Emil-Nolde-AuktionenEin Konzert der Farben

Bilder von Emil Nolde werden auch 2012 zu den Bestsellern des Kunstmarkts gehören. von Annegret Erhard

Wohl kein anderer Markt bietet weniger Ansätze für eine halbwegs zuverlässige Aussage zu seiner Entwicklung als der Kunstmarkt. Das liegt im Wesentlichen am Unikatcharakter der »Ware«, die obendrein nicht nach Bedarf hergestellt wird, sondern vorhanden ist, jedoch, und das macht die Prognose endgültig unmöglich, nicht nach Belieben abgerufen werden kann.

Diese ewig gültigen Unwägbarkeiten machen den Kunstmarkt natürlich erst interessant, führen in den Auktionen häufig zu überraschenden Ergebnissen, die wiederum – und das ist nun einer der signifikantesten Aspekte des Kunstauktionsgeschäfts – durch die unterschiedlichsten zwischen Kalkül und Leidenschaft angesiedelten Entscheidungskriterien herbeigeführt werden. Sicher ist, das konnte man auch in den beiden vergangenen Jahren feststellen, dass die Kunst allgemeine finanzielle Desaster bemerkenswert robust überstehen kann . Dass in unübersichtlichen Zeiten eher auf konventionelle, sichere Werte gesetzt wird, gehört dabei zur Logik dieses Marktes.

Anzeige

Zu den sicheren Werten, auf die im kommenden Jahr (und auch in Zukunft) Verlass ist, gehört allen voran Emil Nolde . Seine wunderbar leuchtenden Blumenaquarelle, die Blüten meist in intim gestimmter Nahsicht, expressiv angeschnitten, zart bis feurig mit raschem Pinsel hingetuscht, sind von unwiderstehlichem Reiz. Wieder und wieder in unendlicher Variation: Mohn, Schwertlilie, Dahlie, Amaryllis und all die anderen. Dann die Marschlandschaften, dramatisch inszeniert, oft in schwarzblaues Dunkel gehüllt, darüber verglühende Strahlen der tiefroten Abendsonne, immer wieder das Meer, dräuende Gewitterwolken über der aufgewühlten See (schwankt da ein Schiffchen in der Brandung?). Die idyllische Warft, flaches Land unter gleißender Sonne, ergänzt den bevorzugten Themenkanon des schier rastlos Schaffenden (die Zuschläge liegen hier nicht selten im sechsstelligen, bis über 400.000 Euro reichenden Rahmen, wobei die bildmäßig ausgeführten romantischen Landschaften die Spitze besetzen).

Allein in den Jahren des Malverbots 1938 bis 1945 entstanden ungefähr 1.300 kleine Aquarelle. Wo andere, die das gleiche Verdikt getroffen hatte, eine grausame Blockade durchlebten, die häufig auch das Ende ihrer Schaffenskraft bedeutete, rettete er sich in die Produktion dieser »ungemalten Bilder« – wie er sie nannte. Dabei hatte ihn die Diffamierung der Nazis ganz unvermittelt getroffen. Er war seit 1934 Mitglied der NSDAP , hatte sich 1938 in einem Brief an Goebbels als Kämpfer gegen die Überfremdung der deutschen Kunst und als Parteimitglied empfohlen. Trotz derart ausgeprägtem patriotischem Gesinnungstaumel traf ihn der Bann. Über tausend Werke wurden aus den Museen entfernt.

Den neunteiligen Christus-Zyklus bekam er zurück. Er hatte das Hauptwerk seiner mystischen Schaffensphase, den wichtigsten Beleg seiner alles andere als frömmelnden Auseinandersetzung mit Ekstase, Sexualität und Religiosität, als Leihgabe an das Folkwang-Museum gegeben, nachdem es 1912 in der Ausstellung für religiöse Kunst in Brüssel nach vehementen Protesten abgehängt worden war. Heute gehört es zum Bestand der fünfhundert Bilder, zahllose Aquarelle und Druckgrafiken umfassenden Nolde Stiftung Seebüll und ist derzeit in deren Berliner Dependance (bis 15. April) zu sehen.

