Betende Muslime in Karachi © Asif Hassan/AFP

DIE ZEIT: Herr Bauer, in Ihrem neuen Buch beschreiben Sie die arabisch-islamische Kultur als Musterbeispiel für Toleranz und Meinungspluralität. Eine steile These.

Thomas Bauer: Nein. So war es im Islam jahrhundertelang. In der klassischen Zeit war ein Gelehrter stolz, möglichst viele Interpretationen des Korans zu kennen, nicht eine einzige. Auch säkulare und religiöse Diskurse existierten friedlich nebeneinander. Religionsgelehrte schrieben Gedichte, die Erotik und den Genuss von Wein zelebrierten. Das heißt nicht, dass die Gelehrten ein ausschweifendes Leben führten. Diese Gedichte spiegeln ein Ideal wider, das mit dem Ideal einer religiösen Gesellschaft friedlich koexistierte. Ich nenne das "Ambiguitätstoleranz". Letztlich ist die islamische Kultur nicht religiöser als die indische oder das vormoderne Europa.

ZEIT: Aber der heutige islamistische Terror ist doch eine Tatsache.

Bauer: Ambiguitätstoleranz kann sich verändern. Im Islam der Moderne ist sie viel schwächer als früher. Doch man sollte vorsichtig sein mit der Formulierung "islamistisch". Oft dient der Begriff dazu, eine Ursachenforschung zu überspringen. Sogar islamistische Organisationen wie Hamas handeln in erster Linie aus nationalen, nicht aus religiösen Motiven. Der Fundamentalismus in der islamischen Welt hat seine Wurzeln in der Globalisierung, die im 19. Jahrhundert zunächst von Europa ausging. Andere Regionen wurden gezwungen, sich dazu zu positionieren. Die alte Ambiguitätstoleranz erschien den aufgeklärten Eliten wenig attraktiv. Und wenn man sich heute einen Korankommentar der Salafiten ansieht, gibt es da keine Deutungsvielfalt mehr, sondern nur eine Interpretation, die als die einzig richtige ausgegeben wird.

ZEIT: Mit der Offenheit von früher ist es also vorbei?

Bauer: Nicht unbedingt. Der Arabische Frühling lässt uns hoffen. In Ägypten haben die Menschen ihre alte Autoritätshörigkeit überwunden. Das ist ein entscheidender erster Schritt.

ZEIT: Auch wenn die Muslimbrüder starken Zulauf bekommen?

Bauer: Auch dann. In Wahrheit braucht man keinen "neuen Islam", wie es immer heißt. Es ist ein altes Vorurteil, dass in der islamischen Welt Politik und Religion nicht zu trennen seien. Lange Zeit liefen sie unabhängig nebeneinander her. Im 14. Jahrhundert schrieb zum Beispiel der Dichter Ibn Nubata einen Herrscherratgeber, der genauso säkular ist wie Der Fürst von Machiavelli. Natürlich gab es immer auch Aussagen von islamischen Juristen und Theologen, wie ein Staat sein sollte. Aber Philosophen und Intellektuelle wurden nicht weniger gehört. Die islamische Welt ist uns näher, als wir glauben.

ZEIT: Und wie lassen sich islamische Religiosität und Demokratie vereinen?

Bauer: Der Islam gibt ja keine Staatsform vor. In der islamischen Welt war es immer die politische Tradition, die undemokratisch war – nicht der Umgang mit der Religion. Man spricht in Ägypten jetzt viel vom "Modell Erdoğan". Das heißt, man will islamische Werte und westliche Demokratie miteinander in Einklang bringen. Die Muslimbrüder sind dabei nur eine Facette.

ZEIT: Die von ihnen gegründete Freiheits- und Gerechtigkeitspartei will, dass das gesamte ägyptische Gesetzgebungssystem auf islamischem Recht gründet, auf der Scharia.

Bauer: Daneben gibt es aber zum Beispiel auch al-Wasat, die Partei der Mitte, die ich als Islamdemokraten bezeichnen würde. Man sollte nicht den Fehler machen, "säkular" gleichzusetzen mit "offen und aufgeschlossen". Viel wichtiger sind breite Zugangswege, also von einer möglichen Ablehnung der Religion bis hin zu vielfältigen Auslegungswegen.

ZEIT: Was ist Ihnen selbst eigentlich heilig?

Bauer: Die menschliche Kreativität. Sie kann uns Wege aufzeigen, über Sachzwänge hinauszublicken und hinauszufühlen – denken Sie nur an das West-Eastern Divan Orchestra des Dirigenten Daniel Barenboim!