»Ratgeber zum Entrümpeln machen aus psychologischer Sicht einen fundamentalen Fehler«, behauptet Stephan Grünewald. »Sie differenzieren nicht zwischen formaler und natürlicher Ordnung.« Was, bitte, ist die natürliche Ordnung? Grünewald gibt ein Beispiel. »Auf meinem Schreibtisch gibt es verschiedene Stapel. Die haben ihre Bedeutung, weil sie mich an verschiedene Pflichten erinnern.« Genau dazu sind Stapel eigentlich da – um ein optisches Signal zu geben: Hier ist etwas, das erledigt sein will. Was aber, wenn das Signal sich häuslich einrichtet und zum Möbel wird? Wenn es zum Dauerzustand mutiert und seine komplette Signalhaftigkeit einbüßt? Emotional gefragt: Wieso trennen wir uns so ungern von Dingen, die wir mal angeschafft haben, ehrlicherweise aber nur selten, womöglich nie benutzen?

Weil Trennung immer ein Stück Vernichtung bedeutet, ob es nun die zu eng gewordene Jeans ist oder die defekte Lichterkette. »Zu diesen Gegenständen haben wir ja ein inniges Verhältnis, sie sind Ausdruck dessen, was wir durchlebt und durchlitten haben.« Eine clean desk policy – also die Regel: Am Abend muss alles vom Schreibtisch verschwinden – vernichte private Geschichtlichkeit. »Das ist so, als wenn ich jeden Abend die Festplatte meines Rechners löschen würde. Das erschwert die Orientierung.«

Edith Stork kann da nur lachen. Geschichtsverlust? Klingt nach fauler Ausrede. Sie ist der Überzeugung, dass jeder Mensch für Ordnung geschaffen ist – und räumt den Leuten seit 20 Jahren professionell hinterher, mit Hilfe ihres Systems namens »A-P-Dok« , das sämtliche Formen von Schlamperei beendet. Für immer! Als eine Art Coach berät die resolute Hessin – rote Haare, fester Schritt – Unternehmen und Privatleute, denen alles über den Kopf zu wachsen droht, und verspricht Teamfähigkeit und Kostenminimierung. Gerade erst hat sie ein ganzes Haus auf Vordermann gebracht, zwei Garagen komplett entmistet und im Büro einer Selbstständigen klar Schiff gemacht.

»Ich bin nicht dazu da, zu be- oder zu entwerten«, erklärt Stork, »sondern um einen Impuls zu geben.« Ihre Beratung wächst sich zur Familientherapie aus. Niemand werde verschont, aber am Ende habe jeder profitiert, behauptet sie jedenfalls: Der Sohn, der plötzlich Platz hat fürs Basteln, der Vater, der sein Auto wieder in die Garage stellen kann, und die Mutter, die entdeckt, dass endlich Raum da ist für ein Klavier, ein Klavier! Weil solche Aktionen weit in den Intimbereich einer Familie hineinleuchten, lehnt Stork es ab, sich dabei über die Schulter schauen zu lassen.

So ungern man über die eigene Unordnung spricht, so geradezu unheimlich ergiebig ist das Thema, sobald es um andere Leute geht. Die Einschaltquoten all der Wohnshows bei RTL, Sat.1 und so weiter beweisen es. Längst hat sich Tine Wittlers Einsatz in vier Wänden von der Beratung verabschiedet und zur Monstershow entwickelt, in der Borderliner und Messies einem Millionenpublikum vorgeführt werden. Und Achtung Messies! Deutschland räumt auf von Kabel 1 droht Ähnliches an – den Zuschauer tief befriedigt in dem überlegenen Gefühl zu wiegen: Bei mir sieht’s längst nicht so schlampig aus wie bei Hempels im Fernsehen.

Es hilft nichts: Wenn schon in der EU alles drunter und drüber geht, der Euro bröselt und Staatsanleihen wie Falschgeld auf der Straße herumliegen, dann darf wenigstens im eigenen Kokon der Überblick nicht verloren gehen. Also runter vom Sofa und einen Anfang gemacht. »Gelebte Ordnung«, nennt es Stephan Grünewald.

Eine entlastende Formel, realistisch genug unserem unperfekten Alltag angepasst, damit wir eine Balance herstellen zwischen Wunschbild und Chaos, stets neu ausgehandelt und lavierend zwischen Haufenwirtschaft und Ordnungsruf. Irgendwann werden wir es geschafft haben, ästhetische und praktische Bedürfnisse in Einklang zu bringen. Weil nämlich, wie sogar die Anarchistin Pippi Langstrumpf klug erkannte, »die ganze Welt voll von Sachen ist« und es wirklich nötig sei, »dass jemand sie findet«.

Klug handelt, wer die Gunst der Stunde nutzt und günstige Aufräum-Stimmungen erkennt. Was den jetzt enorm lästigen Weihnachtsschmuck betrifft, hat Elke Wieczorek, Geschäftsführerin des Deutschen Hausfrauenbundes , einen hervorragenden Tipp. Warten Sie die nächste Hitzewelle im Sommer ab. Dann verziehen Sie sich in den Keller, wo es schön kühl ist, um dort in aller Ruhe Kugeln, Engel, Lichterketten aufzuräumen. Was für ein gutes Gefühl.