Wann ein Tag endet und wann ein neuer Tag beginnt, kann der Häftling in der Zelle Nummer 5 höchstens ahnen. Nur die Mahlzeiten geben ihm einen Hinweis auf den zähen Fluss der Zeit. Seine Zelle misst zwei mal drei Meter: ein Bett, ein Waschbecken, ein Klo, alles aus grauem Beton. Es gibt keine Fenster. Die Tür zu seiner Zelle, 15 Zentimeter dick, aus Stahl, ist verschlossen, 23 Stunden am Tag. Er darf nicht lesen, nicht schreiben, nicht fernsehen, nicht Radio hören. »Manchmal«, so hat er einem Freund am Telefon anvertraut, »versuche ich morgens, meinen Namen zu buchstabieren, mit dem Finger auf der Wand, aber es gelingt nicht mehr. Oft brauche ich stundenlang dafür.«

Eine Stunde am Tag darf er die Zelle verlassen. Dann werden ihm Hand- und Fußfesseln angelegt, und ein Wachmann wird ihm zur Seite gestellt, der bringt ihn zum gym oder zur Bibliothek. Nur engste Verwandte dürfen ihn besuchen. Durch eine Scheibe können sie ihn sehen, in Ketten. Über ein Telefon mit ihm reden. »Langsam verliert er den Verstand«, sagt jemand, der ihn vor wenigen Tagen besucht hat.

Der Häftling in Zelle 5 heißt Jeremy Morlock, und das Gefängnis gehört zur Marinebasis der US-Streitkräfte in Silverdale im Bundesstaat Washington. »Das ist der ganz normale Umgang mit Straftätern in den USA«, sagt der Soziologe und Prozessgutachter Stjepan Meštrović. »Werden sie wegen Kapitalverbrechen verurteilt, gilt für sie automatisch die höchste Sicherheitsstufe. Erst werden sie gebrochen, dann dürfen sie in den normalen Vollzug.«

Der Fall Jeremy Morlock ging Ende 2010 um die Welt. Der Obergefreite der Infanterie war Teil des sogenannten Kill Teams, einer Gruppe von fünf US-Soldaten, die offenbar aus reiner Mordlust Jagd auf afghanische Zivilisten gemacht und sich anschließend mit ihren Opfern fotografiert hatten, posierend, so als hätten sie Wild erlegt. Die Bilder lösten ebenso wie die aus Abu Ghraib und jene von WikiLeaks veröffentlichten Videos von Angriffen auf Zivilisten im Irak einen Sturm der Entrüstung aus. Sie sind zu Ikonen der Grausamkeit im Krieg gegen den Terror geworden.

Die fünf Männer wurden wegen gemeinschaftlichen Mordes in Fort Lewis-McChord nahe Seattle vor einem Militärgericht angeklagt. Jeremy Morlock bekannte sich des Mordes an drei afghanischen Zivilisten schuldig und wurde am 23. Mai 2011 zu 24 Jahren Haft verurteilt. Er entging damit einer lebenslangen Freiheitsstrafe ohne jede Möglichkeit der Strafmilderung. Morlock war zweifelsfrei beteiligt an den Morden. Aber ob er tatsächlich selbst gemordet hat oder ob er das Geständnis aus prozesstaktischen Überlegungen machte, weil mit nichts anderem als »lebenslänglich« zu rechnen war, ist nicht erwiesen. Auch bei näherem Hinsehen lässt sich schwer ausmachen, ob er nur Täter ist oder Täter und Opfer zugleich.

Am Tag vor dem Prozessbeginn darf Jeremy Morlock seine Familie treffen. Zwischen den Gesprächen mit Anwälten, Staatsanwälten und Prozessgutachtern geht er immer wieder in den leeren Verhandlungssaal, der den Familienmitgliedern zur Verfügung gestellt wurde. Und die sind reichlich gekommen. Hier ist Jeremy Morlock ganz Sohn, Bruder, Neffe. Er ist blass, seine Uniform, der Tarnanzug, erinnert daran, dass er immer noch Soldat ist. Wenn er zum Rauchen rausgeht, setzt er das Barett auf mit dem Wappen seiner Einheit. In den Gesprächen mit seiner Familie geht es um alles Mögliche, man erzählt sich von alten Bekannten, spricht über den Alltag im Heimatort in Alaska. Nur über Schuld wird nicht gesprochen. Als gehöre sie zu einer anderen Welt, zu einem anderen Jeremy. In einer Prozesspause können wir ihn heimlich interviewen. Im Gespräch wirkt er gefasst, fast abgeklärt, wäre da nicht das leichte Zittern seiner Hände, wenn er sich eine Zigarette nach der anderen anzündet. Er spricht leise, mit Bedacht, und er versucht den anderen Jeremy, den Soldaten aus Afghanistan, zu rechtfertigen. Nicht zu entschuldigen, aber zumindest zu erklären. »Ich hatte jetzt lange Zeit, über alles nachzudenken«, sagt er. »Langsam spüre ich die Schuld. Bin ich mir darüber im Klaren, dass wir Fehler gemacht haben? Natürlich, ganz sicher. Ich leugne nicht, was wir getan haben. Aber dennoch: die Lage, in der wir waren. Der Krieg. Die Infanterie. Diese Mentalität, die hatte sich eingebrannt.«

Bereits in seiner ersten Befragung im Mai 2010, auf dem Flughafen Kandahar in Afghanistan, räumte Jeremy Morlock alle Vorwürfe freimütig ein. Die Beweise hatten die Soldaten mit den Fotos selbst geliefert. Sie gaben sie weiter an Freunde und Verwandte. Von der Existenz des Kill Teams und der Fotos erfuhr die Armee am Rande von Ermittlungen nach einer Prügelei in Morlocks Einheit. Daraufhin begannen die Ermittlungen in dieser Sache.