Das heißt, wo etwas benutzt wurde, da bleibt es auch liegen und stehen – denn einen festen Ort kennt es ja nicht mehr, und Mutti hat immer weniger Zeit und Lust, allen alles hinterherzuräumen. Auch das typische Einrichtungsschema mit Sofa, Couchtisch in der Mitte und Schrankwand dahinter ist längst nicht mehr die Norm. Was ja nichts Schlechtes sein muss. »Es darf spielerischer hergehen«, hat Schäfer beobachtet.

Aber wann kippt das Verspielte ins Durcheinander? Schneller, als den meisten lieb ist. »Unordnung irritiert die Menschen«, stellt Schäfer fest. »Das macht sie verrückt. Sonst würden unsere Ordnungsthemen nicht derartig beliebt sein. Irgendetwas treibt die Menschen an, in Wohnzeitschriften immer wieder nach dem Thema zu suchen.« Handfeste Lösungen sind gefragt, nicht für Luxus-, sondern für Durchschnittswohnungen. Regalsysteme, Borde, Schränke, Boxen, Kästen, Kommoden. Herumstehen soll nur, was optisch attraktiv ist, dazu ausgewählt und nicht in Überzahl. Banale Gebrauchsgegenstände haben aus dem Blickfeld zu rücken, geduldet allenfalls hinter Türen oder im Stauraum. Immerhin verzichtet das Magazin, anders als zahlreiche Ratgeber in Buchform, auf die moralische Keule, die Unordnung als charakterliches Manko geißelt.

Unter den Ratgebern gibt es enorm erfolgreiche Titel, sie heißen Nie mehr Chaos oder Endlich aufräumen. Schon 2003 erschien Mit Feng shui gegen das Gerümpel des Alltags von der Britin Karen Kingston . Die Autorin, heute auf Bali daheim, reist durch die Welt, um hilflosen Chaoten in Workshops beizubringen, ihre Dinge in den Griff zu bekommen. Um ihrer Botschaft den nötigen Nachdruck zu verleihen, deutet Mrs. Kingston Unordnung als Ursache für endlosen Streit in Familien und Auslöser von Depressionen. Als Höhepunkt der Ausmisterei empfiehlt sie eine Darmreinigung.

Vierte Regel: Beantworten Sie ehrlich die Frage: Welche Dosis Ordnung brauche – und welche Dosis Ordnung vertrage ich?

Man kann eine Menge tun. Tote Winkel und Nischen, Wandvorsprünge, Plätze über der Tür oder unter der Treppe als Stauräume nutzen. Alles schön und gut – würde nicht das Unbewusste raffinierte Strategien zur Abwehr einsetzen und es schaffen, all die schönen Sortierprinzipien über kurz oder lang zu unterlaufen. Dafür ist Stephan Grünewald der Fachmann, Psychologe und Begründer von Rheingold , einem Institut für qualitative Markt- und Medienanalysen in Köln.

Als Rheinländer sieht er die Sache locker. Wenn wir ihn recht verstehen, spricht vieles dafür, dass Ordnung nichts weiter als ein willkürliches Konstrukt ist, theoretisch möglich, aber praktisch stets gefährdet, womöglich unerreichbar. So wird die von Paaren nie zu klärende Frage, ob der Ordnungssinn genetisch programmiert, anerzogen oder im Lauf einer Beziehung erlernbar sei, zur Nebensache: ein schöner Seiteneffekt dieses rheinischen Humanismus in Ordnungsdingen.

Erinnert sich noch jemand, mit welchem Furor die 68er sich der Auflösung bürgerlicher Ordnung hingaben? Die Maxime ihrer Kindheit »Räum dein Zimmer auf« fand ihr antiautoritäres Echo in versifften Wohnküchen, eingekrümelten Flokatis und locker verteilter Habe zwischen Obstkisten und Schaumstoffpolstern. Feindbild war die massive Schrankwand im Elternhaus, »damals ein Symbol der Frühversargung« laut Grünewald. Sagten sich Eltern zu Besuch an, wurde die Provokation gern verschärft, um die gewünschte Empörung hervorzurufen.

Selbst im studentischen Milieu klingt das heute lächerlich, zumal selbst der Star der Kapitalismuskritik, Slavoj Žižek, feststellte : »Wir bauchen mehr Ordnung, nicht weniger Ordnung!« Ob er auch den häuslichen Bereich einschloss? In heutigen WG-Küchen hängen jedenfalls Pläne, wann was zu erledigen ist – der gute Wille ist offenbar vorhanden. Und die Sehnsucht nach Überblick wird von Fachliteratur bedient. Aber funktioniert es denn, Ordnung aus Büchern zu lernen?