Afghanistan Ein bisschen Frieden
In Kabul funktioniert die Müllabfuhr, im unruhigen Kundus gehen die Mädchen wieder zur Schule. Ist das genug der Normalität, um Afghanistan sich selbst zu überlassen? Fünf Jahre nach seinem letzten Besuch reist unser Autor Navid Kermani durch ein Land, das lange nichts als Krieg kannte – und sich fragt, was danach kommt.
© Roberto Schmidt/AFP/Getty Images

Afghanische Jugendliche spielen Fußball in Kabul
Nach fünf Jahren zurück in Kabul: Was mir als Erstes auffällt, sind die Mauern vor den Mauern all jener Gebäude, die den Staat, das Kapital oder das Ausland repräsentieren, davor eine dritte Wand aus Betonsäcken und Wärter mit Maschinengewehren. Nach einer ersten Begutachtung wird man vor eine Eisentür geführt und durch ein Sichtgitter ein weiteres Mal betrachtet. Öffnet sich die Tür, tritt man in eine Schleuse, in der die Tasche durchwühlt, der Ausweis kontrolliert und der Körper abgetastet wird. Schließlich klopft ein Herr, der als Einziger kein Maschinengewehr trägt, gegen eine weitere Eisentür. Wieder öffnet sich ein Schiebefenster, ein kurzer Blick, dann darf man endlich eintreten und steht – vor der ursprünglichen Mauer des Gebäudes. Das ist Standard geworden in den gehobenen Hotels und Restaurants, den Banken und Shoppingmalls in Kabul, der Ablauf in drei Etappen wahrscheinlich normiert, nur dass vor Botschaften oder Ministerien bereits die Zufahrtsstraßen gesperrt sind. Entsprechend haben die Hotels und Restaurants auch keine Schilder oder Leuchtreklamen, sie sind von außen nur an einem Vordach aus Eisen und dem Stacheldraht über dem äußeren Sandwall zu erkennen.
Ist das Leben in Afghanistan also noch unsicherer geworden? Nein, antworten all die gewöhnlichen Menschen, die nicht für den Staat, das Kapital oder das Ausland arbeiten und die ich in Kabul anspreche – auf Straßen, in Läden oder im Bekanntenkreis. Die Lage sei zwar nicht gut, sagen sie, aber sie sei besser geworden. Einerseits verletzt es das Gebot der Höflichkeit, sich gegenüber Gästen zu beklagen, Ausländern gar; andererseits hat vor fünf Jahren kein Fahrer, Händler oder Bekannter von einer Besserung gesprochen. Was ich auf Anhieb sehe: Im Stadtzentrum jedenfalls ist die Armut nicht mehr so offensichtlich, keine bettelnden Frauen in Burka mehr alle paar Meter, keine Banden von Kindern, die sich an Klebstoff berauschen, dafür unzählige Kebabstände, viel mehr Geschäfte, überhaupt so etwas wie Stadtleben, eine Müllabfuhr zum Beispiel, oh Wunder, und zwei, drei Parkanlagen, die zum Verweilen einladen. Abends die Überraschung, dass es Strom gibt, Straßenlaternen zwar noch nicht, sodass Kabul weiter im Dunkeln liegt, aber in manchen Geschäften strahlen nackte weiße Leuchten, und in den Fenstern der Wohnhäuser ist das fahle Licht von Energiesparlampen zu erkennen.
Licht! Als ich das letzte Mal in Kabul war, gab es täglich drei Stunden Strom, und den auch nur tagsüber. Fünf Jahre Wiederaufbau waren damals bereits vergangen, prächtige Geberkonferenzen hatte es gegeben und Hilfszusagen in einem Umfang, dass rechnerisch kein Afghane mehr unter der Armutsgrenze hätte leben müssen. Heute liegt Afghanistan im Human Development Index noch immer auf Rang 172 von 182 erfassten Staaten, und doch könnte der Fortschritt greifbarer nicht sein, den es für eine Millionenstadt bedeutet, durchgehend mit Strom versorgt zu werden. Auch scheint der Staat in Gestalt der Soldaten und Polizisten, die an jeder Ecke stehen, ein Mindestmaß an Ordnung zu gewährleisten. Die Kriminalität sei praktisch nicht mehr existent, sagen die Kabuler, was übersetzt bedeutet, dass man sich nachts in den eigenen vier Wänden nicht mehr mit der Bewachung der Fenster und Türen abwechseln muss.
