PIP-SilikonkissenDas falsche Silikon

Der Skandal um schadhafte französische Brustimplantate zeigt Lücken in der Überwachung von Medizinprodukten – und ist auch für deutsche Ärzte ein Grund zum Umdenken. von  und

Der Mediziner Denis Boucq (rechts) entfernt einer Patientin eines der umstrittenen PIP-Brustimplantate.

Der Mediziner Denis Boucq (rechts) entfernt einer Patientin eines der umstrittenen PIP-Brustimplantate. In Frankreich raten die Behörden rund 30.000 Frauen zu einer Operation.  |  © Sebastien Nogier/AFP/Getty Images

Alexandra Blachère hat vor vier Jahren 3.420 Euro für eine Brustvergrößerung bezahlt. "Das war die größte Ausgabe meines Lebens", sagt die 33-Jährige lakonisch. "Das Auto war billiger." Aber nach drei Schwangerschaften sei von ihrer einst hübschen Oberweite nicht mehr viel übrig gewesen. "Sie war deswegen am Boden zerstört", erzählt David, ihr Ehemann. Alexandra fand einen Arzt, der ihr Implantate einsetzte. Deren Hersteller, die Firma Poly Implants Prothèses (PIP), habe im Internet "Garantie auf Lebenszeit" versprochen, erinnert sich der Gatte. Erst nachdem die Kissen im März 2010 verboten worden waren, habe sich herausgestellt, dass Alexandra Blachères Chirurg bereits bei mehreren Frauen schadhafte Silikonkissen wieder entfernt hatte. "Er hatte das aber nicht gemeldet, sonst wäre die Sache viel früher aufgeflogen", sagt sie erbost.

Nach Schätzungen des Figaro tragen mehr als 300.000 Frauen weltweit Brustimplantate des französischen Herstellers PIP im Körper. Mitte Dezember mussten sie lesen, die Einsätze rissen nicht nur frühzeitig, sondern könnten auch Krebs auslösen. Der Hersteller habe minderwertiges Silikongel in die Kissen gefüllt. Eine Substanz, die zwei riskante Eigenschaften hat: Sie ist weicher als das Originalmaterial, und sie greift die Schutzhülle an. In der Folge diffundiert Silikon leichter aus den Implantatkissen in das umliegende Brustgewebe.

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Der Skandal ließe sich leicht als krimineller Akt verbuchen, vor dem selbst penible Zulassungsbehörden nicht gefeit sind. Doch so einfach liegt der Fall nicht. Das französische Desaster belegt, dass die Sicherheit sogenannter Medizinprodukte – und dazu gehören die Implantate – allzu lange weniger ernst genommen wurde als jene von Arzneimitteln. So lassen sich angesichts der beunruhigenden Nachrichten der letzten drei Wochen noch nicht einmal die tatsächlichen Risiken einschätzen. Zu mangelhaft ist die Datenlage. Und das führt zu widersprüchlichen Einschätzungen und Empfehlungen nationaler Aufsichtsbehörden. Viele Patientinnen fragen sich jetzt verzweifelt, ob sie sich ihre Brustkissen vorsorglich entfernen lassen sollten.

Brustimplantate

Brustimplantate werden in der Regel nach Amputationen oder zur Vergrößerung eingesetzt. Sie bestehen immer aus einer Silikonhülle, die entweder mit einer Kochsalzlösung oder mit Silikongel gefüllt ist.

Inzwischen gibt es auch Implantate mit einer aufgerauten Oberfläche; diese soll dazu beitragen, dass die Implantate mit dem umliegenden Gewebe verwachsen. Das umliegenden Gewebes soll so nicht verhärten können.

Ob ein Brustimplantat das Brustkrebsrisiko erhöht, ist wissenschaftlich bislang nicht erwiesen.

PIP-Implantate

PIP-Implantate sind mit Silikongel gefüllte Brustprothesen des französischen Herstellers Poly Implant Prothèse (PIP).

