Statt zu sinken, stiegen die globalen CO2-Emissionen weiter an. Der Optimismus, allein mit neuen Technologien das Klima zu retten, ist hierzulande dennoch ungebrochen. Zu verlockend ist die mehrfache Rendite: Klimaschutz, höhere nationale Wettbewerbsfähigkeit – und für die Bürger bleibt alles bequem beim Alten. Durch die Fixierung auf diesen Ansatz aber werden soziale Innovationen vernachlässigt, ohne die der Klimawandel nicht beherrschbar ist.

Smart Grids, Elektromobile, neue Leichtbaumaterialien: Darin münden die Hightechstrategien der Bundesregierung ebenso wie die Konzepte des »Green New Deal« oder der »ökologischen Industriepolitik« bei den Oppositionsparteien. Doch solche isoliert technologischen Lösungsansätze stoßen zunehmend an Grenzen.

Die Biosprit-Debatte hat das deutlich gemacht: Der Versuch, das Klima durch Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen zu entlasten, wurde mit der massiven Abholzung von Regenwaldgebieten erkauft. Die ökologisch scheinbar einwandfreien Energiesparlampen enthalten gefährliches Quecksilber, Leichtbaumaterialien sind oft schwer zu entsorgen.

Oder es kommt zu »Rebound«-Effekten, das heißt: Effizientere Produkte verleiten uns dazu, mehr zu verbrauchen. Beispiele dafür sind die Energiesparlampe, die wegen der geringeren Stromkosten die ganze Nacht im Garten brennt, oder die effizientere Gefrierkombination, die dazu verführt, das alte Gerät in den Keller zu stellen und dort den Braten für die Festtage frühzeitig einzulagern. Auch in der Industrie schafft mehr Energieeffizienz zwar auf den ersten Blick eine Entlastung für die Umwelt, die niedrigeren Kosten eröffnen aber meist auch die Chance, mehr Produkte zu verkaufen.

Obwohl also die Techno-Fixierung nicht weit genug trägt, werden soziale Innovationen als Träumerei einiger besonders bewegter Weltverbesserer belächelt. Dabei hat es gleich mehrere Vorteile, wenn Konsumenten ihr Verhalten ändern oder Kommunen Mobilität und Zusammenleben ihrer Bürger klimafreundlich organisieren:

(1) Soziale Innovationen sind viel schneller umsetzbar als neue Technologien. Letztere müssen aufwendig entwickelt, erprobt, verbessert und in Märkten durchgesetzt werden. Das kann Jahrzehnte dauern. Der heutige Stand regenerativer Energietechnologien hat über 20 Jahre Entwicklung gebraucht, beim Elektroauto dauert die Forschung schon ähnlich lange. Je mehr die Zeit beim Klimawandel drängt, desto wichtiger werden aber Änderungen, die kurzfristig greifen. Dass das möglich ist, zeigte Japan nach der Katastrophe von Fukushima. Ohne nennenswerte Einschränkungen wurden Energieeinsparungen von 15 bis 20 Prozent erreicht. Statt Klimaanlagen zu betreiben, wurde beispielsweise der Dresscode gelockert: Pulli statt Jackett. Die flächendeckende Einführung von Tempo 100 auf deutschen Straßen würde nach Berechnungen des Umweltbundesamtes unmittelbar rund fünf Prozent Kraftstoffeinsparung bringen.

(2) Soziale Innovationen benötigen überdies kaum Kapital. Und das wird angesichts von neun Milliarden Menschen weltweit im Jahr 2050 und der Herausforderung, in den Entwicklungs- und Schwellenländern die Infrastruktur auszubauen, immer knapper werden.

(3) Technologische Innovationen sind in aller Regel auf kapitalkräftige Unternehmen und auf ein leistungsfähiges Forschungssystem angewiesen. Damit steht dieser Innovationspfad nur bestimmten Teilen der Welt offen. Zudem wird die Richtung der Innovationen durch einen kleinen Kreis von Experten bestimmt. Soziale Innovationen hingegen können breit und daher mit noch größerem Erfindungsgeist in der Gesellschaft ausgelöst werden. Jede Nachbarschaftsinitiative oder Solargenossenschaft ist eine solche soziale Innovation. Hier kann jeder mitmachen, gleich, ob Malermeister oder Zahnärztin.

International ermöglichen soziale Innovationen ein respektvolles Lernen. So können wir zum Beispiel von Indiens vegetarischer Kultur genauso lernen wie von der Fahrradkultur in Kopenhagen, in der es heute selbstverständlich ist, mit dem Rad zur Arbeit zu kommen. Oder man denke an die schöne Idee des Halbzeitvegetariers. Zwei tun sich pragmatisch zusammen und werden damit in der Summe zu einem ganzen Vegetarier.

Dabei gilt: Soziale Innovationen verdrängen technologische Innovationen nicht, sie betten sie oft intelligent ein. Erneuerbare Energieregionen oder Car-Sharing sind schöne Beispiele. Wir müssten ihnen nur mehr Aufmerksamkeit widmen.