Es gibt Gefahren, ja, aber sie sind zugleich konkreter und abstrakter geworden: konkret, weil nicht mehr das allgemeine Chaos und die Gesetzlosigkeit die Sicherheit jedes einzelnen Kabulers bedrohen, sondern die Gewalt sich gezielt gegen die Vertreter, Nutznießer und Garanten der herrschenden Ordnung richtet; abstrakt, weil niemand weiß, wer wann wo das nächste Attentat verübt oder ob vielleicht einfach nur jemand mit dem Maschinengewehr in der Hand durchdreht. Die westliche Militärmacht ist aus den Straßen verschwunden, keine rasenden Panzerkolonnen mehr, die den Staub aufwirbeln, an den Checkpoints nunmehr afghanische Sicherheitskräfte, die anders als die Nato-Soldaten in ihren Schutzanzügen nicht wie Astronauten aussehen. Statt Springerstiefeln trägt der afghanische Rekrut auch schon mal Turnschuhe. Die Kabuler, mit denen ich ins Gespräch komme, sind froh, dass der Eindruck der Besatzung schwindet, und fürchten zugleich, was geschehen könnte, wenn die ausländischen Soldaten das Land 2014 real verließen, betonen dabei auffällig oft den Konjunktiv. Schon ihre Verwandten, die 30 Kilometer entfernt wohnen, können nicht mehr ohne Weiteres besucht werden – zu gefährlich.
Das ist ein Problem auch für die Berichterstattung: Weite Teile des zerklüfteten Landes sind praktisch nicht mehr zu bereisen, nicht für Afghanen und schon gar nicht für ausländische Besucher. Zwar mögen die meisten Städte sicher sein, aber die Straßen sind es nicht. Berichterstatter gelangen fast ausschließlich an jene Orte, die von Flugzeugen angesteuert werden, allenfalls noch in die Dörfer ringsum. Das bedeutet, dass jeder Blick auf das Land notwendig einseitig und lediglich von jenen Gebieten aus erster Hand zu berichten ist, in denen es elementare Fortschritte gibt: Polizisten auf den Straßen, geöffnete Schulen, Strom, eine irgendwie geartete öffentliche Verwaltung. Die Alternative wäre, embedded zu reisen, also bei der Nato akkreditiert. Dann trüge man selbst einen dieser Astronautenanzüge mit Helm und schusssicherer Weste, wäre unterwegs in Militärflugzeugen und Panzerwagen, bei jedem Gespräch mit Dorfbewohnern umringt von Soldaten und untergebracht in Hochsicherheitstrakten. Weniger eingeschränkt wäre der Blick damit nicht.
- Datum 09.01.2012 - 19:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.1.2012 Nr. 02
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Tja, mir fehlen die Worte! Unaufgeklärte Steinzeit halt. Ist mir wirklich alles zutiefst fremd!
ohne die NATO geht es nicht!
(Wie konnten die Afghanen nur die Zeit seit der Schöpfung bis heute überleben?)
afghanistan war nicht immer so wie es jetzt ist. zu der zeit als die deutschen wie barbaren aufeinander losgegangen waren und fern von zivilisation waren..sich sogar nicht wuschen, lebten afghanen in einem zivilisierten großreich. nur weil die taliban und die politik das land so zerstört haben heisst es noch lange nicht das afghanen seit ihrer schöpfung unter diesen verhältnissen gelebt haben.
ich finde das eine frechheit von einem deutschen, dessen land nicht einmal eine halb so alte geschichte und kultur aufweisen kann, so beledigt zu werden. afghanistan (teil des perserreiches) hat über 8000 jahre kultur !!!
afghanistan war nicht immer so wie es jetzt ist. zu der zeit als die deutschen wie barbaren aufeinander losgegangen waren und fern von zivilisation waren..sich sogar nicht wuschen, lebten afghanen in einem zivilisierten großreich. nur weil die taliban und die politik das land so zerstört haben heisst es noch lange nicht das afghanen seit ihrer schöpfung unter diesen verhältnissen gelebt haben.
ich finde das eine frechheit von einem deutschen, dessen land nicht einmal eine halb so alte geschichte und kultur aufweisen kann, so beledigt zu werden. afghanistan (teil des perserreiches) hat über 8000 jahre kultur !!!