Zu den am höchsten bezahlten und, wie sich jetzt gezeigt hat, rentabelsten Bildern Noldes zählen die wenigen Gemälde, die er dann doch in den vierziger Jahren gemalt hat. Villa Grisebach reichte Sonnenblumen im Abendlicht von 1943 in der jüngsten Auktion wie zuvor geschätzt für 1,2 Millionen Euro weiter; 1996 hatte das Bild bei Grisebach 1,4 Millionen Mark erzielt. Sonnenblumen am Abend II, eine Variante des Motivs, wurde 2010 bei Sotheby’s, New York , für 1,5 Millionen Dollar versteigert.

Die Autorin

Annegret Erhard ist Chefredakteurin von »Kunst und Auktionen. Zeitung für den internationalen Markt«

Nolde war ein Einzelgänger, hatte nach einer Ausbildung zum Schnitzer und Möbelentwerfer eine Lehrtätigkeit an der Kunstgewerbeschule in St. Gallen angenommen und arbeitete erst als freischaffender Künstler, nachdem ihn der Erfolg einer Serie von ziemlich merkwürdigen, aber sehr beliebten Postkarten mit Schweizer Landschaftsskizzen in gediegene finanzielle Verhältnisse versetzte. Da war er Anfang dreißig. Nach der Ablehnung der Münchner Akademie, dem seinerzeit unerlässlichen, für ihn eher unerheblichen Aufenthalt an der Pariser Académie Julian lässt ihn erst die Begegnung mit den Kollegen von der »Brücke«, seine freilich nur kurze Mitgliedschaft 1906/07 (die Rabauken entsprachen so gar nicht seinem Naturell) zu einer freien expressionistischen Malweise kommen: Er entdeckt die Kraft der Farbe, wird von nun an zeitlebens mit dem Farbklang und seinen Möglichkeiten ringen, virtuos und unermüdlich.

Leserkommentare
  1. JA: In Krisen-Zeiten setzt der KUNST-MARKT auf sichere Werte. Bereits 2002 über 3 Mill. E. für E.N.-Gemälde („Blumengarten 1922“). Man sollten in SEEBÜLL den BLUMEN-Garten (E.N.-Museum) gesehen haben! Den „fantastischen Garten“. Mit wunderbar leuchtenden, expressiven Blumen & Aquarellen. Transformationen gemalt: Mohn, Schwertlilie, Dahlie, Amaryllis etc.. Beeindruckend Marschlandschaften, idyllische Warften … in der Kunsthalle HH auch zu bewundern.

    Schön dass Annegret Erhard - 09.01.2012/ZEIT Nr. 2/5.1. – an E.N.s Malverbot 1938 bis 1945 erinnert, „rettete er sich in die Produktion dieser »ungemalten Bilder«“ – Und A.E. berichtet über die Diffamierung durch die NAZIs! Schön dokumentiert in SEEBÜLL im Museum.. E.N. war seit 1934 Mitglied der NSDAP, hatte sich 1938 in einem Brief an Goebbels als „Kämpfer gegen die Überfremdung der deutschen Kunst und als Parteimitglied“ empfohlen. Nichtsdestotrotz traf ihn der Bann.

    Über 1000 Werke wurden aus den Museen entfernt; als ENTARTET bezeichnet. Richtig: »Brücke« nur kurze Mitgliedschaft 1906/07 …FREI entdeckt er die Kraft der Farbe, „virtuos und unermüdlich“. Zu einem Besuch siehe Artikel in GZ: ENTARTETE-KUNST & documenta: Zu EMIL NOLDEs Werk - als "entartet" aus Museen verbannt (Malverbot 1941). NANNEN/LENZ/NOLDE

    von Werner Hahn Gießener Zeitung:
    http://www.giessener-zeit...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Emil Nolde | Auktion | Euro | Kunstmarkt | Max Liebermann | China
Service