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Tillmann Prüfer über Mode und Kunst von 

Für den Arm, nicht für die Wand: Dior-Tasche

Für den Arm, nicht für die Wand: Dior-Tasche  |  © Peter Langer

Seit Mode als solche wahrgenommen wird, ist sie von der Kunst beeinflusst. Begonnen hat dies mit dem Auftauchen des Couturiers in der Mode, Anfang des 20. Jahrhunderts. Wer es sich leisten konnte, ließ Kleidung nicht mehr vom Schneider fertigen, sondern von einem Designer, der seinen persönlichen Stil in die Kleider einfließen ließ. Die Designer rückten in die Nähe von Künstlern. Und bedienten sich beim Kunstgeschmack ihrer Zeit. Zu den frühesten Meistern dieser Art gehörte Paul Poiret, der seiner Mode den Stil des Art déco gab.

Mariano Fortuny y Madrazo war Maler, Architekt und Modedesigner gleichzeitig. Elsa Schiaparelli versah ihre Kollektionen mit Elementen des Dadaismus und Surrealismus. Mode wurde etwas, das nicht nur die Gepflogenheiten der Zeit in sich aufnehmen, sondern ihr vorauseilen und Avantgarde sein wollte. Nicht zufällig arbeitete Christian Dior , jener Designer, der für die Mode ständig neue Linien vorgab, vor seiner Couturier-Karriere als Galerist.

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Als in den sechziger Jahren die Pop-Art aufkam und Kunst einen seriellen Charakter annahm, verblasste auch die Strahlkraft der Modeschöpfer. Mode mit künstlerischem Anspruch wurde zur Randerscheinung, die wie bei Martin Margiela und Rei Kawakubo eher für Galerien als für Boutiquen gedacht war. An die Stelle des Kunst produzierenden Modeschöpfers ist der Mode produzierende Künstler getreten. Ein Vorreiter war Marc Jacobs , der bei Louis Vuitton Künstler wie Stephen Sprouse oder Takashi Murakami einlud, Taschen zu gestalten. Zurzeit setzen Modelabels immer mehr auf die Kunst: Sie lassen von Künstlern ihre Geschäfte gestalten, sie organisieren und finanzieren Ausstellungen.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick   |  © Peter Langer

Nun hat auch Dior einen Künstler beauftragt: Anselm Reyle hat Taschen, Schuhe und Sonnenbrillen designt , die Anfang des Jahres in den Handel kommen sollen. Er verwendet Neonfarben, Stoff wird mit dicken Farbschichten bearbeitet, Leder ist gelackt. Reyle sagt, seine Taschen seien nicht unbedingt Kunstwerke, nur weil ein Künstler sie gemacht hat. Deswegen werden sie hoffentlich auch getragen und nicht von ihren Käuferinnen an die Wand genagelt. So schön Reyles Taschen aussehen – sie sind auch Zeugnis dafür, dass die Designermode die avantgardistische Kraft heute in den Galerien kaufen muss.

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Leserkommentare
  1. ist wohl eher die zusammenarbeit verschiedener disziplinen als die geschmacksfreien prints von reyle. vielleicht hätte er ja dem zehnjährigen streifen-jubiläum von h&m etwas beizutragen.

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  • Serie Stilkolumne
  • Schlagworte Christian Dior | Architekt | Avantgarde | Dadaismus | Galerie | Kunst
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