Liest man Presse die sich nicht ausschließlich der Propaganda einer kriegführenden Partei verschreibt(Ich meine damit deutsche Presse im Allgemeinen, nicht ausschließlich die ZEIT), so drängt sich einem ein völlig anderer Eindruck auf.
Suchen sie mal in russischen, chinesischen oder arabischen Quellen(den ersten beiden bringt Propaganda gar nichts und bei letzterem meine ich speziell Al Jazeera) nach derart positiver Berichterstattung über Afghanistan, sie werden kaum etwas finden. Dort ist der Realismus wesentlich präsenter und man kommt zu anderen Schlussfolgerungen als die westlichen Medien.
Wir erinnern uns, ein Ermüden der Taliban wird immer wieder als Durchhalteparole gegeben. Dies war noch nie der Fall. Ganz im Gegenteil. Die Taliban sind nicht erschöpft, sie wittern Morgenluft und brauchen nur noch auf einen Abzug der Truppen zu warten, bevor man die Marionettenregierung in Kabul absetzt.
Auch ist die Normalität, die sich nach 10 Jahren Angriffskrieg insbesondere in Kabul durchgesetzt hat, ausschließlich der Präsenz der ausländischen Truppen geschuldet. Besucht man stattdessen Randgebiete, insbesondere Frontlinien, weiß man, was man davon zu halten hat. Weiterhin wird selbst diese Normalität regelmäßig von spektakulären Angriffen und Anschlägen der Taliban erschüttert.
Dies ist nur ein Punkt im Artikel, der negativ auffällt. Die Schlussfolgerungen sind trotz der Lehren aus der Geschichte die völlig falschen. Zu optimistisch, zu naiv.
... könnten vor Angst kaum atmen, wenn sie mal aussteigen müssten."
Diese Angsthasen sollten sich mal ein Beispiel an Gerhard Schröder, Strukki, Joschka Fischer und anderen mutigen, angstfreien und energischen Politikern nehmen - von denen sie dorthin geschickt wurden.
Immerhin wird unsere Freiheit jetzt auch am Hindukusch verteidigt.
... ein Zitat. Youssou N'Dour, Nothing's in Vain (2002). Viel emotionaler. Vor oder nach 9-11, ich weiss es nicht.
Trotz der teilweise haarsträubenden Passagen, zuerst einmal vielen Dank für diesen ausführlichen Lagebericht. Seit 2001 hat man eine Beschreibung der Zustände vor Ort vergeblich suchen und immer gleich Wertungen lesen müssen. Wer genau las, dem blieb trotzdem nicht verborgen, wie lächerlich bescheiden die Ergebnisse waren, gemessen an den hochtrabenden Zielen.
Ich finde den Bericht keineswegs zu positiv, wie einige Vorkommentatoren, sondern erschreckend. Es wird klar, dass der Friede, wenn überhaupt, nur oberflächlich vorhanden ist. Bald schon wird man im Land beginnen, den Bürgerkrieg der Neunziger erneut auszufechten.
Mission completely not accomplished!
Mit den "haarsträubenden Passagen" meine ich z.B. die Bemerkung, Al-Kaida hätte einen Lokalfürsten umgebracht, um der Reaktion der Amerikaner auf 9/11 vorzubeugen. Extrem absurd, denn weshalb sollte Al-Kaida die lokalen Interessen der Taliban verfolgt haben? Wie hätte Al-Kaida vorhersehen sollen, dass sich die USA für ihre kopflose Rache ein Opfer aussuchen, welches mit den Anschlägen gar nichts zu tun hatte? Was hätte dieser Anschlag in diesem Sinne positives beigetragen? Wahrscheinlich ist der Autor selbst Opfer der Verwirrstrategie der Berichterstattung geworden, mit der uns ständig eingebläut wurde, dass die Taliban eine internationale Gefahr darstellen würden.
Die Anmerkung wurde entfernt. Die Redaktion/mk
Die Anmerkung wurde entfernt. Die Redaktion/mk
Alle Al-Qaida Kämpfer die ihre Waffen niederlegen, bekommenn 100.-Euro/Monat
aus Deutschland.
Solange bezahlt wird (Ein bisschen Frieden)
Nato und auch Usa bezahlten Al-Qaida Kämpfer in Afghanistan Geld, also ein bezahlter Frieden.
Wenn kein Geld mehr bezahlt wird....
Die Anmerkung wurde entfernt. Die Redaktion/mk
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