Film "Huhn mit Pflaumen"Und eine Prise Geschmacksverstärker

"Huhn mit Pflaumen" – der neue Film der iranischen Comic-Zeichnerin und Regisseurin Marjane Satrapi. von 

Auf Drängen seiner Mutter heiratet Nasser-Ali (Mathieu Amalric) die Lehrerin Faringuisse (Maria de Medeiros).

Auf Drängen seiner Mutter heiratet Nasser-Ali (Mathieu Amalric) die Lehrerin Faringuisse (Maria de Medeiros).  |  © 2011 PROKINO Filmverleih GmbH

Um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, tasten wir uns lieber langsam ans Desaster heran: Als Marjane Satrapi vor vier Jahren ihren Comic Persepolis verfilmte, war die Kinowelt bezaubert. Eine Kindheit im Iran in fein gezeichneten Schwarz-Weiß-Bildern! Die islamische Revolution aus der Sicht eines heranwachsenden Mädchens. Die perfekte Verbindung von Politik, Kunst und persönlicher Geschichte!

Ihren zweiten Film Huhn mit Pflaumen , der ebenfalls einen ihrer Comics zur Vorlage hat, drehte Satrapi wieder gemeinsam mit dem Regisseur Vincent Paronnaud. Es geht um die Geschichte des Geigers Nasser-Ali Khan (Mathieu Amalric), der Ende der fünfziger Jahre in Teheran lebt. Als seine Frau im Streit seine Violine zerstört, wirft ihn dies zurück in die Vergangenheit. Er erinnert sich an seine unglückliche Liebe. An die Frau, die er liebte und als armer Künstler nicht heiraten durfte. An die schmerzlichen Gefühle, die ihn erst zum großen Geiger werden ließen. Nasser-Ali findet kein Instrument mehr, das seinen Ansprüchen genügt. Und ohne Instrument kein Leben mehr.

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Acht Tage lang läuft der Countdown bis zu seinem Tod, und jeder dieser Tage ist eine komische bis tragische Miniaturerzählung. In den visuell teils liebevoll gestalteten, teils albern stilisierten Tagesepisoden ist Teheran ein Fantasieort mit schmalen Gassen, altmodischen Lädchen und schönen Gärten. Der Iran als eine künstliche Studiowelt, die jedoch vollkommen hermetisch bleibt. Wo zum Teufel, fragt man sich angesichts der pittoresk verstaubten Geschäfte, Tausendundeine-Nacht-Dekors und Lego-Ansichten der Hauptstadt, bleibt eigentlich das Land, in dem die Herzschmerzgeschichte des lebensmüden Musikers spielt? Was ist mit den britisch-iranischen Ölkonflikten, mit den politischen Spannungen, die in die Rückkehr des Schahs mündeten? Iran lautet auch der Vorname der verlorenen Liebe von Nasser-Ali. Doch auch diese Idee führt vom schönen Gesicht der Schauspielerin Golshifteh Farahani nicht zu dem Land, das Satrapi als Kind verlassen musste.

Eine gute Woche lang folgt man also den ausführlich ausgebreiteten selbstquälerischen Erinnerungen von Nasser-Ali und ist fast ein wenig erleichtert, als ihm endlich der Todesengel erscheint. Was will uns Marjane Satrapi sagen? Dass es schmerzt, die große Liebe nicht zu leben? Dass wahre Kunst wahrhaftige Gefühle braucht? Dem widerspricht ihr kitschiger, seltsam unwahrhaftiger, mit nostalgischen Effekten kalkulierender Film.

Huhn mit Pflaumen ist ein schmackhaftes Gericht der iranischen Küche, das hier auch seinen dampfenden Auftritt hat. Marjane Satrapis Film wirkt jedoch so, als habe sie noch Fisch, Essig, Zucker, Seife und dann jede Menge Geschmacksverstärker hinzugekippt. Wer dieser Tage ins Kino geht, sollte sich – leider – lieber was anderes bestellen. Oder einfach noch einmal Satrapis wunderbaren Comic Persepolis lesen.

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Leserkommentare
    • MickeyQ
    • 05. Januar 2012 16:08 Uhr

    Ich habe "Poulet aux prunes" mit ganz anderen Augen gesehen als die Rezensentin. Es geht ja nicht, zumindest sehe ich das so, um eine politische Doku, Analyse oder was auch immer des Iran, jedenfalls nicht in erster Linie.

    Poulet aux Prunes könnte in jedem Land der Welt spielen, ist eine humorvolle, verspielte, letztlich aber tragische Geschichte vom verhinderten Lebensglück. Man kann die kindlich-naiven Comic-Episoden albern und kitschig finden. Sie heben sich jedoch angenehm von den perfekt durchkonstruierten Streifen ab, die man sonst so zu sehen bekommt.

    Überhaupt bedient sich Poulet aux Prunes erfreulich vieler Stilmittel, und das Ende ist einfach stark. Iréne verleugnet ihre grosse Liebe Nasser-Ali, um ihre Lebenslüge, die falsche Heirat, aufrechterhalten zu können. Was machen gesellschaftliche Konventionen mit uns?

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    • hunzel
    • 05. Januar 2012 16:21 Uhr

    Was soll das ganze Zeug mit dem Iran und das doch Satrapi von da flüchten musste, muss denn immer der vorangegangene Film mit dem aktuellen verglichen werden? Mein Gott ich hab den Film in einer Vorschau sehen können und war einfach nur glücklich beim verlassen des Kinos... Es muss nicht immer ein Politdrama sein, nur weil jemand aus einem Unterdrücksungsstaat kommt, vielleicht ist es eine nostalgische Erinnerung, wie es in diesen Ländern auch Geschichten geben kann, ganz abseits von alltäglichen Dingen.

