Um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, tasten wir uns lieber langsam ans Desaster heran: Als Marjane Satrapi vor vier Jahren ihren Comic Persepolis verfilmte, war die Kinowelt bezaubert. Eine Kindheit im Iran in fein gezeichneten Schwarz-Weiß-Bildern! Die islamische Revolution aus der Sicht eines heranwachsenden Mädchens. Die perfekte Verbindung von Politik, Kunst und persönlicher Geschichte!

Ihren zweiten Film Huhn mit Pflaumen , der ebenfalls einen ihrer Comics zur Vorlage hat, drehte Satrapi wieder gemeinsam mit dem Regisseur Vincent Paronnaud. Es geht um die Geschichte des Geigers Nasser-Ali Khan (Mathieu Amalric), der Ende der fünfziger Jahre in Teheran lebt. Als seine Frau im Streit seine Violine zerstört, wirft ihn dies zurück in die Vergangenheit. Er erinnert sich an seine unglückliche Liebe. An die Frau, die er liebte und als armer Künstler nicht heiraten durfte. An die schmerzlichen Gefühle, die ihn erst zum großen Geiger werden ließen. Nasser-Ali findet kein Instrument mehr, das seinen Ansprüchen genügt. Und ohne Instrument kein Leben mehr.

Acht Tage lang läuft der Countdown bis zu seinem Tod, und jeder dieser Tage ist eine komische bis tragische Miniaturerzählung. In den visuell teils liebevoll gestalteten, teils albern stilisierten Tagesepisoden ist Teheran ein Fantasieort mit schmalen Gassen, altmodischen Lädchen und schönen Gärten. Der Iran als eine künstliche Studiowelt, die jedoch vollkommen hermetisch bleibt. Wo zum Teufel, fragt man sich angesichts der pittoresk verstaubten Geschäfte, Tausendundeine-Nacht-Dekors und Lego-Ansichten der Hauptstadt, bleibt eigentlich das Land, in dem die Herzschmerzgeschichte des lebensmüden Musikers spielt? Was ist mit den britisch-iranischen Ölkonflikten, mit den politischen Spannungen, die in die Rückkehr des Schahs mündeten? Iran lautet auch der Vorname der verlorenen Liebe von Nasser-Ali. Doch auch diese Idee führt vom schönen Gesicht der Schauspielerin Golshifteh Farahani nicht zu dem Land, das Satrapi als Kind verlassen musste.

Eine gute Woche lang folgt man also den ausführlich ausgebreiteten selbstquälerischen Erinnerungen von Nasser-Ali und ist fast ein wenig erleichtert, als ihm endlich der Todesengel erscheint. Was will uns Marjane Satrapi sagen? Dass es schmerzt, die große Liebe nicht zu leben? Dass wahre Kunst wahrhaftige Gefühle braucht? Dem widerspricht ihr kitschiger, seltsam unwahrhaftiger, mit nostalgischen Effekten kalkulierender Film.

Huhn mit Pflaumen ist ein schmackhaftes Gericht der iranischen Küche, das hier auch seinen dampfenden Auftritt hat. Marjane Satrapis Film wirkt jedoch so, als habe sie noch Fisch, Essig, Zucker, Seife und dann jede Menge Geschmacksverstärker hinzugekippt. Wer dieser Tage ins Kino geht, sollte sich – leider – lieber was anderes bestellen. Oder einfach noch einmal Satrapis wunderbaren Comic Persepolis lesen.