Stimmt's?Ist ein Stuhl, auf dem ein Fremder gesessen hat, wärmer?

…fragt Louise Zbiranski aus Madrid. von 

Für die Antwort auf diese Frage müssen wir zwei akademische Disziplinen bemühen, sowohl die Physik als auch die Psychologie. Es geht hier nämlich nicht nur um die absolute Temperatur eines Gegenstands, sondern auch um unsere subjektive Temperatur-Erwartung.

Unser Hinterteil ist im Allgemeinen wärmer als die Zimmertemperatur, aber kälter als die Kerntemperatur des Körpers von 37 Grad Celsius. Herrschen im Zimmer 20 Grad, ist der Hosenboden etwa 30 Grad warm. Den Unterschied von 10 Grad merken wir, wenn wir uns auf einen Stuhl setzen – er fühlt sich kalt an.

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Mit der Zeit gleichen sich die Temperatur von Hintern und Sitzfläche an, die Temperaturen bewegen sich aber nicht beide in Richtung der Mitte der Differenz, sondern werden beide wärmer. Steht man dann auf, kühlen beide wieder ab. Wie schnell, hat mit den Materialien von Stuhl und Kleidung zu tun. Aber auf jeden Fall wird der Stuhl nie wärmer als das Gesäß und kann sich deshalb nicht warm anfühlen, wenn man sich wieder draufsetzt.

Kommt man nun etwa in ein Restaurant und setzt sich auf einen Stuhl, auf dem kurz zuvor jemand gesessen hat, ohne dass man es wusste, dann erwartet man einen gewöhnlichen, nicht angewärmten Stuhl. Die höhere Temperatur überrascht dann – daher das Gefühl "warm", obwohl der Stuhl meist immer noch kälter ist als der Hintern.

Serie: Stimmt's?
Stimmt's?

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Und was, wenn wir direkt mit unserem Sitznachbarn den Stuhl tauschen? Dann gibt es (bei gleicher Hinterngröße) keinen objektiven Temperaturunterschied. Trotzdem ist bei manchen Menschen wohl die Vorstellung vom fremden Po so stark, dass sie auch hier eine rein psychologisch erklärbare "Fremdwärme" spüren.

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg, oder stimmts@zeit.de. Das "Stimmt’s?"-Archiv: www.zeit.de/stimmts

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. sinkt die temperatur von abgestandenem kaffee unterhalb der umgebungstemperatur?

    warum schmilzt schokolade genau bei körpertemperatur?

    warum haben frauen einmal im monat phantomschmerzen?

  2. Danke!

    3 Leserempfehlungen
    • cagy
    • 07. Januar 2012 18:55 Uhr

    so ein netter, kurzer Artikel - solide geschrieben und Thema aus der Kiste "Was man nicht wissen muss"
    Ich selbst hätte mich dennoch über mehr Hintergrund gefreut, wurde doch am Anfang mit zwei Wissenschaften eingeleitet...von denen dann leider doch nur soviel zu hören war, wie es jeder herunterschreiben könnte.

  3. Sie schreiben, dass sich die Temperatur von Stuhl und Hosenboden annähern, indem sowohl Stuhl als auch Hosenboden wärmer werden.
    Beide werden also wärmer als 30 Grad.
    Wenn ich mich also auf einen Stuhl setze, der wärmer als 30 Grad ist, dann wärmt der Stuhl im ersten Moment doch tatsächlich meinen Hosenboden, weil mein Hosenboden nur 30 Grad warm ist.
    Die Wärme wandert doch immer vom warmen zum kalten Medium.

    Es müsste für Sie doch ein leichtes sein festzustellen, ob ein Stuhl der kälter ist als der Hosenboden nicht immer als kalt empfunden wird.
    Könnte man das nicht mal testen?

    2 Leserempfehlungen
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    sehen Sie meinen Kommentar dennoch als Antwort auf den Ihrigen an.

  4. Man ist es eben einfach gewohnt, dass Stühle beim Draufsetzen meist kalt sind. Wenn dann doch einer warm ist, fällt es eben auf. Dafür muss man keine psychologischen Ursachen heranziehen.

