Auch die Taliban sind erschöpft und von inneren Konflikten zermürbt
Mulawi Abdel Asis vom Stamm der Nursai erwartet mich mit seinen Männern abends auf einer Decke, die mitten auf einer unbeleuchteten und ungepflasterten Straße Kandahars ausliegt. Vor Kurzem noch Oberster Richter der Taliban in der Provinz Helmand, ist er einer der ranghöchsten ehemaligen Widerstandskämpfer, die sich dem sogenannten Friedensprozess angeschlossen haben. Das Haus, das die Regierung ihm und seiner Familie gestellt habe, verfüge über keinen eigenen Bereich für die Frauen, entschuldigt sich Abdel Asis, daher müsse er jedes Mal vor die Tür gehen, wenn Besuch komme. Aber ist es denn nicht zu riskant, seinen Tee hier mitten auf der Straße zu trinken?, frage ich und meine nicht die Gefahr, im Dunkeln überfahren zu werden. Er wisse, dass zehn Selbstmordattentäter auf ihn angesetzt seien, antwortet Abdel Asis, aber das Haus, das ihm die Regierung gestellt habe, sei nun einmal zu klein, er könne niemanden darin empfangen, dabei erwarte er eigentlich jeden Tag 60, 70 Gäste. Der Regierung sei es offenbar egal, ob er in Würde lebe oder umgebracht werde. Und was ist mit den hehren Worten, friedenswillige Taliban mit offenen Armen zu empfangen? Daran habe er geglaubt, meint Abdel Asis, aber jetzt stelle er fest, dass alles nur Gerede sei, die Regierung gar nicht an Frieden interessiert sei.
Mulawi Abdel Asis hat eine betörend milde Stimme. Gleichsam in Zeitlupe schwingt der Oberkörper vor und zurück, während der Blick sanft auf seinem Gegenüber ruht. Überhaupt ist der Umgangston der Männer von einer Freundlichkeit, ja Zartheit, dass sich das Feindbild, das ich mir von einem ehemaligen Talib gemacht hatte, schon nach einigen Minuten in Luft auflöst. Ein älterer Herr nennt den Stammesführer ironisch Präsident und fragt, ob man das Gespräch nicht beim Essen fortsetzen könne. Während Abdel Asis noch lächelnd meinen obligaten Einwänden lauscht, keinen Hunger zu haben, nach Hause zu müssen, nicht zur Last fallen zu wollen, wird schon die Plastikdecke auf dem Teppich ausgebreitet und das Essen aufgetragen, Salat, Brot, Joghurt, Kräuter und ein unwiderstehlich gewürztes Curry, zum Nachtisch Trauben und Melonen.
Nach dem Essen erzählt Mulawi Abdel Asis seine Geschichte, die ich notgedrungen ungeprüft mitschreibe, das Notizbuch von einer Taschenlampe beleuchtet, die einer der Männer für mich hält: Noch ein Jugendlicher, habe er sich Anfang der neunziger Jahre den Taliban angeschlossen, damit Raub, Vergewaltigung und Mord im Land ein Ende fänden. Ihr Regiment sei streng gewesen, ja, aber absolut gerecht, niemand habe über dem Gesetz gestanden, Mord, Ehebruch, Vergewaltigung, Diebstahl, Päderastie, Hunger, Korruption, das alles habe es unter den Taliban nicht gegeben. Allerdings hätten mit der Zeit immer mehr Ausländer das Wort geführt, Pakistaner und Araber vor allem, und es sei bereits Ende der neunziger Jahre zu Konflikten innerhalb der Bewegung gekommen. Der kapitale Fehler der Taliban sei der Pakt mit Osama bin Laden gewesen. Mit Al-Kaida habe das Verhängnis begonnen, und das hätten viele Kommandanten vorausgesehen, manche Osama bin Laden sogar für einen amerikanischen Agenten gehalten. Mullah Omar jedoch habe alle Einwände in den Wind geschlagen. Es sind doch unsere Brüder, habe er gesagt, unsere Gäste.
