Residenzschloss DresdenGanz erbaulich
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 Die Dresdner kommt der eigene Anspruch immer teurer zu stehen

Zumindest das sei ein Trugbild, räumt sogar der Schlossherr etwas kleinlaut ein. Die Dresdner Residenz, sagt Coulin, sei keine gewöhnliche Großbaustelle, sondern eine Generationenaufgabe: »Das Dresdner Schloss ist unser Kölner Dom, unsere Sagrada Familia wie in Barcelona

Vielleicht hätte dem Schloss sogar etwas mehr Sozialismus geholfen. »In der DDR», sagt Coulin, »wäre man mit dem Wiederaufbau schon fertig. Die DDR hat ganz systematisch geplant und gebaut. Die haben ihre Programme aufgestellt, und dann wurden die umgesetzt. Es ist eben so, der Etat der Regierung legt die Prioritäten fest.«

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Ein Schlossbau, sagt Coulin, sei eh nichts für Geizkragen. Und gewiss: Einen Palast zu errichten, das ist teuer. Die Dresdner aber kommt der eigene Anspruch teuer und immer teurer zu stehen; der Anspruch, historisch korrekt zu rekonstruieren. Die Schlosskapelle ist ein Beispiel dafür. Erstmals seit 450 Jahren soll dort wieder ein mittelalterliches Schlingrippengewölbe geschaffen werden – lange Zeit hielten dies Bauleute in ganz Europa für gänzlich unmöglich. Außer zwei Zeichnungen und einem Säulenfragment ist nichts mehr übrig vom Original. Doch Coulin will es unbedingt wiederhaben, dieses rätselhafte Gewölbe. »Hier werden sich Schlingen aus Sandstein wie ein Netz flach über Mittelraum und Nischen ziehen und sechsteilige Blütensterne zeichnen. Hier entsteht wieder ein Meisterwerk der Spätgotik«, schwärmt er. Die Frage ist nur: Wie haben die Altvorderen einst die Gewölbe tragfähig gemacht? Wie schafften sie das, dass die Schlingen hielten und trugen; dabei aber aussahen, als schwebten sie?

Ein Traum bleibt ihm: dass Augusts Paradegemächer zurückkehren

Experten haben unzählige Kirchen als Muster vermessen, gezeichnet, fotografiert. Bauleute probierten, die alte Technik neu zu erfinden. Sie bauten die Kuppel nach – zur Probe. Und hatten Erfolg. Für das erste endgültige Joch von West nach Ost liegen die Baumstämme schon bereit.

Wenn die Sandsteinschlingen wieder die Kapelle überziehen, dann wird Ludwig Coulin nicht mehr in Sachsen leben, sondern seiner Frau Yvonne, Dresdens früherer Tourismuschefin, ins Fränkische gefolgt sein. Er wird dort wohl weiterträumen. Auch vom Wiederaufbau der Paradegemächer Augusts des Starken im zweiten Obergeschoss. Der 60-Jährige gibt den Glauben nicht auf, dass die Staatsregierung eines Tages doch noch Geld für das Galageschoss lockermachen wird. Wer, wenn nicht ein Finanzminister, könne rechnen, sagt Coulin: »Weil die Menschen dieses spätbarocke Gesamtkunstwerk lieben werden, kriegt man jeden ausgegebenen Cent dreifach zurück.«

Er selbst will zurückkommen, wenn im Großen Schlosshof wie im 16. Jahrhundert wieder eine italienische Oper aufgeführt wird. Die Akustik wird grandios sein. Das erlebt er jetzt schon, jeden Tag.

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Leserkommentare
    • HSCHEID
    • 05. Januar 2012 12:34 Uhr

    gibt es noch solche Architekten. Es soll ja Experten geben, die behaupten, die (Bauhaus) - Architekten hätten nach 1950 mehr Kulturgut vernichtet als der 2. Weltkrieg. Und der geschmack- und gesichtslose Trend setzt sich fort. Kenne sogar drei Objekte, die einen Preis bekommen haben: entsetzlich !

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