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    • jr.
    • 08. Januar 2012 11:49 Uhr

    Der Ockham und sein Messer. Ich zitier's einfach noch mal:

    „Man ist es eben einfach gewohnt, dass Stühle beim Draufsetzen meist kalt sind. Wenn dann doch einer warm ist, fällt es eben auf. Dafür muss man keine psychologischen Ursachen heranziehen.“

    • saja
    • 08. Januar 2012 13:29 Uhr

    Die Gewohnheiten und Erwartungen, um die es hier geht, SIND doch psychische Vorgänge. Von daher verstehe ich nicht, wie sie darauf kommen, dass es hier keine psychologischen Ursachen zu erkennen gibt.

  5. "Unser Hinterteil ist im Allgemeinen wärmer als die Zimmertemperatur, aber kälter als die Kerntemperatur des Körpers von 37 Grad Celsius. Herrschen im Zimmer 20 Grad, ist der Hosenboden etwa 30 Grad warm. Den Unterschied von 10 Grad merken wir, wenn wir uns auf einen Stuhl setzen – er fühlt sich kalt an."

    Ich bin nun keine Physikerin, aber in der oben zitierten Passage scheint es eine Unpräzision oder sogar einen Denkfehler zu geben.

    Ich glaube, es ist ein Unterschied, ob die Raumtemperatur durch Konvektionswärme (Erwärmung über Luftzirkulation, anschließende Erwärmung von Körpern über diesen Umweg) oder Strahlungswärme (Körper, auch der menschliche werden durch die in Speichermaterialien wie z.B Schamott oder Speckstein direkt erwärmt)

    Bei einer Raumtemperatur von 20 Grad Celsius bei einer Fußbodenheizung mit großen Anteilen von Strahlungswärme sind die Gegenstände wie Stühle oder Tische warm und fühlen sich auch so an.

    Bei einer Raumtemperatur von 20 Grad Celsius, die von einem
    Heizkörper aus dünnem Metall erzeugt wird, ist der Anteil der Strahlungswärme gering. Die Raumluft ist warm, die Gegenstände sind kalt.

    Wahrscheinlich kennt jeder das Gefühl, aus dem Kalten in einen warmen Raum zu kommen, sich auf einen Stuhl zu setzen und ersteinmal zu frösteln.

    Erst der menschliche Körper erwärmt diesen Stuhl per Konduktionswärme (Hitze aus dem Hintern wird auf den kalten Stuhl geleitet).

    Jetzt könnte man weiterdenken.

    Vielleicht einmal Frau Merkel fragen? :-))

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    • c sun
    • 08. Januar 2012 0:18 Uhr

    Meine lieben Damen und Herren,
    das Thema ist zwar schon reichlich besetzt, aber einen Aspekt möchte ich dennoch ergänzen. Physikalisch ist neben der Temperatur vor allem die Wärmekapazität nennenswert. Wir fühlen bei gleicher Temperatur Aluminium zum Beispiel kälter als Kunststoff - sofern nicht vorher die Wärmekapazität bei z.B. 30 Grad gesättigt würde. Wir wissen zudem wie sich ein Leder, Kunststoff oder Metall anführen sollte, auch an Körperstellen, die wir in mancher Betrachtung zu unrecht reduzieren wollen. Wir erwarten also den Wärmestrom, der unserem Körper Wärme entzieht, und werden aufmerksam, wenn unsere Erwartung, gespeist aus Erfahrung, nicht erfüllt wird.

    Zusätzlich müssen wir bedenken, dass gewiss unterschiedliches Gewicht, Durchblutung der Haut, Feuchte und Kleidung die Vereinfachung vom 30 Grad an jedem Menschen merklich verändern müssen. Partner vorausgesetzt können sie ja einmal "im Dienste der Wissenschaft" ...

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  • Serie Stimmt's
  • Schlagworte Archiv | Körper | Physik | Psychologie | Restaurant | Hamburg
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