"Lookalikes": Keine Lust mehr
Bei Thomas Meinecke rotieren die achtziger Jahre in einer endlosen Wiederholungsschleife.
© Wolfgang Lückel/Suhrkamp Verlag

Der Schriftsteller Thomas Meinecke
Alles hat seine Zeit. Moden sowieso. Aber was passiert, wenn jemand sein ganzes literarisches Werk auf einer Mode aufbaut? Es wird langweilig. Dabei fing alles so grandios an. In den späten Achtzigern zog eine Handvoll junger Menschen aus, die Fragen nach Wahrheit, Identität, Biografie und Relevanz an die sprachlichen und kulturellen Praktiken rückzubinden, die im Alltag, in den Künsten, in den Institutionen, im Pop steckten. Thomas Meinecke war seinerzeit einer von ihnen.
Thomas Meinecke war einer der Eifrigsten und Originellsten dieser Alltagsethnologen. Ich erinnere mich, wie er mir einmal, nachdem er sich an der Kö in Düsseldorf umgesehen hatte, der berühmten Luxusmode-Meile, beseligt von all den gut riechenden, duftigen, frisch gelockten, locker vornehmen Damen vorschwärmte. Besonders begeisterte er sich für die Art, wie die Damen ihre schnauzbärtigen Miniterrier in der Armbeuge trugen wie teure Handtaschen, so vorsichtig und so auffällig diskret. Thomas Meinecke, der Musikphilologe der black culture, der postkoloniale Grenzverschieber, der Politpop-Mixer und kunstkultivierte Soundsampler, dieser theoriebesessene DJ Meinecke hatte etwas gesehen, was auf den ersten Blick so geldgesteuert anders war als alles, was er auf seine Meinecke-Art seit Jahren philologisch zubereitet. Doch gleich darauf erklärte er mir, wie dieses andere dennoch denselben kulturellen Mustern gehorcht, die er in fast allen Segmenten der Gesellschaft sonst zu identifizieren beliebt: in Politik, Sexualität, ethnischer Zugehörigkeit, Religion und so weiter. Kurzum, er hatte im samtausgeschlagenen Innersten des kapitalistischen Konsumismus die kulturelle Technik des Kopierens und der Verschiebung von Bedeutung und Identität entdeckt.
Dieser Technik entsprechen als titelgebende Figuren in seinem neuen Roman: die Lookalikes. Leute, die so aussehen wie jemand anders, aber nie ganz, sondern immer in spezifischer Abweichung und Differenz. In seinem Roman sind das Shakira, Josephine Baker, Serge Gainsbourg, Marlon Brando, Justin Timberlake oder Rudolph Valentino. Sie arbeiten im Kaufhof an der Kö, Galeria genannt, und bei Starbucks, also gerade nicht da, wo die Damen sich aufhalten, denen Meineckes ursprüngliche Faszination galt (die verkehren bei Eickhoff). Es sind Studententypen, junge Menschen, die an die Konvertierbarkeit von Theorie und Leben glauben, denen Philologie nähergeht als Liebeskummer und die alles immerzu übersetzen in etwas anderes, weil sie nicht wirklich etwas zu verlieren haben, schon gar keine Herkunft.
An solcher Konvertierbarkeit ist Meinecke interessiert. Und zwar auf allen Ebenen und in jeder Hinsicht. Man darf sich das nicht zu eng vorstellen. Tatsächlich verlagert der Roman seinen Schwerpunkt ab der Hälfte nach Brasilien, nach Salvador da Bahia. Und was am reichen Rhein die Lookalikes plus Claudia Schiffer und Gisele Bündchen sind, das sind in den bahianischen Favelas die Götter des Candomblé. Ebendort, am Ort des religiösen Synkretismus, hatte Meinecke, lange nach seinen Düsseldorfer Erlebnissen, die durchlässige Grenze zwischen Göttern und Menschen erkundet. Immer dabei und mittendrin in Meineckes Betrachtung der Szenen ist Hubert Fichte, der Dichter-Ethnologe-Kulturtheoretiker, der vor ihm da war (in Bahia und auch sonst). So wie Meinecke überhaupt immer nur schreibt, wenn etwas und einer vor ihm da war und Vorgaben macht, wenn ihm etwas vorliegt, wenn jemand etwas vorlügt, wenn er selbst eben nachbereitet, nacharbeitet, nächtlich entstellt und verändert, ähnlich und doch anders: lookalike eben.
Doch irgendetwas fehlt diesem unendlichen Spiel mit Differenz und Identität. Es ist die literarische Einlösung. Dasjenige, auf das all diese Als-ob-Figuren aus sind und das in der christlichen Tradition Transsubstantiation heißt.
Doch Meineckes Held macht seine Erfahrungen in Salvador da Bahia lieber in Auseinandersetzung mit Hubert Fichtes Ethno-Essays wie Xango, aber vor allen mit dessen letztem Roman Explosion. Ihm geht es mehr um die zeichentheoretische Wollust der Transsubstantiation. Für ihn ist die Transsubstantiation, die eigentlich eine reale Anwesenheit feiert, lediglich ein Kultur produzierendes aufschiebendes Verfahren. Nun ist die Frage nicht, ob dieses Denken zeichen- oder erkenntnistheoretisch plausibel und gut handhabbar ist. Das mag sein. Doch ist es müßig, darauf in jeder Zeile ausdrücklich zu bestehen, auf jeder Seite des Buches die Materialität der Welt zugunsten ihrer Zeichen zu leugnen. Man denkt an Weltflucht, Gnosis.
