Kontinentalverschiebung "Kein schrumpfender Apfel"

Ein Gespräch mit dem Geoforscher Onno Oncken über die 100 Jahre alte Theorie der Kontinentalverschiebung und vorhersehbare Erdbeben.

DIE ZEIT: Herr Oncken, 2012 feiern die Geoforscher einen runden Geburtstag. Am 6. Januar vor hundert Jahren hat der Pionier Ihres Fachs, Alfred Wegener, die Theorie von der Verschiebung der Kontinentalplatten erstmals vorgestellt. Heute ist das die Grundlage jeder Erdbebenforschung. Damals wurde Wegener angefeindet – warum?

Onno Oncken: Dieses neue Bild von der Welt stand im Gegensatz zu dem, was in der Zeit gedacht wurde. Dabei hatte Wegener versucht, einen Widerspruch aufzuheben, indem er neues geophysikalisches Wissen mit geologischen Beobachtungen in Einklang brachte. Er erkannte an der Form der Kontinente, dass deren Küstenlinien gut aneinanderpassen. Da hatte er nicht nur die Idee von einem Urkontinent, der auseinandergebrochen war, sondern er machte sich vor allem Gedanken über den Zusammenhang mit dem Wärmehaushalt der Erde und der Dichte ihrer Gesteine.

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ZEIT: Und stellte schließlich fest: Sie bewegt sich doch – die Kruste!

Onno Oncken

erforscht am GFZ Potsdam die Dynamik der Erdkruste.

Oncken: Gewissermaßen. Seine Unbefangenheit im Denken beeindruckt mich noch heute. Der Zeitgeist ging von einer starren Erde aus, die sich beim Abkühlen zusammenzieht und so alle Formen an ihrer Oberfläche entstehen lässt, von den Bergrücken bis zu den Ozeangräben. Man stellte sich die Erde wie einen schrumpfenden Apfel vor.

ZEIT: Woran erkannte Wegener denn, dass dieses Bild nicht stimmen konnte?

Oncken: Er hat sich von neuen physikalischen Einsichten leiten lassen, zum Beispiel von der Erkenntnis, dass alles, was im Wasser schwimmt, so tief eintaucht, wie es seinem eigenen Gewicht entspricht. Das gilt auch für die auf dem Erdmantel schwimmende leichte Erdkruste der Kontinente. Oder von der Entdeckung der Radioaktivität: Sie zeigte, dass bereits geringe Mengen radioaktiver Isotope in den Mineralien verhindern, dass sich unser Planet abkühlt – weil er ständig durch radioaktiven Zerfall neue Wärme generiert.

ZEIT: Wenn er nicht abkühlt, schrumpft der Apfel auch nicht.

Oncken: Genau, und deswegen konnte auch das alte Standardmodell nicht richtig sein. Die gängige geologische Theorie stand zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Widerspruch zu dem, was die Physik seit Ende des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hatte.

ZEIT: Wegeners Idee von der Kontinentaldrift gilt als Beispiel für einen Paradigmenwechsel in den Naturwissenschaften. Wo lag er selbst falsch?

Oncken: Zwei kolossale Irrtümer sind ihm unterlaufen. Erstens konnte er keinen Motor für die Bewegung der Kontinente vorweisen. Daher entwickelte er Ideen wie die einer »Polfluchtkraft«, bei der die Rotation der Erde die Kontinente von den Polen weg in Richtung Äquator drängen sollte. Solche Zentrifugalkräfte sind aber verschwindend klein, das musste Wegener sich schon damals vorrechnen lassen. Der zweite kardinale Irrtum war seine Vorstellung, die Kontinente würden wie Eisschollen durch Erdmantel und Ozeane pflügen. Das geht physikalisch nicht, dafür sind die Gesteine viel zu fest.

ZEIT: Da musste man wohl erst systematisch den Planeten anbohren, um es besser zu wissen...

Oncken: Nicht nur. Kurioserweise halfen vor allem die Militärs der Wissenschaft. Die Kartierung des Magnetfeldes der Ozeane hatte im Zweiten Weltkrieg begonnen – gefördert durch die US-Marine. Sie hatte Daten gesammelt, um Jagd auf U-Boote zu machen, die sich durch Veränderungen im Magnetfeld verrieten. Dabei entstand Wissen, das dann in den sechziger Jahren eine Schlüsselrolle spielte, als Harry Hess die Theorie der Ozeanbodenspreizung entwickelte: Gigantische Umwälzungen im Erdinnern führen dazu, dass sich am Mittelozeanischen Rücken permanent neue Kruste bildet und so die Kontinentalplatten, auf denen Europa und Amerika liegen, auseinandergeschoben werden.

Leser-Kommentare
  1. In Anbetracht des nicht ganz einfach zu erreichenden Straßenanschnitts im Artikelbild hier eine regionale Variante:

    http://georallye.uni-bonn...

    http://img.geocaching.com...

    MfG Karl Müller

  2. Unser Planet wächst jedes Jahr im Umfang!! Eine tolle Aufklärung gibts hier:

    http://goldstaender.wordp...

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