SchuldenkriseDer "gute Hegemon"

Die wundersame Wandlung der einst gefürchteten Deutschen von 

Vor siebzig Jahren begann mit dem Angriff auf Stalingrad das Ende des Deutschen Reiches, das Bismarck aus den Resten des "Heiligen Römischen" zusammengefügt hatte. Erst in der langen Rückschau wird klar, welche wundersame Wandlung dieses unruhige – mal zerbrechliche, mal unheimliche – Geschöpf namens "Deutschland" vollzogen hat.

Im 20. Jahrhundert hat Deutschland gleich zweimal versucht, die Herrschaft über Europa zu erkämpfen. Es folgten sechzig Jahre Selbstbescheidung, eingehegt durch die segensreiche Gemeinschaft mit dem Westen. Teils freiwillig, teils gezwungen machte sich das neue Deutschland kleiner, als es war – und ist dabei prächtig gefahren.

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Jetzt, in der Schlacht um den Euro, ist Berlin plötzlich eine Rolle zugefallen, auf die es nicht vorbereitet war. Nennen wir sie den "guten Hegemon". Den Briten wird nachgesagt, sie hätten ihr "Empire in einem Anfall von Geistesabwesenheit errungen". Bei den Deutschen stimmt’s tatsächlich. Sie haben den "Platz an der Sonne" (der spätere Kanzler Bülow, 1897) nicht gewollt und schon gar nicht erobert. Aber plötzlich hatten sie ihn, ohne Knobelbecher und Kanonen. Es rollten keine Panzer, sondern nur deutsche Euro . Die schärfsten Waffen im Arsenal der Kanzlerin? Mal das gestrenge Wort, mal der offene Geldbeutel – und dazwischen die unermüdliche Diplomatie.

Der "gute Hegemon" ist keineswegs selbstlos, sondern einer, der die eigenen in die Interessen des Ganzen einbettet. Natürlich braucht Berlin den Euro und Europa aus selbstsüchtigen Gründen . Zwei Drittel der Exporte des Vizeweltmeisters gehen in den EU-Raum. Mit der EU zerbräche auch diese klassische Wachstumsmaschine; die Renationalisierung der Währungen würde einen Abwertungswettlauf der Schwächeren entfesseln, der eine Neue Deutsche Mark himmelwärts triebe. Das politische Desaster wäre noch schrecklicher. Die Deutschen wären wieder da, wo sie nie mehr sein dürfen: zu stark, um allein gelassen zu werden, zu schwach, um Rest-Europa zu kujonieren.

Der "gute Hegemon" hat allerdings ein fürchterliches Problem: Weil er das größte Interesse am Erhalt des "öffentlichen Gutes" namens "Europa" hat und dazu den größten Reichtum, muss er den Großteil der Rechnung bezahlen. Auf den Tisch hauen dürfen gerade die Deutschen nur selten und sachte. Sie müssen die anderen "mitnehmen", während sie an den Institutionen bauen, die für fiskalische Tugend sorgen.

Hartnäckig, aber mit Blick auf das Ganze, ohne wilhelminische Arroganz – das ist das Rezept für diese neue zivile (und zivilisierte) Großmacht wider Willen. Die Bürde der Macht ist größer als das Vergnügen. Aber wer sonst könnte sie schultern? Freundlicherweise hat "Germans to the front!" seinen hässlichen Beigeschmack verloren – das ist der Unterschied zu Wilhelm Zwo. Und das "tumbe Volk" ist klüger als so mancher seiner Vordenker: Zwei Drittel wollen den Euro behalten.

Wie heißt es doch in Spider-Man ? "Große Macht fordert große Verantwortung." Früher wollten die Deutschen nur die Macht, heute haben sie die Verantwortung. Das ist der Unterschied zwischen einem "bösen" und einem "guten" Hegemon. Billig wird’s nicht sein.

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Leserkommentare
  1. Ach Herr Joffe, Sie fallen ja neuerdings immer öfter als Monarchist auf. So ist dieses Gefasel von "tumbem Volk" in Bezug auf die Europäische Bilanzkrise wohl wieder mal ein Erguss willfähriger Obrigkeitsfrömmelei.

    Der einfache Bürger, der durchschnittliche Bürger (und dazu zählen die ehemals als "Elite" bezeichneten und nun deklassierten Querschnittsakademiker, die sich bald ein ZEIT-Abonnement nicht mehr leisten wollen), profitiert nicht vom Euro-System.

    Für wen schreiben Sie solche Kommentare? Für welches Volk? Und für welche ominösen 60%? Erinnert seien Sie an Brechts Ausspruch in Bezug auf die Bodenhaftung der Mächtigen...

