Friedrich der Große Empfindung und Höflichkeit

Von Bach zu Bach: Emmanuel Pahud zeigt uns auf seiner neuen CD einen "Flötenkönig" mit Format.

Der Schweizer Flötist Emmanuel Pahud im Kostüm

Der Schweizer Flötist Emmanuel Pahud im Kostüm

Jetzt werden wieder einige die Gelegenheit wahrnehmen, die Legende abzuräumen, das Gipfeltreffen zu planieren. Es ist ja auch zu schön, dass Friedrich der Große anno 1747 den alten Bach zu einem Besuch in Potsdam ermuntert haben soll. Dass der 35-jährige Monarch gesagt habe: »Meine Herren, der alte Bach ist gekommen«, und die Flöte weglegte. Dass er dem 62-jährigen Thomaskantor ein selbst geschriebenes Thema überreichte, über das der zuerst improvisierte, um, zurück in Leipzig, sein elfteiliges, grandioses Musikalisches Opfer daraus zu komponieren. So hat sein Sohn Wilhelm Friedemann es dem Biografen Forkel erzählt, und alle paar Jahre wird es bezweifelt.

Zum einen habe Friedrich Bach zwar empfangen, sich aber nicht für ihn interessiert, zum andern sei das Thema viel zu gut, um von einem Amateur zu sein. Nein, so gut ist das Thema auch wieder nicht für eine Fuge, und abgesehen davon war Friedrich ein weit besserer Musiker, Noten schreibend wie spielend, als neun von zehn unserer Musikwissenschaftler. Es gibt auch keine einzige Quelle, die gegen die Begebenheit spricht. Dafür jetzt aber ein Doppelalbum, das unter dem Titel Flötenkönig das enorme musikalische Niveau an Friedrichs Hof bezeugt.

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Auf dem Cover posiert Emmanuel Pahud als schriller Flötenkönig wie ein Operettencommander aus Fluch der Karibik, eine Camp-Ästhetik, die wohl sein muss, wenn ein großes Label so ein Minderheitenprogramm auf den Markt stößt: Zwei CDs mit halb vergessener Instrumentalmusik, vom krisenfesten Repertoire weit entfernt, für Diven unbrauchbar. Bach kennt man, aber wer erriete auf Anhieb Franz Benda, J. J. Quantz, J. F. Agricola, Anna Amalia und Friedrich II.? Den Marketingstrategen der EMI muss der Schweiß auf die Stirn getreten sein, als sie sahen, was Emmanuel Pahud vorhatte.


Aber da ist nun mal Friedrich der Große, wie Pahud einer der bekanntesten Flötisten des Planeten. So einen lässt man sich nicht entgehen, und so kam eine Ausgrabung zustande, wie sie sonst gern den kleinen, neugierigen, darbenden Labels überlassen wird. Das einzige prominente Stück, die Triosonate aus dem Musikalischen Opfer mit so vorzüglichen Partnern wie Altmeister Trevor Pinnock am Cembalo, zeigt sofort, dass Pahud den Vergleich mit historisch ausgerüsteten Kollegen nicht zu scheuen braucht. Auch dem modernen Blasrohr lauscht man gern, wenn mit so schlankem, flexiblem Ton und mit Sinn fürs Sprachliche Bachs wundersames Geflecht entziffert wird.

So feinsinnig lehrt uns Pahud auch den Geist von Sanssouci verstehen, der eine lichtere Ästhetik verfolgte als Bachs Komplexität. Es geht um Maß, um Verständlichkeit, um Empfindung, die den Exzess meidet, um Höflichkeit. Man will da gar keine Gipfel, keine Abgründe, es ist ein Plateau der Vernunft und formalen Übereinkunft – die Grundlage jeglicher »Klassik«. Wer länger zuhört, lernt Persönlichkeiten unterscheiden. Die leicht pikante Würze, die Franz Benda in ein Flötenkonzert streut, der architektonische Einsatz von Farben bei Quantz, der auch mal die Flöte aus der Tiefe lichten Geigenklängen entgegensteigen lässt, die feine, sichere Handschrift der Königsschwester Anna Amalia.

Und Friedrich selbst? Als Komponist ist er am schwächsten da, wo er sich als Virtuosen am stärksten fordert. Dann werden Triolen, Akkordbrechungen, Repetitionen in die Takte gepfercht; ein Stresstest für Lunge und Zunge, der keine Substanz erzeugt. Doch jenseits der Leistungsnachweise entsteht ein melancholischer Charme von eigener Qualität. Da blickt man mitunter weit. Im Grave seines dritten Konzerts setzt er einmal im Vorübergehen Akkorde, zwischen denen Mozarts Don Giovanni seinen Schatten vorauswirft. Zufall, sicher, solche Schatten mochte er ja gar nicht, schon die Musik seines Cembalisten Carl Philipp Emanuel Bach ging dem König viel zu weit.

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