Es war in den achtziger Jahren, als bei den Morans in Wolverhampton, Mittelengland, jeden Freitagabend das Licht ausging. Dann spielten Caitlin und ihre Geschwister im Wohnzimmer Disco: acht dicke Kinder, die Grimassen schnitten, Posen probierten und im Schutz der Dunkelheit das Fett vergaßen, das unter ihren T-Shirts wabbelte. "Wir wohnten in diesem winzigen Haus und hatten kein Geld für anständiges Essen. Wir waren sehr arm und sehr dick und schämten uns, rauszugehen", sagt Caitlin Moran heute. An diesem Novemberabend sitzt sie auf einem Sofa im Groucho Club , einem Londoner Privatclub, dessen Mitglieder hauptsächlich der Medien- und Entertainment-Branche angehören.

Moran ist heute Abend für den Maverick nominiert, einen Preis, mit dem der Club einmal im Jahr Journalisten oder Künstler für besondere Leistungen ehrt. Sie ist 36 Jahre alt und schreibt jede Woche drei Kolumnen für die britische Times . Auf der Shortlist für den Maverick steht sie wegen ihres aufsehenerregenden Buches How To Be a Woman , einer Art feministischen Manifests, in dem Themen wie Schamhaargestaltung, BH-Größen, Spitznamen für Geschlechtsorgane, Menstruation, Sex und Abtreibung mit viel schrägem Humor betrachtet werden.

Mit dem Buch, das im Frühjahr unter dem Titel Wie ich lernte, eine Frau zu sein auf Deutsch erscheint, reiht sich Moran ein in eine Gruppe von Autorinnen, für die der Kampf um Gleichberechtigung kein theoretischer Diskurs ist, sondern ein Kampf, der im Alltag entschieden wird. Und im Badezimmer: Wie Charlotte Roche , die Schwedin Maria Sveland (Bitterfotze) oder die Norwegerin Edy Poppy (Anatomia, Monotonia) erzählt auch Moran peinlich genau von den Privatbereichen des Frauseins. Und ähnlich wie ihre Kolleginnen definiert auch sie weibliche Identität über Körpererfahrungen und grenzt sich von einem theorielastigen Feminismus ab. Gut möglich, dass dazu Schamgrenzen überschritten werden müssen. Aber bringt es den Feminismus tatsächlich voran, wenn eine über ihre erste Menstruation schreibt? Und was treibt Moran überhaupt dazu, sich so unverblümt zu offenbaren?

"Hunderttausend Jahre lang haben Männer über alles Mögliche geredet, und die Frauen haben geschwiegen, weil sie Angst hatten, als Hexen verbrannt oder als Nutten beschimpft zu werden. Fast alle Frauen masturbieren heutzutage oder schauen sich im Internet Pornos an – es ist total normal, aber keine von uns redet offen darüber, es sei denn, sie ist sehr betrunken. So verhalten sich unterdrückte Menschen", sagt Moran.

Eben hat sie sich mit einem lauten "Ouff!" ins Sofa plumpsen lassen, jetzt faltet sie die Beine ineinander und thront in einer Art Lotussitz darauf. "Frauen haben eine Menge nachzuholen. Es gibt diesen massiven Rückstau an weiblichen Themen, von denen die Welt nichts weiß. Jedenfalls nichts Aufrichtiges. Weibliche Sexualität ist immer noch ein Geheimnis und vor allem durch die männliche Sicht geprägt. Männer haben die Welt erschaffen, und sie haben das gut gemacht; ich liebe Männer. Aber Frauen haben eine andere Perspektive. So gesehen, gibt es einen feministischen Grund, wahrhaftig über Menstruation zu schreiben. Außerdem habe ich es wegen der Pointen getan. Weil nie über das Zeug geschrieben wurde, kann man noch gute Witze drüber machen. Fast alles in meinem Leben mache ich halb aus Prinzip und halb wegen der Witze. Ich sehe mich als Mischung aus der Feministin Germaine Greer und dem Komiker Chris Rock: Ich bin die erste lustige Feministin."

Womöglich ist sie auch die erste Feministin, die ein T-Shirt mit einem Pferd drauf trägt und Reiterstiefel. Was aber nichts zu bedeuten habe, sagt sie: "Ich war froh, dass heute keine formelle Garderobe vorgeschrieben ist, und habe angezogen, was gerade rumlag."

Morans Buch ist laut Untertitel eine Mischung aus Biografie und Tirade, man hat den Eindruck, dass ihr das Genre sehr leicht von der Hand geht. Im Interview beantwortet sie keine Frage unter zehn Minuten. Moran spricht rasend schnell und scheint erst zufrieden, wenn sie einen Lacher provoziert. Dass sich ihr Humor in Kindertagen als Überlebensstrategie herausgebildet hat, ist in How To Be a Woman nachzulesen. Ohne Bitterkeit beschreibt sie den Alltag von Sozialhilfeempfängern, die sich mit Schlagfertigkeit und Wortwitz bei Laune hielten. Moran besuchte nur die Grundschule, wurde danach zu Hause unterrichtet und stellte sich in öffentlichen Bibliotheken ihren eigenen Wissenskanon zusammen.