Friedrich der Große"Er wollte geliebt werden"

Maskenträger und Maskenbildner: Friedrich der Große als Gefühlspolitiker. Ein Interview mit der Historikerin Ute Frevert

Der Metallrestaurator Gunter Herrmann aus Berlin reinigt mit einer Bürste die Bronzefigur Friedrich des Großen.

Der Metallrestaurator Gunter Herrmann aus Berlin reinigt mit einer Bürste die Bronzefigur Friedrich des Großen.

DIE ZEIT: Friedrich der Große erscheint uns als widersprüchlicher Politiker mit schwankendem Charakter. Wie stark wirkt der Gefühlshaushalt des Königs auf seine Politik?

Ute Frevert: Friedrich hat sich selber als einen Menschen beschrieben, der »empfindsam geboren« sei. Manches Leid – vor allem sein eigenes – rührte ihn zu Tränen, anderes dagegen ließ ihn kalt. Seine Briefe an die Lieblingsschwester Wilhelmine oder an Freunde sind das, was wir heute »emotional« nennen würden: Sie erzählen von starken Empfindungen, von Freude und Genuss, von Traurigkeit und Sehnsucht, von Verzweiflung und Verdruss. Als König aber und absoluter Herrscher hielt er diese Empfindungen auf Abstand. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, seine politischen oder militärischen Entscheidungen von persönlichen Neigungen oder Abneigungen abhängig zu machen. Hier ließ er nur zwei Gefühle gelten, die ihm seine Vorfahren ins Stammbuch geschrieben hatten: Ehrgeiz und Ruhmbegierde.

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ZEIT: Ist er darin ein Mensch des 18. Jahrhunderts – oder moderner, als wir glauben?

Frevert: Sicher war Friedrich ein Kind seiner Zeit, ebenso wie er diese Zeit geprägt hat. Aber er war vor allem König, unumschränkt herrschender Monarch und deshalb besonders prägekräftig. Zum König wurde er erzogen, und Königsein hieß: sein Land so zu regieren, dass es am Ende der Regierungszeit mächtiger dastand als am Anfang. Daran bemaßen sich die Ehre und der Ruhm des Herrschers. Ehre und Ruhm gewann er durch militärische Eroberungen.

Ute Frevert,

geboren 1954, ist Historikerin und Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Soeben erscheint von ihr Gefühlspolitik. Friedrich II. als Herr über die Herzen?

ZEIT: Und das Moderne an ihm?

Frevert: Er war bereits ein moderner »Achtzehnhunderter«, weil er Untertanen nicht nur als Zählmasse begriff, sondern als Aktivposten, die es zu »produktivieren« galt. Man musste sie pfleglich behandeln, in ihre »Glückseligkeit« investieren und sie bei Laune halten, denn nur so brachten sie dem Land und seinem Herrscher wirklichen Nutzen.

ZEIT: Erziehung des königlichen Herzens: Woher kommt diese königliche Emotionalität? 

Frevert: Eigentlich ist sie ein Widerspruch in sich. Denn als König, das hatte Friedrich früh gelernt, galt es, seine Gefühle für sich zu behalten. Die adlige Erziehung seiner Zeit legte großen Wert auf Politesse und geschliffene Umgangsformen. Dazu gehörte ein Gefühlsmanagement, das den Ausdruck von Empfindungen fein dosierte und regulierte. Bürgerlichen Kritikern erschien das als Maskierung, und sie brachen eine Lanze für mehr Aufrichtigkeit, Offenheit und Direktheit. Von solchen Forderungen hielt sich Friedrich fern. Als König beherrschte er die Kunst der Verstellung wie kein Zweiter. Deshalb ist es auch müßig, nach seinen »wahren«, »echten« Gefühlen zu fahnden oder seinen »wirklichen Charakter« erkunden zu wollen. Friedrich trug nicht nur eine Gefühlsmaske, sondern er war auch der perfekte Maskenbildner, der das Bild, das er der Welt (und Nachwelt) von sich vermitteln wollte, bis ins kleinste Detail kontrollierte.

Leserkommentare
  1. wäre der Alte Fritz heute besser geeignet als mancher
    Polit-Gaukler neuester Generation.

    Eine Leserempfehlung
  2. sagen liess:"Weltlichen Vorteil sollen sie gar nicht vor Augen haben, sondern Moralität, feine Ausbildung des Kopfs und des Herzens! Lieben sollen mich die Halunken!"

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