Schneerutsch-ExperimentLawinenglühen

Forscher fiebern jahrelang einem Versuch auf dem weltweit größten Testfeld für Lawinen entgegen – und erleben eine Überraschung. von Frederik Jötten

Lawine Mont Blanc Alpen Lawinenforschung Schnee Helikopter

Ein Rettungshubschrauber kreist über den französischen Alpen nahe des Mont Blanc.  |  © Jean-Pierre Clatot/AFP/Getty Images

Beim Essen am Abend, bevor die große Lawine gesprengt werden soll, steht François Dufour auf und hält ein Funkgerät in die Höhe: "Wir kommunizieren morgen früh über Kanal 1 – den Kanal K benutzen wir nur, wenn eine Katastrophe passiert." Es ist 20 Uhr in einem Hostal auf 1.500 Meter Höhe in Anzère, Wallis . Durchs Fenster sieht man den Schnee vom Himmel rieseln, er bedeckt die Straße, türmt sich an deren Seiten anderthalb Meter auf. Drinnen sitzen 25 Wissenschaftler, Schweizer, Deutsche, Österreicher, Norweger, die beiden Letzten sind eben aus England eingetroffen.

Seit gestern gibt es die Gewissheit, dass der weltweit größte Freilandversuch in der Lawinenforschung stattfinden soll. Denn erst da war klar, dass die beiden Vorbedingungen erfüllt sein werden: mehr als 80 Zentimeter Neuschnee innerhalb von drei Tagen sowohl am Berg als auch im Tal – und zumindest eine Chance, dass kurz darauf die dichte Wolkendecke aufreißen wird, damit die Lawine überhaupt beobachtet werden kann. "Treffpunkt morgen früh hier – um sieben Uhr", sagt Dufour. Er ist Koordinator des Versuchs vom Schnee- und Lawinenforschungsinstitut (SLF) in Davos , das als weltweit führend auf diesem Gebiet gilt.

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In den vergangenen vier Jahren hat der Lawinenversuch nicht funktioniert, deshalb herrscht gespannte Vorfreude bei den Wissenschaftlern. "Ich werde versuchen, etwas zu schlafen – es wird ein langer Tag morgen", sagt Perry Bartelt, Leiter der Forschungsgruppe Lawinendynamik am SLF. Entscheidend für das Experiment werden das Wetter sein und die Kommandos von François Dufour, der für die Sicherheit zuständig ist. Der 60-jährige Westschweizer lächelt meist charmant, wenn er mit französischem Akzent Anweisungen gibt und über Neuigkeiten informiert: "Ich bekomme laufend Wetterdaten rein und gebe dann kurzfristig Bescheid, wann wir aufsteigen. Gute Nacht."

Lawinen sind im Gebirge eine große Gefahr, sie bestimmen, wo Siedlungen gebaut werden und Touristen sich aufhalten können. Jährlich sterben im Alpengebiet durchschnittlich hundert Menschen in Lawinen. In der Schweiz bündelt das SLF Lawinenwarnung und -forschung. Jeden Tag erstellt es Prognosen über die aktuelle Gefahr für die verschiedenen Regionen der Schweiz.

Seit 1998 gibt es das Versuchsfeld

Doch selbst Lawinenforscher haben oft noch keine große Lawine in der Natur gesehen; zu selten sind sie und zu schwierig die Prognosen, wann genau ihre gewaltigen Schneemassen gen Tal donnern. Um das zu ändern und den Wissenschaftlern genaue Analysen über große Lawinen zu ermöglichen, gibt es seit 1998 das Versuchsfeld Vallée de la Sionne oberhalb von Anzère: ein Grat auf 2.700 Meter Höhe, darunter ein steiler Hang, wo das Geschehen an vier Stellen mit Messgeräten analysiert werden kann. Seit Jahrhunderten rollen hier mächtige Lawinen zu Tal. Sie haben breite Schneisen in den Wald geschlagen.

