Dies schreibe ich für alle Frauen, die auf der Suche sind. Kürzlich starb, hochbetagt, der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter . Ich bin ihm ein paar Mal begegnet, hatte aber nie den Mut, ihm zu sagen, dass er eine Vaterfigur für mich ist. Und zwar nicht etwa in geistiger Hinsicht, sondern in biologischer. Meine Mutter hätte, glaube ich, gerne Horst-Eberhard Richter geheiratet. Er kam in meiner Kindheit oft im Fernsehen und gab dort mit leiser, feiner Stimme psychoanalytische Erklärungen ab. Meine Mutter ist dabei fast ausgerastet. Sie sagte immer wieder: "Was für ein Mann! Was für ein unglaublicher Mann!" Während sie dies sagte, saß neben ihr meistens einer ihrer Ehemänner, die von Zeit zu Zeit wechselten. Die Ehemänner konnten machen, was sie wollten, an die Sensibilität und die Intellektualität von Horst-Eberhard Richter kamen sie nicht heran.

Irritierenderweise war meine Mutter gleichzeitig und ebenso bedingungslos dem Sänger Tom Jones verfallen, der einen gänzlich anderen Männertypus repräsentiert als Horst-Eberhard Richter. Über Tom Jones sagte sie: "Dieser Mann ist eine Sünde wert, besser mehrere." Sein Spitzname lautet "der Tiger". Tom Jones geht mehr in die virile Richtung. Das, was Horst-Eberhard Richter mit dem Kopf tat, machte er mit dem Becken. Zu meinen lebhaftesten Jugenderinnerungen gehören die fast ständig laufenden Tom-Jones-Hits Delilah und Help yourself . Auf die Frage, wie ein moderner Mann im Idealfall sein sollte, gibt es für mich deshalb nur eine Antwort: oberhalb des Halses wie Horst-Eberhard Richter. In den tieferen Regionen eher wie Tom Jones. An diesem doppelten Anspruch habe ich mich wegen frühkindlicher Prägungen ein halbes Leben lang abgearbeitet, nun, nicht ganz erfolglos, will ich meinen. Währenddessen wurden Horst-Eberhard Richter und Tom Jones langsam älter. Vor einigen Jahren eröffnete mir meine Mutter, dass sie ihre Orientierung verändert hat.

Statt Horst-Eberhard Richter, der immer seltener im Fernsehen kam, verehrte sie nunmehr, mit ähnlicher Verve, den langhaarigen, feinsinnigen Philosophen Richard David Precht . Den Platz von Tom Jones aber hatte der Moderator Dieter Moor eingenommen. Einmal durfte ich in einer Sendung von Dieter Moor auftreten. Ich glaube nicht, dass meine Mutter auch nur ein Wort von dem mitbekommen hat, was ich in dieser Sendung sagte. Ich hatte auch nicht den Mut, ihm zu gestehen, dass er mein Vater sein könnte. Allerdings glaube ich, reifer geworden, nicht mehr daran, dass irgendjemand gleichzeitig ein Richard David Precht und ein Dieter Moor sein kann, nicht einmal ich. Die Frauen verlangen zu viel.

Kurz vor dem Jahreswechsel habe ich erfahren, dass meine Mutter ihre Beziehung mit Dieter Moor einseitig aufgekündigt hat, Begründung: Sie passen nicht zueinander. Dieter Moor, der nebenbei einen Bauernhof betreibt, hatte in mehreren Talkshows eine starke Neigung zum Ökolandbau und zu biologisch-dynamischem Lebenswandel erkennen lassen. Das kann man nach Ansicht meiner Mutter, die das Leben gerne in sämtlichen Facetten genießt, auch und gerade den unökologischen, keiner Frau zumuten, die noch alle Tassen im Schrank hat. Jetzt ist Phase drei angebrochen. Zum ersten Mal gibt es nach Ansicht meiner Mutter einen Mann, einen einzigen, der alles, was ein richtiger Mann haben muss, in sich vereint, es ist der Geiger David Garrett . Was ich aber eigentlich sagen will: Die richtig guten Männer sind weder alle schwul noch alle verheiratet. Die richtig guten Männer sind alle im Fernsehen.

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