Nach der Vertreibung der Taliban 2001 habe Mulawi Abdel Asis sich den Behörden gestellt und sei amnestiert worden, das Dokument trage er immer noch bei sich. Geld habe er fortan im Waffenhandel verdient. Das Schlüsselerlebnis, den Kampf wieder aufzunehmen, sei eine Szene am Musa-Kala-Fluss gewesen: Aus einiger Entfernung habe er ausländische Soldaten gesehen, die eine afghanische Frau kontrollierten, also auch den Leib abtasteten. Spontan habe er eine seiner Waffen genommen und auf die Soldaten geschossen – ohne zu treffen, fügt er bedauernd hinzu. Zwar sei er geflohen, aber bald schon verhaftet und im Gefängnis misshandelt worden. Wieder in Freiheit, habe er Männer um sich gesammelt und sich wieder den Taliban angeschlossen.
»Auch die Taliban sind erschöpft und von inneren Konflikten zermürbt«, sagt Mulawi Abdel Asis, der sein Alter auf 32 schätzt. Die Afghanen, die ohnehin nur noch ein Viertel der Kämpfer ausmachten, seien frustriert, weil längst pakistanische Pandschabis den Ton angäben, aber nicht nur die, sondern auch Araber, Zentralasiaten, sogar Chinesen. Die Ausländer seien nicht nur äußerst brutal, sie veruntreuten auch Geld, töteten jeden, der nicht mit ihnen zusammenarbeite, zerstörten die Schulen, vor allem die Mädchenschulen. Er selbst sei im pakistanischen Quetta zwei Tage lang inhaftiert worden, weil er die ausländischen Taliban zu scharf kritisiert habe. Später habe er gehört, dass die Amerikaner angekündigt hätten, das Land zu verlassen. Er betrachte Mullah Omar noch immer als Amir al-Momenin, als Befehlshaber der Gläubigen, auch heute noch. Aber die Taliban seien nicht mehr, was sie anfangs waren, sondern leider von Ausländern gesteuert, die kein Interesse an Afghanistan hätten und dessen Zerstörung in Kauf nähmen. Wenn die Regierung den afghanischen Kämpfern nur ein konkretes Angebot machen würde, würden sich viele dem Friedensprozess anschließen und die Seite wechseln. Er selbst habe durchaus noch Kontakt zu alten Gefährten, aber welches Argument habe er denn, um sie für den Frieden zu gewinnen, wenn er nicht einmal Gäste gebührend empfangen könne?
Ich frage Mulawi Abdel Asis, was er konkret von der Regierung erwarte. Ein größeres Haus, antwortet er, eine Arbeit für seine Männer und für sich selbst ein Amt. Welches zum Beispiel? Das Amt des Vorsitzenden des Gelehrtenrates der Stadt, schlägt Abdel Asis vor; der bisherige Vorsitzende sei vor Kurzem ermordet worden. Aber er könne auch eine theologische Schule leiten oder dergleichen. Und politische Forderungen? Die Gefangenen müssten freikommen, meint Abdel Asis und fügt erst auf eine weitere Nachfrage hinzu, dass nach einem Friedensschluss natürlich auch die Scharia wieder gelten müsse. Das Land sei schließlich islamisch, aber die Mehrheit der Frauen sei gar nicht oder nicht richtig verschleiert. Die Burka müsse es nicht sein, das Gesicht dürfe frei bleiben. Nein, gegen Mädchenschulen hätten die Taliban nichts, bekräftigt Abdel Asis, oder jedenfalls nicht die wahren Taliban, nicht Mullah Omar, der ganz anders sei, als viele Menschen meinten, ein bescheidener, stiller Mann, der Kinder liebe und die Barmherzigkeit. Wie oft habe er selbst erlebt, wie Mullah Omar jemanden begnadigte, der etwa seinen Bart rasiert hatte; der Amir al-Momenin habe immer auch an die Familie eines Sünders gedacht.
Ob er den Entschluss bereue, sich von den Taliban abgewandt zu haben? Und wie er ihn bereue, antwortet Mulawi Abdel Asis, ohne zu zögern. Aber zurück könne er auch nicht, die Taliban tränken schon sein Blut.
