Woher aber kommt das ganze Geraffel? Eine einfache Erklärung führt es auf den erweiterten Zyklus von Produktion und Konsum zurück. Man hat nicht einfach, man hat mehrfach. Fernsehgeräte etwa: Kommt der neue Flachbildschirm ins Haus, bekommt er den Premium-Platz im Wohnzimmer. Der Vorgänger wird nicht entsorgt, sondern zurückgestuft in der Hierarchie der Dinge. Er wandert ins Schlafzimmer.

Unsere technische Grundausstattung gilt als Platzfresser erster Güte: PCs, Laptops, DVD-Player, Kameras, ausrangierte Mobiltelefone mitsamt Akkus, Ladegeräten, Kabeln, USB-Sticks...

Klar, viel zu viel Technik, denkt sich jetzt der Technikskeptiker, der lieber selbst aktiv wird, als vor dem Bildschirm zu hocken. Aber Sport und Freizeit sind keineswegs harmloser, was den Gerümpel-Grad betrifft, denken wir nur an Fahrräder, Skier, Skateboards, Tischtennisplatten und ein, zwei ausgewachsene Motorradmonturen.

Geradezu sprunghaft schwillt der Hausstand an, wenn betagte Eltern verstorben sind. Dann gilt es, einen in Jahrzehnten angehäuften Besitz aufzulösen. Erben bedeutet längst nicht immer Vermögenszuwachs in Form von Wertpapieren oder Immobilien, sondern Zuwachs an Hausrat – eine beziehungstechnisch hochbrisante Herausforderung. Ist dies ein heiß geliebter Lehnstuhl aus dem Elternhaus oder ein abgeschabtes, schrottreifes Teil, das unangenehm deutlich an den Schwiegervater erinnert?

Ein trauernder Erbe ist nicht zu rationaler Abwägung imstande. Zum Streiten schon. Es ist der Überfluss, der Überdruss schafft. Die Unordnung wird nur dann verschwinden, wenn die vielen überflüssigen Dinge verschwinden. Und als wäre das nicht schon verzwickt genug, stellt sich im Kampf gegen das irgendwie zufällig und unerwünscht Angehäufte obendrein noch die Geschlechterfrage: Männer lassen liegen, Frauen räumen auf. War schon immer so, muss wohl so sein.

Zweite Regel: Sammeln ist schön. Aber sammeln Sie nicht Ihr Gerümpel.

Als einer, dem zu Hause allmählich der Überblick verloren geht, hat sich kürzlich in der Süddeutschen Zeitung der Berliner Hipster und Schauspieler Lars Eidinger geoutet. In seiner Charlottenburger Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung, die er mit Frau und Tochter bewohnt, habe das halbe Zimmer zur Rumpelkammer umgewidmet werden müssen, bekannte er – kein Raum mehr für die Musik. Der Mann neigt zum Sammeln. Glücklicherweise hat er gute Erfahrungen mit der Karton-Regel gemacht. »Man packt alles in einen Karton, von dem man meint, es könne weg. Den Karton stellt man in den Keller und lässt ihn stehen. Wenn man ein Jahr lang nichts vermisst – weg damit.«

Dritte Regel: Unser Leben teilt sich in Freiraum und Stauraum. Weil gerade die modernen Dinge keine festen Orte mehr haben, ist es umso wichtiger, alles, was nicht wirklich benutzt wird, aus dem Weg zu schaffen.

Ein schöner Vorsatz, doch die Dinge sind sperrig und stets bestrebt, unser Leben in Unordnung zu halten – wie schaffe ich Ordnung? Nachgefragt beim Fachmann. Stephan Schäfer ist Chefredakteur von Schöner Wohnen und empfängt im penibel aufgeräumten Konferenzraum der Hamburger Redaktion. Auf dem Tisch nur ein Tablett mit Wasser und Kaffee, im Raum verteilt Arne-Jacobsen-Stühle in verschiedenen Farben, und vor dem Fenster lässt die Wintersonne das Kupferdach des Michel aufblitzen. In so aufgeräumter Umgebung ist es fast ein Sakrileg, nach Unordnung zu fragen. Doch, es habe sich etwas verändert unter deutschen Dächern, bestätigt Stephan Schäfer und liefert dafür auch eine Erklärung: »Die Regeln sind aufgebrochen worden. Früher gab es das klassische Arbeitszimmer. Dort hielt sich auf, wer abends einen Brief schreiben wollte. Heute sitzt er dafür mit dem Laptop auf dem Sofa, nebenan wird gekocht, und am Tisch machen die Kinder Hausaufgaben.« Will sagen: »Die Sachen haben nicht mehr ihren Ort, so wie früher.«