. Oder den Wasserfall, der sich bei Anshun 74 Meter tief in eine tropische Schlucht stürzt. Oder den Steinwald, der in der Nähe von Kunming auf der letzten Etappe mit grotesk erodierten Säulen einer Karstlandschaft entwächst. Aber die wahre Sensation dieser Reise ist die Straße. 1.700 Kilometer voller tolldreister Begegnungen mit der chinesischen Mentalität.

Unvergesslich sind daher auch die Straßenhelden dieser Tour. Und so ergibt sich, in aufsteigender Reihenfolge, folgende Hitliste: zwei Polizisten, die ihr Auto auf der Fahrspur parken und daneben synchron pinkeln. Ein uralter Mann in Pantoffeln, der, in der Mitte der Autobahn auf der Leitplanke sitzend, eine Zigarette raucht. Ein Kleinlaster, der in schwärzester Nacht eine Gebirgsstraße hochtuckert. Hinten ist das Gefährt unbeleuchtet, vorne trägt der Fahrer eine Grubenlampe auf der Stirn. Und natürlich der Junge auf dem Mittelstreifen! Der kleine Träumer und In-die-Luft-Gucker auf dem Abenteuerspielplatz der chinesischen Straße. Möge der Gott der Lenkenzeugnisse seine schützende Hand über ihn halten.

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Leser-Kommentare
  1. Das hört sich ja Alles mehr oder weniger humorvoll an, eine nette Anekdote. Aber nur solange man sich in den von Landwirtschaft und Tourismaus geprägten Provinzen Guangxi und Yunnan aufhält wie die Verfasserin. Sonst wird das Autofahren zu einer Demonstration der Rücksichtslosigkeit, wie ich sie noch nirgendwo in der Welt so extrem erfahren habe. Pardon wird nicht gegeben, nicht für Kinder, Alte, Kranke. Die Leute ballen sich deshalb an Zebrastreifen zusammen, wie die Verfasserin so malerisch schreibt, weil einer allein überhaupt keine Chance hat, die Strasse zu queren. Und selbst dann bohren sich Autos mit Hupen und Schieben durch den Menschenhaufen. Und es gibt sehr wohl Respekt, vor allem vor dem eigenen Auto. Da wird schon mal der Wagenheber oder eine Eisenstange ausgepackt, wenn Jemand das eigene Auto beschädigt hat. Autofahren ist der Spiegel der chinesischen Ellenbogen-Gesellschaft.

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  2. ...ist es jetzt gut, dass die Deutschen aus der Zeitung schlussendlich doch noch erfahren, dass ihre Kreisverkehr-Seitenaufprall-Airbag-Welt ein recht luxeriöses Unikum westlicher Wohlstandgesellschaften ist?

    Oder gehören Urlaubsberichte doch eher ins Familienalbum und nicht in die Zeitung? Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...laodaizi nur beipflichten.

    Ist ein solcher Artikel wirklich nötig? Ich verstehe den Reiz des Unbekannten oder Seltsamen.
    Dennoch. Der hier beschriebene Verkehr und die Gewohnheiten der Menschen sind nunmal bei neunzig Prozent der Menschheit Gang und Gäbe.
    Warum braucht es da noch einen unter vielen vielen Artikeln die mit der amüsierten Distanziertheit vermeintlich überlegenen westlichen Kulturguts kombiniert mit einer Prise irgendwie kitschig wirkender Romantik und dem konstanten "na es geht ja gottseidank doch dann irgendwann nach hause"-Gefühl hausieren?
    Ehrlich gesagt langweilt es mich.
    Ich würde mich über differenziertere Artikel freuen. Das ist immerhin die Zeit.

    ...laodaizi nur beipflichten.

    Ist ein solcher Artikel wirklich nötig? Ich verstehe den Reiz des Unbekannten oder Seltsamen.
    Dennoch. Der hier beschriebene Verkehr und die Gewohnheiten der Menschen sind nunmal bei neunzig Prozent der Menschheit Gang und Gäbe.
    Warum braucht es da noch einen unter vielen vielen Artikeln die mit der amüsierten Distanziertheit vermeintlich überlegenen westlichen Kulturguts kombiniert mit einer Prise irgendwie kitschig wirkender Romantik und dem konstanten "na es geht ja gottseidank doch dann irgendwann nach hause"-Gefühl hausieren?
    Ehrlich gesagt langweilt es mich.
    Ich würde mich über differenziertere Artikel freuen. Das ist immerhin die Zeit.

  3. ich sage mal einfach: schöner Artikel. Intelligent-humorvoll und mit dem vorteilhaftem Hang zu einer leichten Romantisierung der Umgebung geschrieben. Habe ich gerne gelesen.
    Gott seid dank kann man diese Art von Berichten auch in Zeitungen finden und nicht nur in meist schlecht geführten- und (wenn überhaupt) geschriebenen Familienalben.

