Aber wer sich in Berlin , Brüssel und Athen umhört, bekommt Zweifel, ob Deutschlands Rolle wirklich so ist, wie es die Bundesregierung beschreibt. Die Rüstungsbranche hat Einfluss in der Bundeshauptstadt – wie viel, hat Hilmar Linnenkamp erlebt. Er war jahrelang Unterabteilungsleiter für internationale Rüstungsangelegenheiten im Verteidigungsministerium und ist heute Berater der Stiftung Wissenschaft und Politik. »Die Industrie unterhält traditionell beste Beziehungen bis in die Regierungsspitzen«, sagt er.

Deutlich ist das offenbar auch bei Staatsbesuchen in Griechenland geworden: Deutsche Regierungsmitglieder äußerten dort ihre Exportwünsche, und die Griechen bekräftigten ihren Importbedarf. Dabei habe jeder gewusst, »dass Griechenland zu viel in sein Militär investiert«, so Linnenkamp. Dennoch türmten die Griechen im Lauf der Jahre enorme Verpflichtungen auf.

Eines der milliardenschweren Geschäfte spricht auch der Mann in dem Café in der Athener Innenstadt an. Er sagt, dass die griechische Regierung schon 1999 insgesamt 90 Eurofighter bestellen wollte und deshalb sowohl mit dem Hersteller EADS wie auch dem damaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) gesprochen habe. Damals tätige Rüstungslobbyisten konnten ihr Glück kaum fassen: »Wir brachten einen Außenminister Fischer dazu, mit dem damaligen griechischen Ministerpräsidenten Simitis über den Erwerb von Eurofightern zu reden. Ein grüner Minister trat gegenüber einem griechischen Sozialdemokraten für den Erwerb von Kampfflugzeugen für Griechenland ein«, sagt einer. Nur: Bei der Absichtserklärung zum Kauf ist es bis heute geblieben – sehr zum Ärger der heutigen Bundesregierung und des Rüstungskonzerns EADS.

Zwischen 2005 und 2007, so berichten Personen aus dem Umfeld früherer griechischer Regierungen, drängte Angela Merkel die Griechen immer wieder, ihr Versprechen zu halten. Weil der damalige Regierungschef Kostas Karamanlis auf Zeit spielte, sei Merkel nicht gut auf ihn zu sprechen gewesen, heißt es. Die Inhalte von Regierungsgesprächen seien vertraulich; allerdings sei es »in solchen Gesprächen nicht üblich, dass Bundeskanzlerin Merkel zum Kauf von Eurofightern drängt«, sagt dazu heute eine Sprecherin der Bundesregierung.

Aber noch im Frühjahr 2010 erinnerte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) die griechische Regierung an die Bestellung der Eurofighter, nur Wochen vor dem griechischen Offenbarungseid. »Westerwelle forderte ein Bekenntnis zum Eurofighter«, sagt jemand, der die Gespräche aus nächster Nähe erlebt hat. Der Außenminister wiederum versicherte zugleich in der griechischen Tageszeitung Kathimerini: »Wir drängen die griechische Regierung nicht zum Kauf. Wenn (sie) aber, zu welchem Zeitpunkt auch immer, eine Entscheidung zum Kauf von Kampfflugzeugen trifft, wollen die Eurofighter-Länder, die hier durch Deutschland vertreten werden, bei der Entscheidung berücksichtigt werden. Das ist innerhalb der Europäischen Union doch völlig normal.« Wenige Wochen später forderte Westerwelle in der Börsen-Zeitung mehr Disziplin vom Süden: »Wir erwarten, bevor es Diskussionen über Hilfe gibt, dass Griechenland im vollen Umfang die eigenen Hausaufgaben für die Konsolidierungspolitik abarbeitet.«

Wie passt das zusammen? Gar nicht, findet der Rüstungsexperte Linnenkamp: »Es ist völlig unverantwortlich gewesen, mitten in Griechenlands schwerer Wirtschaftskrise das Thema Eurofighter überhaupt anzusprechen.«

Aber es geht nicht nur um die Eurofighter: Dem jüngsten Rüstungsexportbericht ist zu entnehmen, dass Griechenland 2010 exakt 223 Panzerhaubitzen von Typ M109 aus Bundeswehrbeständen sowie ein U-Boot der Klasse 214 aus Deutschland importierte. Gesamtwert der Waffengeschäfte: 403 Millionen Euro. In den Jahren davor verdiente im Süden Europas vor allem Krauss-Maffei Wegmann prächtig. Das Münchner Unternehmen lieferte 170 Leopard-2-Panzer an Athen aus, dabei ging es um 1,7 Milliarden Euro. Als die Griechen mit den Zahlungen in Rückstand gerieten, sprachen Spitzenbeamte der Bundesregierung das Thema immer wieder an. »Die Linie war, Ausstände Griechenlands in der Rüstungsindustrie einzutreiben«, sagt ein deutscher Lobbyist.

Auch U-Boote von ThyssenKrupp, Hubschrauber von Eurocopter und Lenkflugkörper von Diehl BGT Defence zählen inzwischen zum Stolz des griechischen Militärs. Das Kriegsgerät trug erheblich dazu bei, dass die Staatsschuld Griechenlands explodierte. Nicht nur beim Anteil der Rüstung am Bruttoinlandsprodukt liegen die Griechen in Europa auf einem Spitzenplatz. Laut dem schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri verzeichneten zwischen 2005 und 2009 nur China, Indien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Südkorea mehr Waffenimporte als Griechenland.

Dimitris Droutsas ist einer der wenigen Griechen, die sich zu diesen Zahlen offen äußern. Bis Juni 2011 war er griechischer Außenminister. »Wir haben nicht so viel Geld für die Verteidigung ausgegeben, weil uns das Spaß gemacht hat«, sagt er. Die griechischen Außengrenzen müssten gegen die Migrantenströme aus Nordafrika und Asien gesichert werden, fast täglich gebe es Konflikte mit der Türkei . »Als Außenminister erhielt ich am Nachmittag immer eine Nachricht des Verteidigungsministeriums mit der Auflistung der türkischen Verletzungen unseres Luftraums.« Zudem beobachte Griechenland mit Sorge die zunehmende Aktivität der türkischen Marine in der Ägäis und habe vor gut 35 Jahren die »türkische Invasion« auf Zypern erlebt. Seitdem lebten die Griechen in einem Zustand der Angst. Dass es mit der Türkei ein Wettrüsten gebe, obwohl beide Länder in der Nato sind, hält Droutsas für legitim: »Ob wir wollen oder nicht, Griechenland ist gezwungen, über ein starkes Militär zu verfügen.« Punkt.