Im Jahr 2009 wurde festgestellt, dass Implantate dieser Firma vermehrt gerissen waren, weshalb sie seit 2010 nicht mehr verkauft werden. Darüber hinaus stellte eine Untersuchung fest, dass die Implantate mit einem anderen Gel gefüllt waren, als angegeben. Das verwendete Gel war nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinproduktenicht für den medizinischen Gebrauch bestimmt.

Nach weiteren Tests empfahl als erstes die französischen Agentur für die Sicherheit von Gesundheitsprodukten (Afssaps) Frauen mit Implantaten dieses Herstellers eine halbjährliche klinische Untersuchung der Brüste und Lymphknoten. Sollte es Hinweise für Risse in den Implantaten geben, sollten diese herausoperiert werden. Inzwischen raten auch deutsche Experten zur Entfernung der schadhaften Silikonkissen.

Formen

Schönheitschirurgen differenzieren zwischen zwei unterschiedlichen Implantatsformen: es gibt sowohl runde als auch tropenförmige (oder anatomische) Implantate. Letztere werden vornehmlich bei Frauen verwendet, deren Brust abgenommen wurde, runde Implantate werden bei Vergrößerungen bevorzugt.

Alexandra Blachère hat ihre Brustimplantate im Juli 2010 herausnehmen und durch neue ersetzen lassen. Probleme habe sie zwar keine gehabt, aber loswerden wollte sie die Implantate dennoch – aus Angst, sie könnten bald reißen. Das Geld dafür musste ihre Mutter vorstrecken. Seither kämpft Blachère für die Rechte der betroffenen Frauen. Die von ihr gegründete Selbsthilfegruppe PPP "zur Verteidigung der Trägerinnen von PIP-Prothesen" zählt inzwischen 1.400 Mitglieder in Frankreich und seinen Überseegebieten.

Die streitbare Französin ist eine Jeanne d’Arc der Implantatspatientinnen. Wann immer ein Arzt den Hersteller der von ihm eingesetzten Kissen nicht offenlegen will oder eine Krankenkasse deren Entnahme nicht bezahlt, hängt sich Blachère ans Telefon, schreibt Briefe, verlangt Gehör beim französischen Gesundheitsministerium. Und bekommt es auch oft. Längst ist das für die ehemalige Kellnerin zum Vollzeitjob geworden.

Leserkommentare
    • Zack34
    • 09. Januar 2012 14:39 Uhr
    5 Leserempfehlungen
  1. Wenn die Frauen das nur machen um ihren Körper neu Formen zu lassen,es aber medizinisch nicht notwendig ist ( Unfall usw.),haben Sie sich aus freien Stücken auf diese OP eingelassen.
    Also vorher mal überlegen wofür das Silikon,zum Selbstbewustsein gehört mehr als 200-500 Gramm Brustimplantat pro Seite.

    4 Leserempfehlungen
  2. Leider gibt dieser Artikel kaum nähere, wissenschaftliche Informationen zu den Silikonen.
    -
    Siehe auch hier:
    http://www.spiegel.de/wis...
    http://mobil.derwesten.de...

  3. Es wird nicht EIN Arzt belangt werden. Im Gegenteil, die Rückoperation bezahlt der Steuerzahler: doppelter Profit [...]. Also, weiter machen. Es gibt keinen Arzt, der sich keinen Porsche leisten kann.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und achten Sie auf eine respektvolle Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vn

  4. Dass umgedacht werden muss ist richtig. Medizinische Produkte sollten generell besser überwacht werden. Doch wer soll das anstellen? Es gab genug Stellen, die eine Aufgabe hatten. Es fängt bei dem Hersteller an. Wenn der skrupellose Herr Mas aus Profitgier zwar die Kosten der Herstellung drückt, damit mehr Geld liegen bleibt, dann hätten seine Mitarbeiter ihn nicht damit unterstützen dürfen. Moralisch verwerflich ist da ganze!
    Das Umdenken fängt beim Menschen an.

