John Maynard Keynes wusste es schon vor fast einem Jahrhundert: "Die Ideen der Ökonomen und politischen Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger, als man im Allgemeinen glaubt. Tatsächlich wird die Welt von wenig anderem beherrscht." Jetzt, mitten in der Finanz- und Schuldenkrise , tobt der Kampf um die wirtschaftliche Wahrheit besonders heftig, und er wird auch das Jahr 2012 prägen.

Wo die Konfliktlinie verläuft, verdeutlichte niemand besser als der britische Premier David Cameron , als er im Dezember vom Tisch der Europäer aufstand und sich auf seine Insel zurückzog: Das Stabilitätsdiktat für Europa , diese Mischung aus Solidarität, Sparen und Bankenregulierung – das können die anderen wollen, aber ohne Großbritannien . Seither ist klar, was sich seit Beginn der Krise abzeichnet: Die Angelsachsen hängen mehrheitlich einem Glauben an, die Kontinentaleuropäer einem anderen.

Too little, too late , das werfen die Amerikaner den Deutschen mantrahaft vor, wenn es ums Geldausgeben geht. Schon unter Bush drängte Washington im Jahr 2008 die deutsche Regierung, einen möglichst großen Bankenrettungsschirm zu spannen. Kurze Zeit später verlangte Amerika von Angela Merkel , schnellstens Konjunkturprogramme aufzulegen. Zu klein, riefen die amerikanischen Politiker und Ökonomen über den Ozean, als die deutsche Bundeskanzlerin nach Monaten des Zögerns und nur unter höchstem Druck der Partnerländer doch noch welche auflegte.

Seither sind die Rufe nach mehr Konjunkturmilliarden nicht verstummt. Sie wurden nur noch übertönt von der Forderung, endlich alle Prinzipien aufzugeben, um Europa aus der Krise herauszukaufen. Egal, ob die gefährdeten Mittelmeerländer nun sparen oder nicht, in jedem Fall soll sich Berlin mit ihnen gemeinsam verschulden und außerdem die Zentralbank von der Leine lassen. Wie ihre Kollegen in den Vereinigten Staaten sollen die Zentralbanker die Schulden europäischer Krisenländer gefälligst ohne Limit aufkaufen, damit die Zinsen für diese Länder sinken und die Banken mit Staatsanleihen in ihrem Besitz keine Verluste erleiden.

Es ist nicht immer leicht, Angela Merkel zu sein. Ihren Kritikern in Übersee will sie viel zu wenig vom einen und gleichzeitig zu viel vom anderen.

Too much, too early , das hört man aus London und Washington, wenn Kerneuropa nicht bloß neue Gesetze für die Banken beschließt, sondern die Finanzmärkte insgesamt regulieren will. Eine Steuer auf alle Finanzmarktgeschäfte lehnen die USA und Großbritannien ab, auch wenn sie das kontinentaleuropäische Herzensprojekt ist. Hedgefonds wollen sie ebenfalls weder hinreichend durchleuchten noch kontrollieren.

Der Kontrast ist enorm, und er beschränkt sich nicht auf ein paar Offizielle. Die global erscheinende Financial Times aus London greift die deutsch dominierte Krisenpolitik des Kontinents fast täglich an. Zum Beispiel zeigt ihr prominentester Kolumnist, Martin Wolf, in schöner Regelmäßigkeit auf, dass die Deutschen die Krise nicht verstanden hätten. Sonst würden sie ja zu Hause die Löhne steigen lassen und die Geldhähne öffnen, statt in Inflationsangst zu erstarren. Bei der rund 5.500 Kilometer weiter westlich erscheinenden New York Times ist es vor allem der Nobelpreisträger Paul Krugman , dem kein europäischer Schritt weit genug geht. Neue Konjunkturmilliarden und Zentralbankbillionen wären das Einzige, das ihn zufriedenstellen könnte.