Ihn besuchen? »Gern, aber verraten Sie nicht, wie es hier aussieht«, bittet Jens Sparschuh am Telefon. Nur so viel dazu: Sein Arbeitszimmer in einem Pankower Altbau ist eine romantische Gelehrtenstube mit Büchern wandhoch, Karten, Collagen und Stapeln von Material für Projekte. Jetzt hat der Philosoph und Autor (Der Zimmerspringbrunnen) einen Roman geschrieben, der von der Sehnsucht nach Ordnung handelt. Er heißt Im Kasten, sein Held Hannes Felix beschäftigt sich als Angestellter einer Lagerfirma mit Strategien, das Leben und die Dinge effizient zu sortieren. Selbst als seine Frau ihn verlassen will, besteht er darauf, erst einmal ihren wild zusammengerafften Kofferinhalt richtig einzupacken.

ZEITmagazin: Herr Sparschuh, was hat Sie gereizt an diesem pedantischen Typen Hannes Felix?

Jens Sparschuh: Es ist ein Ratgeberbuch, wie man es nicht machen sollte. Im Prinzip begleiten wir diesen Hannes Felix auf seiner Reise von einer klassischen Neurose in eine tiefe Psychose.

ZEITmagazin: Soll das bedeuten, wer aufräumt, kommt in die Nervenheilanstalt?

Sparschuh: Natürlich nicht. Aber das Thema Ordnung beschäftigt mich schon lange, theoretisch. Es fing an, als ich zu DDR-Zeiten im Fachbereich Philosophie an der Uni lehrte. Damals musste, wer nicht SED-Mitglied war, einmal im Jahr ins Lager für Zivilverteidigung. In einem miefigen Keller hatte ich Ordnung in ein Stiefellager zu bringen. Alle waren ordentlich nach Größe aufgehängt. Aber dann erschienen Menschen und klagten: Dieser Stiefel drückt. Oder: Haben Sie nicht Zwischengrößen? Da dämmerte mir: Sobald Menschen ins Spiel kommen, kehrt Unordnung ein.

ZEITmagazin: Beim Militär ist die geforderte Ordnung doch nichts als eine Gehorsamsübung – eine Frage der Macht.

Sparschuh: Absolut. Wenn ein Feldwebel mitten in der Pampa verlangt, alle Zelte müssten auf Linie stehen, dann hat das etwas Wahnhaftes. Jede Form des Ordnungmachens ist ein Willkürakt. Der Mensch stellt sich hin und glaubt: Dies muss dorthin, das muss dahin. Aber heutzutage hat die Gesellschaft keine Struktur mehr: Was ist wichtig, was unwichtig?

ZEITmagazin: Eine Folge des Überflusses. Im Mangel herrscht keine Unordnung.

Sparschuh: Stimmt. Wir werden überflutet von Angeboten, Sinneseindrücken, Werbebotschaften . Der Überblick geht verloren. Da ist es gar nicht leicht, zu entscheiden: Entsteht Unordnung, weil jemand zu viel Respekt vor den Dingen hat oder weil ihm alles gleich ist?

ZEITmagazin: Aber bestimmt wissen Sie hier daheim genau, wo Sie suchen müssen, um zu finden.

Sparschuh: Ja. Da steht eine Ausgabe von Thomas Manns Zauberberg, und darin vagabundiert ein Fahrschein aus den achtziger Jahren als Lesezeichen. Ginge es ordentlich zu bei mir, müsste dieser Fahrschein im Steuerordner sein, oder ich hätte ihn weggeworfen. Aber er erinnert mich daran, dass man mal für zwanzig Pfennige von Pankow zum Müggelsee fahren konnte. Er erinnert mich auch daran, dass ich für diese zwanzig Pfennige niemals an den Wannsee hätte fahren können. So hat dieses Aus-der-Ordnung-Tanzen auch etwas Befreiendes.