    • hunzel
    • 05. Januar 2012 16:21 Uhr

    Was soll das ganze Zeug mit dem Iran und das doch Satrapi von da flüchten musste, muss denn immer der vorangegangene Film mit dem aktuellen verglichen werden? Mein Gott ich hab den Film in einer Vorschau sehen können und war einfach nur glücklich beim verlassen des Kinos... Es muss nicht immer ein Politdrama sein, nur weil jemand aus einem Unterdrücksungsstaat kommt, vielleicht ist es eine nostalgische Erinnerung, wie es in diesen Ländern auch Geschichten geben kann, ganz abseits von alltäglichen Dingen.

    • saja
    • 05. Januar 2012 19:48 Uhr

    Ich habe selten eine so wohlfeile Filmkritik gelesen. Eine Regisseurin iranischer Abstammung hat also gefälligst politische Filme abzuliefern. Aha. Legen Sie ähnliche Ansprüche an deutsche oder amerikanische Filmemacher an? Über den Woody Allen Film „Der Stadtneurotiker“ schreiben Sie in einer Liebeserklärung: „Das Rätsel, weshalb eine Beziehung zu Ende geht, die Gefühle entweichen, kann man vielleicht nicht beantworten, aber in einem wehmütigen Film drehen und wenden, sodass er uns am Ende wie eine Antwort vorkommt.“ Warum darf Woody Allen Filme machen, in denen Los Angeles, New York oder Paris wie aus dem Bilderbuch daherkommen und Marjane Satrapi nicht? Warum darf er Geschichten erzählen von den kleinen und großen Absurditäten des Alltags und Marjane Satrapi nicht? Eines scheinen Kommentatoren hierzulande sowieso immer zu vergessen - Satrapi kritisiert in „Persepolis“ nicht nur die iranische Regierung, sondern auch den Westen, der zum Beispiel im Iran-Irak-Krieg eine unrühmliche Rolle spielte. Und sie prangert an, mit wie wenig Mitgefühl ihr die Bürger Wiens begegnen als sie als Jugendliche obdachlos wird und Essensreste aus Mülltonnen fischen muss. Ich erinnere mich an keinen Woody Allen Film, in dem vergleichbare soziale Härten thematisiert werden!

    • saja
    • 05. Januar 2012 19:53 Uhr

    Davon abgesehen ist auch der neuste Film von Marjane Satrapi politisch, denn es geht um einen Menschen, der die Hoffnung verliert in einer Zeit, in der deutlich wird, dass der Traum der Demokratie in Iran gescheitert ist. Das ist sehr subtil, aber nochmal: Frau Satrapi hat das gleiche Recht, die ganze Bandbreite menschlicher Erfahrungen auf Zelluloid zu bannen wie andere Regisseure auch. Dass sie mit „Huhn mit Pflaumen“ neue Pfade beschreitet, spricht für ihre Vielseitigkeit. Ich bin jedenfalls gespannt darauf, wie gut ihr dieser Film gelungen ist und freue mich darauf, ihn bald im Kino sehen zu können!

    • saida
    • 06. Januar 2012 1:13 Uhr

    Desaströs finde ich eher die Tatsache, dass jemand eine Filmkritik veröffentlicht, der so wenig Mühe und Aufmerksamkeit darauf verwendet, den besprochenen Film zu verstehen und – nichts desto trotz – vorzieht, sich mal schnell eine oberflächliche, vernichtende Meinung zu bilden und durch die deutsche Brille zu polemisieren, anstatt die Intention zu würdigen, dass hier jemand versucht, einen Einblick in eine andere Kultur und Gesellschaft zu gewähren, der mit Hau-Ruck-Interpretationsansätzen eben nicht für jeden zugänglich ist. Zuhören heißt das Zauberwort. Nachdenken. Da versucht jemand, eine Brücke zu bauen.

    Eine Leserempfehlung
  1. Interessant dass viele Kommentatoren die Kritik verreißen ohne selbst den Film gesehen zu haben. Habe den Film gesehen und muss sagen dass der FIlm trotz der Fülle fantasievoller Einstellungen doch irgendwie steril wirkt. Außerdem fehlt irgendwie der rote Faden und eine klare Kliederung, was den Film streckenweise doch recht lanatmig erscheinen lässt.
    Auf jedenfall kein iranischer Film und auch kein Film der an die Qualität originär iranischer Filme von Mohsen Makhmalbaf oder asghar farhadi heran reicht.

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    • saida
    • 06. Januar 2012 20:24 Uhr

    Ich habe den Film gesehen. Daher weiss ich, dass die "Kliederung" des "Fllms" wie du so schön schreibst, zyklisch und nicht linear ist. Offenbar fällt es einigen Menschen wirklich schwer etwas zu anzunehmen, wenn man ihre gewohnheitsmäßigen Erwartungen nicht bedient. Schublade auf, Marjane rin, Schublade zu. Passt nich? Gibt´s nich!

    • saida
    • 06. Januar 2012 20:26 Uhr

    :-)

    • saida
    • 06. Januar 2012 20:24 Uhr

    Ich habe den Film gesehen. Daher weiss ich, dass die "Kliederung" des "Fllms" wie du so schön schreibst, zyklisch und nicht linear ist. Offenbar fällt es einigen Menschen wirklich schwer etwas zu anzunehmen, wenn man ihre gewohnheitsmäßigen Erwartungen nicht bedient. Schublade auf, Marjane rin, Schublade zu. Passt nich? Gibt´s nich!

    • saida
    • 06. Januar 2012 20:26 Uhr

    :-)

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  • Schlagworte Film | Comic | Iran | Kinowelt | Liebe | Fisch
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