  4. Als Ausländer ohne Chinaerfahrung, in China selbst Auto zu fahren, kann man nicht empfehlen.
    Das harmloseste ist der fehlende Versicherungsschutz. Es ist nicht zulässig für China Versicherungen im Ausland abzuschließen, auch wenn es regelmäßig getan wird.
    Ausländer werden in den meisten Ländern der Welt bei schweren Verkehrsunfällen an der Ausreise gehindert, so auch in China. Da braucht man nicht einmal Schuld zu haben. Bei vermuteter Schuld kann es auch ins Gefängnis gehen.
    In den Großstädten ist der Verkehr noch einigermaßen akzeptabel, da braucht man aber kein Auto. In die "Wildnis", ohne Chinesischkenntnisse, ist schlicht riskant. Versuchen sie mal eine Pannenhilfe zu organisieren. Sie können nicht einmal erklären, wo sie sind. Da hilft auch kein Navi, weil man die Ortsnamen und Straßennamen nicht aussprechen kann. Da es praktische jeden Straßennamen in jeder Stadt mehrfach gibt, braucht man dann noch zusätzliche Ortsbeschreibungen, auf Chinesisch bitte. Vielen Chinesen fällt es schwer, sich in fremder Umgebung zu orientieren und den Weg zu finden. Als Ausländer sollte man das vermeiden. Die Karten der Navis sind übrigens mindestens zwei Jahre alt und das im Land der Baustellen.
    Praktischer ist ein Fahrer, den gibt es zusammen mit dem Auto und erhöht die Kosten gar nicht so sehr. Entspannender ist es allemal. Wem das zu teuer ist, kann sich eine Reisegruppe suchen. Das freundliche Chinareisebüro um die Ecke organisiert dann den Rest der individuellen Busreise.

  5. Danke für diesen schönen Artikel - er weckt wunderbare Erinnerungen an mein Studienjahr (vor 10 Jahren!) in Shanghai und auch die von Ihnen beschriebenen Ort habe ich teilweise besucht. Übrigens halfen an diese abgelegenen Orten auch Chinesischkenntnisse nicht immer weiter, da die dort gesprochenen Dialekte doch sehr weit vom Mandarin entfernt sind.

    Mein schönstes Verkehrserlebnis:
    Ich auf dem Fahrrad, mitten in Shanghai, halte vor einer roten Ampel an ... und verursache so einen Auffahrunfall, da der eine Autfahrer bei Anblick einer blonden Radlerin vergisst zu bremsen. Alle haben gelacht, keiner hat nach einer Versicherung gefragt, was macht schon die eine Beule mehr oder weniger!

    • drb
    • 10.01.2012 um 19:40 Uhr

    Ohne Sprachkenntnisse und ausreichende Chinaerfahrung ist das Fahren in China imho ein mehr oder weniger gelungener Suizidversuch. Mir reicht es schon jedesmal als Fußgänger oder Fahrradfahrer aus. Auch das System mit den Ampeln hinter der Kreuzung, die somit für Abbieger nicht gelten ist sehr gewöhnungsbedürftig. Da fahre ich lieber mit dem Zug oder in einem chinesischen Langstreckenbus, hier lernt man dann auch direkt vor Ort die jeweils regionale chinesische Lebensart kennen. Und für die beschriebenen Schockmomente ist auch gesorgt!

    • drb
    • 10.01.2012 um 19:45 Uhr

    Ach ja, meine schönstes Erlebnisse waren einerseits ein Unfall im winterlichen Beijing wo ein Auto ein Fahrradfahrer umgefahren hatte. Diesem ist zwar nichts passiert aber er klopfte sich betont langsam den Schnee von der Kleidung. Die veranlasste dann die zweit Autos dahinter stehende Polizei zum Hupen, er möge sich doch Beeilen. Ein weiteres schönes Erlebniss war ein Frontalzusammenstoß zwischen zwei LKW ohne großartigen Schaden auf einer Bergstraße in Yunnan. Hier ging bis zum Eintreffen der Polizei gar nichts, die betroffenen Fahrer saßen mit ein paar anderen im Schatten hinter dem LKW und spielten Karten. Als die Polizei endlich kam und kurz die Schuldfrage geklärt hatte, verzog sich der Spuk innerhalb von wenigen Minuten, wir stiegen wieder in den Überlandbus und fuhern weiter.

  6. ...laodaizi nur beipflichten.

    Ist ein solcher Artikel wirklich nötig? Ich verstehe den Reiz des Unbekannten oder Seltsamen.
    Dennoch. Der hier beschriebene Verkehr und die Gewohnheiten der Menschen sind nunmal bei neunzig Prozent der Menschheit Gang und Gäbe.
    Warum braucht es da noch einen unter vielen vielen Artikeln die mit der amüsierten Distanziertheit vermeintlich überlegenen westlichen Kulturguts kombiniert mit einer Prise irgendwie kitschig wirkender Romantik und dem konstanten "na es geht ja gottseidank doch dann irgendwann nach hause"-Gefühl hausieren?
    Ehrlich gesagt langweilt es mich.
    Ich würde mich über differenziertere Artikel freuen. Das ist immerhin die Zeit.

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