    • Arouet
    • 09. Januar 2012 19:12 Uhr

    Wie so oft bemüht sich hier der Autor historisches Halbwissen im Kolumnestil zu präsentieren, mit fatalen Folgen für die Gesamtaussage.
    Der Artikel ist ein Gemisch aus Weltkriegsparolen und politische Gegenwart, ohne klar zu unterscheiden. Beim "Platz an der Sonne" des europäischen Imerialismus (1880er/90er Jahre)angefangen, ersetzt der Euro im nächsten Satz ganz plötzlich "deutsche Panzer" des 2. Weltkriegs. Der Höhepunkt befindet sich dann unlängst im "Arsenal der Kanzlerin", eine Heraufbeschwörung des Militarismus längst vergangener Zeiten.
    Übrigens hat Bismarck recht wenig mit dem untergegangen "Deutschen Reich" zu tun, welches am Anfang erwähnt wird. Das Bismarcksche Reich endete nämlich schon 1918 mit dem Exilgang Wilhelm II. Es folgte die Weimarer Republik bis schließlich der Natonalsozialismus Deutschland als 3. Reich missbraucht hat. Dieses endete dann 1945, großzügig aber auch schon nach der Schlacht von Stalingrad.
    Nun bleibt die Aussage des Texts, ich sehe keine außer das Angeben mit aus dem Zusammenhang gerissener Fakten.

    • Ill
    • 09. Januar 2012 19:26 Uhr

    Aber ist der Deutschland wirklich der der "GUTE Hegemon"?
    Kurz vorher habe ich auf Spiegel online den Artikel "Europas Krise, Deutschlands Segen" gelesen und ich finde das Deutschland so stark von Europa und der Krise profitiert, das es eher ein "egoistischer Hegemon" ist. (http://www.spiegel.de/wir...)
    Für den Titel "guter Hegemon" muss und sollte Deutschland noch einiges mehr für Europa tun.

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    • self22
    • 10. Januar 2012 17:56 Uhr

    ich verzichte auf mein ganzes Gehalt und noch auf meine Rente. Hoffentlich reicht Ihnen das dann für den Titel "guter Hegemon".

    • achimvr
    • 09. Januar 2012 19:39 Uhr

    War wohl nichts! Profitieren tut nur eine kleine Kaste.

  2. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen und konstruktiven Argumenten. Danke, die Redaktion/mk

  3. Joffes verquaste Rhetorik: Ein guter Hegemon, ein schlechter Hegemon.

    Warum dieses Verquacksalbern der Sprache? Auf Deutsch: Joffe proklamiert den guten Führer. Ob ein Führer oder ein Führerstaat in einem demokratischen System gut sein kann, darf bezweifelt werden. Darüber hinaus hat ein Führer, oder ein Führerstaat, egal ob gut oder böse, in einem demokratischen System nichts zu suchen, den ein politischer Führer zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht nach demokratischen Gepflogenheiten handelt.

    Vielleicht meint Joffe auch etwas ganz anderes. Vielleicht möchte er seinen Landsleuten nur erklären, dass die Deutschen zahlen sollen und müssen, um im Chor der anderen mitzusingen. Obendrein gibt es noch Schmeicheleien von den Nehmerländern, bis die deutschen Mittel erschöpft sind.

    Dann kann Joffe sich ja mit der Büchse hinten anstellen und in Europa betteln gehen. Ob sein Betteln erhört wird, darf zumindest bezweifelt werden.

    Nein, was wir brauchen, ist keine wie auch immer geartete deutsche Hegemonie, sondern ein gesundes Selbstbewusstsein und kein krankes.

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    "Darüber hinaus hat ein Führer, oder ein Führerstaat, egal ob gut oder böse, in einem demokratischen System nichts zu suchen, den ein politischer Führer zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht nach demokratischen Gepflogenheiten handelt."

    Nicht wenn diese Führerschaft wie bei Deutschland auf dem ganz demokratischen Grund ruht das es mehr Einwohner hat als alle anderen Teilnehmerstaaten (ganz abgesehen von den Staaten die in Deutschlands Windschatten mitmachen).

    • cvnde
    • 10. Januar 2012 2:01 Uhr

    Der Hegemon ist eine Figur aus der Internationalen Politik.

    Das hat nichts mit "dem Führer" im Sinne des Dux zu tun.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Wer des Englischen mächtig ist, kann sich ja mal über Amazon, "After Hegemony" besorgen.

    Was auch gut ist, gerade für die deutsche Situation ist der strukturelle Ansatz von Susan Strange: "States and Markets", gibt es auch bei amazon.

    Wer es lieber auf Deutsch mag: E. O. Czempiel "Kluge Macht", gibts als Taschenbuch.

