Irgendwann hatten sie mich. Am Zeitschriftenregal im Supermarkt leuchteten sie mir in den vergangenen Wochen entgegen, die Schlagzeilen der Börsenmagazine: »Countdown zum Jahreswechsel: Jetzt noch schnell Geld sichern«, »Dividenden: Jetzt pflücken«, »Sichere Aktien: Weniger Risiko, mehr Spaß«. Die fett gedruckten Lettern trafen und treffen einen wunden Punkt. Jahrelang habe ich mich nicht um meine Ersparnisse gekümmert.

Auf meinem Konto läuft Monat für Monat das gleiche Spiel: Seitdem ich etwas mehr verdiene, als ich ausgebe, geht die Differenz per Dauerauftrag von meinem Girokonto bei einer Onlinebank auf ein Tagesgeldkonto. Dafür gibt mir meine Bank derzeit 1,4 Prozent Zinsen. Doch zugleich nagt die Inflation mit einer Rate von aktuell 2,1 Prozent an meinen Ersparnissen und lässt sie schrumpfen.

Warum habe ich das so lange verkannt? Zugegeben, beim Thema Geld leide ich unter chronischer Aufschieberitis. Hyperbolisches Diskontieren nennen Verhaltensökonomen dieses Phänomen. »Geld heute ist uns mehr wert als Geld morgen«, erklärt Michaela Coppola vom Munich Center for the Economics of Aging (MEA), »deswegen planen so viele Menschen nicht.« Damit soll bei mir Schluss sein! Mein Ziel ist es, wenigstens den Geldschwund zu stoppen. Doch wie stelle ich das an?

Meine Onlinebank ist keine Hilfe. Gebührenpflichtige Beratungshotline? Ohne mich. Auf einen Rückruf warte ich bis heute vergebens. So lande ich in einer Bankfiliale in Hamburg-Eimsbüttel. Herr I. ist mein Berater, genauer gesagt »Senior Berater Private Banking«. Er soll mir helfen, schließlich bin ich börsentechnisch ein Anfänger. Zwischen Zierpalme und hellen Furnierholzmöbeln dreht Herr I. den Monitor in meine Richtung und füttert ein Computerprogramm mit meinen Daten. Die erste Grafik ist noch simpel: das magische Dreieck der Geldanlage. Ertrag, Sicherheit, Verfügbarkeit. Keine Geldanlage kann alle drei Eigenschaften kombinieren, erfahre ich. Mein Tagesgeld ist zwar einigermaßen sicher und täglich verfügbar, nur Gewinn mache ich damit eher nicht. Um der Inflation ein Schnippchen zu schlagen, seien Wertpapiere das Richtige, sagt Herr I.

Wertpapiere. Konkreter: Aktien. Für viele Deutsche ist das Teufelszeug. Zockerei. Nicht einmal zehn Prozent der Bundesbürger trauen sich an sie heran. Dabei bieten Aktien in der Theorie die Möglichkeit, sich am Erfolg solider Unternehmen zu beteiligen. Im Gegensatz zu Gold, auf das sich in Krisenzeiten viele Anleger stürzen, würde ich nicht nur von der Wertsteigerung profitieren, sondern obendrein jährlich Dividenden einstreichen. Und anders als Immobilien, die derzeit ebenfalls gefragt sind, kann ich Aktien täglich verkaufen.

Ertrag und Verfügbarkeit sind also schon einmal zufriedenstellend. Mit der Sicherheit kann es deshalb nicht weit her sein. Klar könnten Verluste entstehen, erklärt Herr I., doch komme es auf den »Anlagehorizont« an. Ich dürfe nicht in Wochen und Monaten denken, sondern müsste in Jahren rechnen. In der vergangenen Dekade habe es an den Börsen zwar in schnelleren Abständen gekracht als zuvor, doch die Zyklen seien intakt. Soll heißen: Auch nach den chaotischen Monaten der Euro-Krise wird es irgendwann wieder aufwärtsgehen. Ich würde also teilweise auf die Verfügbarkeit meines Geldes verzichten, dafür aber mehr Sicherheit erhalten. Klingt gut.

Doch es gibt einen Haken: Wer sich ein Aktiendepot aufbauen möchte, sollte mit 15.000 bis 20.000 Euro einsteigen, rät Herr I. Ein mulmiges Gefühl macht sich in meiner Magengegend breit. Ich hatte eher an 5.000 Euro gedacht, wollte mich langsam herantasten an die Welt der Finanzmärkte und nicht gleich als Anfänger einen Großteil meiner Ersparnisse verwetten. Doch mit dieser bescheidenen Summe, sagt Herr I., sei wenig zu machen. Das Depot sollte verschiedene Wertpapiere enthalten, um das Risiko eines Verlustes zu streuen, wie Herr I. es ausdrückt. Bei kleinen Ordern stiegen Nebenkosten wie Gebühren überproportional, so der Berater.