    Und nicht jede Frau, die ihre Brüste machen lässt ist ein "T*ttenhuhn". Es ist schade, wie leicht in diesen Diskussionen eine Frau so abgestempelt wird - finden sich doch merkwürdigerweise im TV und im Playboy genug Beispiele von Frauen, die in jeder Art künstlich sind. ICh frage mich, wieso die so "bekannt" sind, wenn doch die allgemeine Reaktion so abwertend ist.

    Meine Verlobte hat massiv Gewicht verloren. Aufgrund ihres schlechten Bindegewebes und des Gewichtverlustes, hat sich auch ihre Brust abgebaut. Sie hat sich trotz jeder Einwände nicht mehr als Frau gefühlt, hasste ihren Körper. Ihre Entscheidung, sich Implantate einsetzen zu lassen war richtig und ich würde sie jederzeit wieder dabei unterstützen.

    Mit diesen Frauen sollte man Mitleid haben, der Hersteller sollte voll haften - und wenn ich daran denke, dass er scheinbar plant mit einer neuen Firma (über seinen Nachwuchs) weitere billige Implantate zu verteilen, dann wird mir schlecht. Diesem Mann muss Einhalt geboten werden.

    4 Leserempfehlungen
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    • Maebh
    • 09. Januar 2012 19:35 Uhr

    Es ist wirklich sehr hämisch, wie hier über Frauen geschrieben wird, die sich Brustimplantate einsetzen lassen.

    Anstatt die Frauen, die Opfer eines Betruges wurden, an den Pranger zu stellen, sollte man sich über den Hersteller beklagen, der hier aus reiner Profitgier wissentlich das Leben Tausender gefährdet hat.

    Es ist unglaublich, womit plastische Chrirurgen und diese Hersteller durchkommen, wenn dagegen Gurken einer EU Norm entsprechen müssen in Europa.

    Aus irgendwelchen Gründen jedoch wird das nicht getan, die Opfer des Betruges werden dagegen beschimpft. Warum ist das wohl so?

  5. weil kein Arzt mit Hirn, einer Frau so ein Scheiß empfählen würde. Umdenken müssen Frauen, welche sich einreden lassen, dass sie als perfekte (was sie auch darunter verstehen) Wesen aussehen müssen. Die sogenannten Schönheitschirurgen, die solche unvernünftige Frauen "umbauen", auch. Und noch eine kleine Bemerkung, bezahlen sollen diese notwendige Operation die Frauen, die um jeden Preis "schön" sein wollten, sowie die "Ärtze" welche so königlich an den Dumheiten verdient haben.

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    Entfernt. Bitte äußern Sie Kritik respektvoll. Danke, die Redaktion/mk

    • kinnas
    • 09. Januar 2012 16:31 Uhr

    "Die streitbare Französin ist eine Jeanne d’Arc der Implantatspatientinnen. [...] hängt sich Blachère ans Telefon, schreibt Briefe, verlangt Gehör beim französischen Gesundheitsministerium. "

    Genauso wie die Jeanne d´Arc damals...

    Eine Leserempfehlung
  6. auch bei den extremsten Handlungen und Gelüsten anderer. Aber daß man sich freiwillig und ohne Schmerzen und Not an einem der empfindlichsten Körperteile herumschneiden und dann auch noch einen Fremdkörper einsetzen lässt, dafür fällt mir nur das Wort Dummheit ein.
    Von der anderen Seite ist es wenigstens noch mit Profitgier zu erklären. Dabei kommt einem unwillkürlich in den Sinn, wie überpenibel im Verhgleich dazu die Kontrollen und Verbote im Bereich der Kräuterheilkunde geworden sind!Da will oder wollte man Salbei verbieten und dergleichen wegen der Gefahr des Missbrauches!Diese Welt ist komplett verrückt! Es kommt einem mittlerweile in allen öffentlich kontrollierten Bereichen so vor, als ob die Zeichen auf Zersetzung, Zerstörung und Vergiftung stehen!

    Eine Leserempfehlung

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