    Übringens , kein deutscher Politker hat Griechenland oder irgendein anderes Land zu schlechter Verwaltung gezwungen etc..

    Hegemon waren Deutschland und Frankreich in der EWG, EG und EU schon immer, nur ein Hegemon bietet auch etwas:
    vor allem wirtschaftliche Wohlfahrt und Stabilität.

    Das Deutschland, falsche Steuerungen im Bereich der Agenda2010 getätigt hat ist ein anderes Kapital, das vor allem im Machtkampft zwischen den "Lagern" begründet ist und nicht in der hegemonial Stellung Deutschlands in Europa.

    Interessanter Kommetar Herr Joffe, das Problem ist nur, dass Sie mit Begriffen operieren, die die meisten Foristen nicht verstehen oder missverstehen.

    • spalter
    • 09. Januar 2012 20:06 Uhr

    "Im 20. Jahrhundert hat Deutschland gleich zweimal versucht, die Herrschaft über Europa zu erkämpfen. Es folgten sechzig Jahre Selbstbescheidung, eingehegt durch die segensreiche Gemeinschaft mit dem Westen."

    Ich möchte Herrn Joffe gern daran erinnern, dass nach dem Krieg nur ein Teil Deutschlands in die westliche Gemeinschaft aufgenommen wurde. Es gab da noch einen anderen Teil, ja genau, das Arbeiterparadies.

    Wenn wir weiterhin "Deutschland" mit "BRD" gleichsetzen und - bewusst oder unbewusst - jede Erinnerung an die DDR weit weg drücken, ja dann haben die wohl recht, die uns arrogante Wessis nennen.

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    • ludna
    • 10. Januar 2012 11:26 Uhr

    Deutschland=alte BRD.
    DDR= nicht vorhanden, wenn doch = Hölle.

    In GB käme niemand auf die Idee, z.B. Cornwall nicht zu England zu rechnen, obwohl es gegenwärtig die wirtschaftlich schwächste Region ist.

    • th
    • 09. Januar 2012 20:07 Uhr

    daß die deutsche Regierung, mit einer "billig wirds nicht"-Politik zur "EURO-Rettung" die Versprechen ihrer Vorgänger brechen muß.

    D.h. sie hat jetzt nur die Wahl zwischen einem gigantischen Vertrauensverlust im Innern und einem Chaos in der EURO-Zone. Das Mißtrauen gegen die europäische Integration, gegen jede Vertiefung oder Erweiterung wird wachsen, weil der Wähler sich sagt:
    1. die machen ja doch was sie wollen, und
    2. ihren Versprechungen kann man keinen Glauben schenken

    Und im übrigen Europa wächst gleichzeitig das Mißtrauen.

    Peinlich, wie man sich sehenden Auges in die Klemme manövriert hat, weil man sich weigerte, den Tatsachen ins Auge zu sehen.

    Und es wäre auch ganz gut, sich immer wieder klar zu machen, dass Europa und selbst die EU nicht identisch sind mit der EURO-Zone.

    Was sagt der Atlantiker Joffe übrigens zur Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Großbritannien - auch ein Nebeneffekt de Kampfes zur Erhaltung der Währungsunion?

    Um in einer inzwischen veraltenden Terminologie zu bleiben:
    das "westliche Projekt" resultierte in einem System demokratischer Nationalstaaten auf der Grundlage von Menschenrechten und Marktwirtschaft. De Gaulle mit seinem "Europa der Vaterländer" wußte das noch.

    Der "deutsche Sonderweg" wäre es, ein neues "heiliges römisches Reich" zu schaffen, gesteuert von einer zentralen Bürokratie in Brüssel, über welche mehr als zwei Dutzend "Landesherren" von Lissabon bis Helsinki herrschen :-)

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    • cvnde
    • 10. Januar 2012 2:11 Uhr

    Es keijn gro0er Unterschied ist zwischen einem "Europa der Vaterländer" und einem neuen "heiligen Romischen Reich".

    Denn der Kaiser hatte bis 1648 nur soviel Macht, wie die territorial Herren ihm gaben, sprich Steuern.

    Beispiel, glauben Sie ernsthaft, dass es der Pommersche Herzog eilig hatte, die Steuern an den Kaiser zu überweisen, auch wenn die Türken in oder vor Wien standen, oder dass es irgendeinen herren in Norddeutschland oder den Niederlanden, vor 1556, viel interessierte, ob sich der Kaiser mit den Franzosen in um Italien schlug?
    Solange seine Handelsinteressen nicht beeinträchtig wearen.

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  • Serie Zeitgeist
  • Schlagworte Europäische Union | Diplomatie | Euro | Export | Reichtum | Sonne
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