Am nächsten Morgen herrschen draußen Nebel und weiterhin Schneefall. Im Hostal wirbt ein Poster für eine Veranstaltung mit Live-Musik am gleichen Ort, die "Relax Bar" – aber langsam wird es hier hektisch. Die Wetterprognose um 10 Uhr hat ergeben: Mittags wahrscheinlich Aufhellungen. Alle, die am Versuch teilnehmen, müssen an François Dufour vorbei – er kontrolliert die Sender, die jeder Wissenschaftler eng am Körper führen muss, um nach einer eventuellen Verschüttung geortet werden zu können. "Ob ich noch ein zusätzliches Netzkabel für den Laptop mitnehmen soll, falls meines aus irgendeinem Grund nicht funktioniert?", murmelt ein Forscher. Man will auf jede Eventualität gefasst sein, denn die Chance, eine Lawine hier im Vallée de la Sionne zu untersuchen, kommt meist nur einmal im Jahr – und oft gar nicht.

Kurze Zeit später geht es los: Eine Gruppe von Forschern fährt zum Hubschrauberlandeplatz. Sie wird mit dem Helikopter zu einem Bunker geflogen, der am Ende des Lawinenhangs steht. Die Wissenschaftler steuern von hier die gesamte Messtechnik des Versuchs und bedienen Radargeräte, die die Lawine von vorn scannen sollen. Eine zweite Gruppe legt Schneeschuhe an, Ziel ist nach einem einstündigen Aufstieg ein kleines Plateau, von dem aus man die Lawine sehen kann.

Leserkommentare
  1. Noch eine kleine Anmerkung zu den vielen Lawinentoten in der Schweiz und andern Alpenländern: Lawinen "überkommen einem selten einfach so".

    Wo (potentielle) Lawinenabgänge zu erwarten sind, ist eigentlich fast immer bekannt. Manchmal ist es dem Gelände selbst als Laie anzusehen, etwa weil es Runsen gibt (z.B. Schneisen im Wald), sei es, weil es von der Steilheit und Lage eines Hanges und der Wetterlage einfach zu erwarten ist. Sehr viele der Lawinentoten haben sich sehendes Auges (oder einfach, weil sie die potentielle Gefahr schlicht ausblenden) in Gelände begeben, bei dem bei entsprechenden Witterungsverhältnissen Lawinen zu erwarten sind. Wenn sie dann tatsächlich verschüttet werden, ist es für die wenigsten eine Überraschung. Leider muss die Gesellschaft diese Leute dann in aufwendigen und teuren Rettungsaktionen wieder ausbuddeln und evtl. lebenslage Invalidität und Arbeitsunfähigkeit finanzieren.

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    worüber wundern Sie sich?

    wenn schon im Sommer bis auf über 2000 m Gestalten mit Badelatschen und Handtäschchen anzutreffen sind.....

    MfG Karl Müller

  2. worüber wundern Sie sich?

    wenn schon im Sommer bis auf über 2000 m Gestalten mit Badelatschen und Handtäschchen anzutreffen sind.....

    MfG Karl Müller

    Antwort auf "Lawinentote"
    • k2
    • 08. Januar 2012 8:54 Uhr

    "Corvatsch-Murtels
    La plus longue série de mesures du permafrost en Suisse (depuis 1987)"

    habe ich Lawinensprengungen mit 2 Toten in der Surlei_Schneeraupenkatze des "Schipistenpatrouillendienstes"
    aehnlich wie oben im Artikel deskribiert mit Helikoptern aus Samaden(surmeirische ethymologische Orthographie) beigewohnt
    und kann zu dem Karakorum bemerken, dass zwei meiner Freunde
    am K2 durch Lawinen den Tod fanden. Lawinenexperten sind nur
    Leute, welche wie ich auf riesigsten Lawinen runter fahrend
    dem Tod entkommen sind.

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