Ein Bettlaken über dem Bauch, der Oberkörper spindeldürr und die Schenkel mit Wunden übersät, die an der frischen Luft trocknen, liegt Rahmatullah im Hofe des Mirwais-Krankenhauses in Kandahar. Die Unterarme, vom Jod noch gelb, zeigen im rechten Winkel nach oben, als sollte jeder die Stümpfe sehen, an denen bis vor ein paar Tagen seine Hände waren. Die Haare stehen ihm zu Berge, aber das ist nur vom Staub, und Rahmatullah macht dazu das friedfertigste Gesicht.
Er sei 20 Jahre alt, sagt er, Schäfer von Beruf und mit der Herde unterwegs gewesen, als er auf dem Boden etwas Metallenes entdeckt habe, so eine runde Scheibe. Er habe sie aufgehoben, ja, und da sei die Mine auch schon explodiert. Er habe schon geahnt, dass es etwas Gefährliches sein könnte, aber er sei neugierig gewesen, habe auch gar nicht richtig nachgedacht. Dann lacht Rahmatullah, weil man sich ja über so eine Dummheit bei niemandem beschweren könne, lacht so herzlich und breit, dass die oberen Backenzähne zu sehen sind. Selbst die Angehörigen, die um das Bett herum stehen, ein Kind und Männer verschiedenen Alters, von denen der älteste ihn streichelt, müssen jetzt schmunzeln über die Dummheit von Rahmatullah oder vielleicht nur, weil das Lachen so rührend ist auch für sie.
Hat man denn die Menschen auf dem Land noch immer nicht über die Gefahren von Minen aufgeklärt?, frage ich fassungslos. »Ja, doch«, sagt Rahmatullah, sie hätten schon mal etwas gehört, aber so genau nun auch nicht Bescheid gewusst, was es mit diesen Teilen auf sich hat. Was er denn tue, wenn er zurückkehre aufs Dorf, ob irgendwer ihm helfe, ein Staat oder eine Hilfsorganisation? »Gott hilft«, antwortet Rahmatullah und fängt wieder an zu lachen.
- Datum 09.01.2012 - 19:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.1.2012 Nr. 02
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Tja, mir fehlen die Worte! Unaufgeklärte Steinzeit halt. Ist mir wirklich alles zutiefst fremd!
ohne die NATO geht es nicht!
(Wie konnten die Afghanen nur die Zeit seit der Schöpfung bis heute überleben?)
afghanistan war nicht immer so wie es jetzt ist. zu der zeit als die deutschen wie barbaren aufeinander losgegangen waren und fern von zivilisation waren..sich sogar nicht wuschen, lebten afghanen in einem zivilisierten großreich. nur weil die taliban und die politik das land so zerstört haben heisst es noch lange nicht das afghanen seit ihrer schöpfung unter diesen verhältnissen gelebt haben.
ich finde das eine frechheit von einem deutschen, dessen land nicht einmal eine halb so alte geschichte und kultur aufweisen kann, so beledigt zu werden. afghanistan (teil des perserreiches) hat über 8000 jahre kultur !!!
afghanistan war nicht immer so wie es jetzt ist. zu der zeit als die deutschen wie barbaren aufeinander losgegangen waren und fern von zivilisation waren..sich sogar nicht wuschen, lebten afghanen in einem zivilisierten großreich. nur weil die taliban und die politik das land so zerstört haben heisst es noch lange nicht das afghanen seit ihrer schöpfung unter diesen verhältnissen gelebt haben.
ich finde das eine frechheit von einem deutschen, dessen land nicht einmal eine halb so alte geschichte und kultur aufweisen kann, so beledigt zu werden. afghanistan (teil des perserreiches) hat über 8000 jahre kultur !!!
Liest man Presse die sich nicht ausschließlich der Propaganda einer kriegführenden Partei verschreibt(Ich meine damit deutsche Presse im Allgemeinen, nicht ausschließlich die ZEIT), so drängt sich einem ein völlig anderer Eindruck auf.
