Dieses Ölgemälde aus dem Louvre in Paris, gemalt von Jean-Auguste-Dominique Ingres, zeigt Johanna von Orléans (1412 - 1431) in der Kathedrale von Reims während der Krönung von Karl VII. © Hulton Archive/Getty Images

Ein junges Mädchen hoch zu Ross, in schimmernder Rüstung, mit Helm und Schwert. So reitet sie, in Bronze gegossen, auf hohem Sockel, in Orléans, in Reims und Rouen und vielen anderen Städten des Landes. Jeanne d’Arc, Johanna, die Jungfrau von Orléans, ist Frankreichs Nationalheilige, jeder kennt sie, jedes Schulkind, und im Laufe der Geschichte rückten alle, Konservative wie Reformer, Kleriker wie Aufklärer, nur zu gern in ihre mythische Aura.

Dramatiker aller Länder – Shakespeare, Schiller, Shaw, Brecht – ließen sie auf der Bühne auferstehen, Voltaire hat sie verspottet, der voltairesche Freigeist Anatole France sie kritisch verehrt. Verdi widmete ihr eine Oper. Filmstars von Ingrid Bergman bis Milla Jovovich gaben ihr auf der Leinwand Gestalt. So grandios erscheint sie, so spektakulär ihre Geschichte, dass man sie für eine bloße Sagenheldin halten könnte.

Doch sie hat gelebt, und ihre Geschichte ist wahr. Vor genau 600 Jahren, am 6. Januar 1412, kam sie in dem lothringischen Ort Domrémy an der Maas zur Welt. Sie war angekündigt worden: Eine alte Prophezeiung besagte, dass eine Jungfrau aus dem Volke Frankreich retten werde, nachdem eine Königin aus der Fremde es fast zugrunde gerichtet habe. Wer die Königin war, wusste man, denn die spielte ihre unheilvolle Rolle seit 1385. Elisabeth aus dem Hause Wittelsbach, genannt Isabeau de Bavière, Gemahlin König Karls VI. von Frankreich, konspirierte offen mit dem Feind. Vielleicht wurde ihr armer Mann darüber wahnsinnig. Jedenfalls stieg Isabeau an der Seite des geistig umnachteten Monarchen zur Regentin auf und verhandelte mit dem Hause Burgund, das dem englischen König Unterstützung versprach bei seinem Griff nach der französischen Krone. Isabeau ging so weit, den eigenen Sohn und Thronfolger Karl für illegitim zu erklären, um den Weg für den englischen Prätendenten frei zu machen.

Als Englands König Heinrich V. das französische Heer 1415 bei Azincourt in den Sumpf getrieben und vernichtet hatte, rollte ihm Isabeau den roten Teppich aus: Sie gab ihm ihre Tochter zur Frau und huldigte ihm als künftigem Herrscher. Frankreich, vom Bürgerkrieg zwischen den Herzogtümern Orléans und Burgund zerrissen und drauf und dran, sich den Engländern zu unterwerfen, hatte sich selbst aufgegeben. Nur noch ein Wunder konnte sein Schicksal wenden. Und das Wunder geschah.

Sendet sie der Himmel? Oder die Hölle?

Was Krieg bedeutete, erfuhr Johanna früh. Die Fehden zwischen dem abtrünnigen Haus Burgund und dem königstreuen Haus Orléans, die Feldzüge der Engländer, die ihren Besitz auf dem Festland stetig zu erweitern strebten, bis hin zur Unterwerfung des gesamten Landes, mit einem Wort: der 1337 begonnene, später so genannte Hundertjährige Krieg ließ kaum eine Gegend im schönen Frankreich unverwüstet. Auch Johanna, Tochter eines wohlhabenden Bauern, musste mit der Familie ins Nachbardorf flüchten, weil marodierende Horden Domrémy heimsuchten.

Sie war 13, als sie zum ersten Mal die Stimmen der heiligen Katharina, der heiligen Margarethe und des Erzengels Michael hörte, die ihr später den Auftrag gaben, Frankreich zu retten. Anfangs redeten sie ihr eher allgemein ins Gewissen: Sie solle fromm und rein leben. Später wurden sie fordernder. Zum Stadthauptmann des nahen Vaucouleurs solle sie gehen und ihn um eine Eskorte bitten. So geleitet, werde sie nach Chinon weiterziehen, wo Isabeaus verstoßener Sohn Karl, der Dauphin, Hof hielt.

Danach dann die erste große Aufgabe: Sie sollte das von den Engländern eingeschlossene Orléans befreien. Nachdem der Feind von der Insel schon den gesamten Norden Frankreichs inklusive Paris in seine Gewalt gebracht hatte, zielte er jetzt auf das Rückzugsgebiet des Dauphins – und so weit durften die Engländer keinesfalls vorstoßen. Orléans an der Loire, die den Norden vom Süden Frankreichs trennt, war die Stadt, auf die es ankam. Nach der Rettung von Orléans würde Johanna Karl nach Reims geleiten, ihn dort zum König krönen lassen und so die vollendete Tatsache schaffen, die den Anspruch der Engländer auf Frankreichs Thron zunichtemachte.

Was für ein Plan! Binnen eines Jahres sollte sich die 17-Jährige aus der Provinz, die weder lesen noch schreiben konnte und vom Militärischen nichts wusste, zu einer Feldherrin entwickeln, die Schlachten entschied und als Königsmacherin die politischen Gewichte ihrer Zeit verschob. Das klingt wie ein Wunder. Und es wäre vollends unbegreiflich, wenn man – wir, die Nachwelt, aber auch weiland die Zeitgenossen – sich nicht der Kraftquelle Johannas bewusst würde: Sie sah sich als Sendbotin Gottes, die Seinen Auftrag ausführte, als Werkzeug des Allmächtigen und so auch selbst mächtig.