Wenn bei Meinecke jemand ohne Rollendistanz und -spiel »ich« sagt, ist er »nicht auf der Höhe der Diskussion«, wie es einmal heißt. Und danach sieht denn auch die Sexualität im Roman aus: unsexy wie ein Akademieseminar über Genderfragen in der angelsächsischen Kulturtheorie.
Hat man auf numerisch vierhundert und gefühlt achthundert Seiten derart die Welt vermessen, dann weiß man nicht mehr, ob man Männlein oder Weiblein ist (das könnte Meinecke so gefallen!), doch das heißt auch, man hat keine Lust mehr. Es ist eh alles eins, weil alles immer auch was anderes ist. Ganz selten überfällt Meinecke eine »echte« Erregung: Wenn der Musikkenner das Zusammenspiel einer der berühmten perkussiven Rhythmusgruppen aus Salvador (selbst Michael Jackson hat dort trommeln lassen) mit ebenso komplexen Blechbläsereinsätzen genießt, dann treten ihm schon mal Tränen in die Augen. Hier, denkt man, könnte endlich ein anderer Meinecke-Roman anfangen, hier, wo die Lust überquillt oder der Schmerz darüber, dass diese immer gebunden ist an die Künstlichkeit der Kunst. Gelingt der Neustart nicht, dann haben wir auf ewig getextete schleifenförmige Lounge-Musik vor uns, Easy Listening mit Modetussis und phallischen Göttern. Auf Repeat gestellte Achtziger-Jahre-Modediskurse. Es wäre zum Verzweifeln. Mode und Verzweiflung hieß die Münchner Zeitschrift damals. Es fing alles so grandios an.






Kunst in allen Ehren, aber müssen denn diese Bandwurmsätze sein? Ich neige ja auch dazu und kann daher mitfühlen, aber mir hat man das bei jeder schriftlichen Ausarbeitung in meinem Leben rot angestrichen. Das hatte auch seinen Grund: der Leser hat nämlich bereits den Anfang des Satzes vergessen, wenn er das Ende erreicht. So ergeht es mir auch mit der gelesenen Passage. Zum Beispiel der Satz von 2:30 bis 3:17. Muss man einen Satz schreiben für den man 47 Sekunden benötigt, wenn man ihn zügig vorliest? Ich mutmaße, dass man damit kein besonders großes Publikum erreicht.
Bei Meinecke bleibt kein Auge trocken.
Apropos Locos oder Lookalikes.
Wenn ein Deutscher in Peru, Costa Rica
und bald auch beim wie Venezia versinkenden
Bangladesh die Surfboardmeisterschaften für
sich entscheident, wird er zum Loco erklärt.
"Ihm geht es mehr um die zeichentheoretische Wollust der Transsubstantiation. Für ihn ist die Transsubstantiation, die eigentlich eine reale Anwesenheit feiert, lediglich ein Kultur produzierendes aufschiebendes Verfahren."
Was heisstn das jetzt auf Deutsch? Oder meinetwegen auf English, halt in echt, bitte ?
aj
Meineckes Diskursromane sind in der Tat schwere Kost, aber an Winkels' Stelle wäre ich vorsichtig mit Formulierungen wie: "Auf Repeat gestellte Achtziger-Jahre-Modediskurse. Es wäre zum Verzweifeln. Mode und Verzweiflung hieß die Münchner Zeitschrift damals. Es fing alles so grandios an."
Wenn einer wie Winkels seine Laufbahn mit dem "Kontaktanzeigenroman" "Liebesexpress" (Reinbek 1985) auf eher durchwachsenem Niveau begonnen und anschließend Jahrzehnte zwischen Deutschlandfunk, Fernsehen und Zeit als keineswegs origineller Literaturkritiker verbummelt hat, dann sollte er sich nicht über einen immerhin originellen Kopf wie Meinecke erheben. Denn ein grandioser Anfang ist immer noch besser als ein mediokrer und Meineckes Werk mit schöner Popmusik (FSK), Hörspielen und Romanen bei weitem beeindruckender als das von Winkels, das über Bürointrigen, Smalltalk auf Buchmessenpartys und Rezensionen wie der oben stehenden kaum je hinausgekommen sein wird.
also Literatur für jene die meinecke nicht von deinecke unterscheiden können. Viele Autoren, die große, ganz große Mehrheit, haben einmal sehr früh in ihrem Dasein das gesagt, was sie zu sagen hatten, und dann haben sie leider nicht geschwiegen, sondern weitergemacht, weil sie wahrscheinlich gar nichts anderes hätten machen können, denn es ist nicht jedem gegeben zu schweigen, wo es angebracht wäre, und lieber einen Spaziergang nach Syrakus zu machen oder sonst etwas. Literatur ist für die meisten auch nur eine Art Showgeschäft, in dem man präsent oder tot ist, und das verdanken wir durchaus den Medien, die dazu verdammt sind, etwas zu bringen, zu schreiben, zu zeigen, weil sie nun einmal da sind und nicht tot sein wollen. Es ist wichtig, wichtig zu sein, darum muß man sich wichtig nehmen, ganz gleich ob man es ist, oder auch nur im mindesten das Zeug dazu hat.
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