Suchen sie mal in russischen, chinesischen oder arabischen Quellen(den ersten beiden bringt Propaganda gar nichts und bei letzterem meine ich speziell Al Jazeera) nach derart positiver Berichterstattung über Afghanistan, sie werden kaum etwas finden. Dort ist der Realismus wesentlich präsenter und man kommt zu anderen Schlussfolgerungen als die westlichen Medien.
Wir erinnern uns, ein Ermüden der Taliban wird immer wieder als Durchhalteparole gegeben. Dies war noch nie der Fall. Ganz im Gegenteil. Die Taliban sind nicht erschöpft, sie wittern Morgenluft und brauchen nur noch auf einen Abzug der Truppen zu warten, bevor man die Marionettenregierung in Kabul absetzt.
Auch ist die Normalität, die sich nach 10 Jahren Angriffskrieg insbesondere in Kabul durchgesetzt hat, ausschließlich der Präsenz der ausländischen Truppen geschuldet. Besucht man stattdessen Randgebiete, insbesondere Frontlinien, weiß man, was man davon zu halten hat. Weiterhin wird selbst diese Normalität regelmäßig von spektakulären Angriffen und Anschlägen der Taliban erschüttert.
Dies ist nur ein Punkt im Artikel, der negativ auffällt. Die Schlussfolgerungen sind trotz der Lehren aus der Geschichte die völlig falschen. Zu optimistisch, zu naiv.
... könnten vor Angst kaum atmen, wenn sie mal aussteigen müssten."
Diese Angsthasen sollten sich mal ein Beispiel an Gerhard Schröder, Strukki, Joschka Fischer und anderen mutigen, angstfreien und energischen Politikern nehmen - von denen sie dorthin geschickt wurden.
Immerhin wird unsere Freiheit jetzt auch am Hindukusch verteidigt.
... ein Zitat. Youssou N'Dour, Nothing's in Vain (2002). Viel emotionaler. Vor oder nach 9-11, ich weiss es nicht.
Trotz der teilweise haarsträubenden Passagen, zuerst einmal vielen Dank für diesen ausführlichen Lagebericht. Seit 2001 hat man eine Beschreibung der Zustände vor Ort vergeblich suchen und immer gleich Wertungen lesen müssen. Wer genau las, dem blieb trotzdem nicht verborgen, wie lächerlich bescheiden die Ergebnisse waren, gemessen an den hochtrabenden Zielen.
Ich finde den Bericht keineswegs zu positiv, wie einige Vorkommentatoren, sondern erschreckend. Es wird klar, dass der Friede, wenn überhaupt, nur oberflächlich vorhanden ist. Bald schon wird man im Land beginnen, den Bürgerkrieg der Neunziger erneut auszufechten.
Mission completely not accomplished!
Mit den "haarsträubenden Passagen" meine ich z.B. die Bemerkung, Al-Kaida hätte einen Lokalfürsten umgebracht, um der Reaktion der Amerikaner auf 9/11 vorzubeugen. Extrem absurd, denn weshalb sollte Al-Kaida die lokalen Interessen der Taliban verfolgt haben? Wie hätte Al-Kaida vorhersehen sollen, dass sich die USA für ihre kopflose Rache ein Opfer aussuchen, welches mit den Anschlägen gar nichts zu tun hatte? Was hätte dieser Anschlag in diesem Sinne positives beigetragen? Wahrscheinlich ist der Autor selbst Opfer der Verwirrstrategie der Berichterstattung geworden, mit der uns ständig eingebläut wurde, dass die Taliban eine internationale Gefahr darstellen würden.
Die Anmerkung wurde entfernt. Die Redaktion/mk
Die Anmerkung wurde entfernt. Die Redaktion/mk
Alle Al-Qaida Kämpfer die ihre Waffen niederlegen, bekommenn 100.-Euro/Monat
aus Deutschland.
Solange bezahlt wird (Ein bisschen Frieden)
Nato und auch Usa bezahlten Al-Qaida Kämpfer in Afghanistan Geld, also ein bezahlter Frieden.
Wenn kein Geld mehr bezahlt wird....
Die Anmerkung wurde entfernt. Die Redaktion/mk
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