Schriftsteller A. M. MolinaEs fährt ein Zug in die Vergangenheit

Antonio Muñoz Molina verändert mit seinem monumentalen Roman unser Bild vom spanischen Bürgerkrieg. von Katharina Döbler

Der Schriftsteller Antonio Muñoz Molina 2006 an seinem Schreibtisch

Der Schriftsteller Antonio Muñoz Molina 2006 an seinem Schreibtisch  |  © Quim Llenas/Cover/Getty Images

Es beginnt mitten im Gewühl der Penn Station in New York im Herbst 1936: Ein Reisender im abgeschabten europäischen Maßanzug irrt durch die Menge auf der Suche nach seinem Zug. »Ich habe ihn immer deutlicher gesehen, wie er aus dem Nichts auftauchte, aus dem Nirgendwo kommend, wie aus einem Gedankenblitz heraus, den Koffer in der Hand.« Er heißt Ignacio Abel, stammt aus Madrid , ist Architekt, Republikaner, Aufsteiger, Familienvater, Ehebrecher – und Flüchtling.

Und er ist keineswegs das Ergebnis eines Gedankenblitzes, sondern ein wohldurchdachtes Geschöpf, geboren aus Bergen von Dokumenten, Fotos und Filmen über den spanischen Bürgerkrieg , die sein Autor Antonio Muñoz Molina gesichtet hat: Ignacio Abel ist mit allem zeitgeschichtlichen Zubehör ausgestattet, von den Schuhen an seinen Füßen bis zur Deckenlampe in seinem Büro. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und ist also schon herkunftshalber Sozialist – aber am Fortschritt eher pragmatisch als politisch interessiert (das hat er mit seinem Autor gemeinsam).

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Für die »Masse« – das Volk, die Arbeiter, die Unterdrückten – habe er nicht viel übrig, es sei einzig die »Hirnmasse«, die ihn interessiere, sagt ihm sein kämpferischer Vorarbeiter. In den 1920er Jahren hat er am Bauhaus in Weimar studiert, was ihm ein progressiv-kosmopolitisches Flair verleiht. Dennoch hat er den Aufstieg zum spanischen Spitzenarchitekten nur mithilfe seines einflussreichen nationalkonservativen Schwiegervaters geschafft. Ein bisschen opportunistisch, ohne jemandem wehzutun, ein bisschen eitel, aber mit Geschmack, ein bisschen politisch und ein bisschen egoistisch: Das ist Ignacio Abel, der Mann, der mit einer leidenschaftlichen Affäre beschäftigt war, während sein Land ins Chaos stürzte und seine Ehe in die Brüche ging. Einer wie wir.

Im Zug zwischen New York und der kleinen Universitätsstadt, wo er Arbeit gefunden hat und die verlorene Geliebte, eine junge Amerikanerin, wiederzufinden hofft, rekapituliert er nun das Jahr, in dem er die Kontrolle über sein Leben verlor. Und dabei wird schnell klar, dass Muñoz Molina hier eine Figur der Gegenwart in die Vergangenheit gebeamt hat: Ignacio Abels Denken und Fühlen ist das Produkt einer postideologischen Zeit, die Glaubensbekenntnisse als verdächtig und kollektive Meinungen als gefährlich einzustufen gelernt hat. Er ist – was die Politik betrifft – vernünftiger, als die Epoche des spanischen Bürgerkriegs es je war.

Und die breitet sein Autor in detailfreudiger Üppigkeit als großes historisches Tableau aus. Szene für Szene entrollt er die Ereignisse vom Spätsommer 1935 bis zur Belagerung von Madrid durch die Falangisten im Juli 1936. Auftakt ist ein Vortragsabend über spanische Architektur: Angehörige der maßgeblichen intellektuellen Kreise von Madrid sind versammelt, fiktive und historische Gestalten treten auf, tauschen Meinungen und Tratsch. Ganz in der Tradition des realistischen Romans wird das Dekor ebenso exakt ausgemalt wie die Dialoge, die Gesichter, die Lebensumstände der Anwesenden. Als das Licht ausgeht, gleitet im Schein des Diaprojektors der Schatten einer Frau über die Leinwand und verdeckt die Bilder spanischer Bauernhäuser: erster Auftritt der künftigen Geliebten.

Solche Szenen, in denen sich die Handlung symbolisch verdichtet, große Geschichte und privates Gefühl zu einem suggestiven Bild gerinnen, sind die große Stärke dieses Buches. Allerdings entwirft der Autor dergleichen so oft und mit einer solchen Menge an Verweisen, dass es in dem Roman zuweilen so zugeht wie in der Penn Station: Man sieht vor allem Gewühl.

Viele eindrucksvolle Figuren treten auf, wie der – historisch belegte – spätere Minister Juan Negrín, der als Tatmensch für die besten Ziele der Republik eintritt: gesunde Ernährung und Bildung für alle. Außerdem der gescheiterte Poet Juan Moreno Villa, der offenbar als Gegenentwurf zu Ignacio Abel angelegt war, aber im weiteren Handlungsverlauf in der schieren Masse des Erzählten untergeht. Und der deutsche Emigrant Professor Rossmann aus Weimar, der sich aus dem Moskauer ins spanische Exil gerettet hat und vergeblich auf die Unterstützung seines ehemaligen Schülers hofft. Es gibt einen reichen amerikanischen Strippenzieher, der als Deus ex Machina das Liebespaar immer wieder zusammenführt und Abel schließlich die Flucht ermöglicht; es gibt den – ebenfalls historisch korrekt angelegten – kommunistischen Dichter Rafael Alberti, dem des Autors herzliche Antipathie gilt; und schließlich gibt es auch noch Abels beschränkte, aber durchaus freundliche Schwiegerfamilie mitsamt dem Franquisten-Schwager.

Leserkommentare
    • TDU
    • 08. Januar 2012 11:44 Uhr

    Wieso interessiert mich das immer, dieses Thema aus spanischer Sicht und für Spanier geschrieben?.

    Weil sie stellvertretend sind für Blickwinkel und Ansichten die hierzulande nicht sein dürfen. Nur das klare "Nein" und das Darstellen des Unheils verhindert den Vorwurf der heimlichen Sympathie durch die Hoheiten über die Geschichte.

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  • Schlagworte Bauhaus | Bürgerkrieg | Roman | Spanien | Madrid | New York
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