Der Bundespräsident entscheidet selbst über seinen Rücktritt, so wie die Medien selbst darüber entscheiden, wen sie kritisieren und wie. Beide sind unabhängig, das Staatsoberhaupt und die Journalisten. Die Verfassung schützt sie. Und so verschanzt sich der Präsident in seinem Schloss und gibt den Unantastbaren; er will im Amt bleiben, obwohl er den Niedersächsischen Landtag täuschte und als Ministerpräsident wohl gegen das Ministergesetz verstieß. Und die Journalisten? Sie suchen weiter, schreiben weiter, fordern weiter den Rücktritt. Je weniger sie zutage fördern, desto verzweifelter und wütender wirkt es. Die anfänglich große Affäre wird kleinrecherchiert. Was soll man auch machen, wenn einer partout nicht gehen will?

Christian Wulff hatte bereits als Ministerpräsident das Maß verloren. Dennoch wird er vorerst im Bellevue bleiben, ein Schlossgespenst, vor dem man sich ein wenig gruselt, aber das man bis auf Weiteres auch nicht ernst nehmen braucht. Bloß neigen eben auch die Medien dazu, das Maß zu verlieren, immer weiterzumachen und einfach nicht stoppen zu können, selbst wenn es nichts Neues – oder besser: nichts Wichtiges – mehr zu sagen gibt. Das ist die bittere Erkenntnis aus dieser Affäre. Eine der wichtigsten Aufgaben von Journalisten ist es, Sachverhalte auch moralisch zu bewerten. Aber wer bewertet eigentlich die Moral der Journalisten?

Medien tadeln die Volksverdummung – und tragen doch selbst dazu bei

Man kann verstehen, wenn das Publikum in diesen Tagen gleich doppelt genervt ist: vom Staatsoberhaupt, das sich ans Amt klammert. Und von Journalisten, die nun "enthüllen", dass die Präsidentengattin zu bestimmten Anlässen kostenlose Abendgarderobe trug – als ob die Medien nicht selbst ein Problem mit Presserabatten und Schnäppchenjägern hätten. Journalisten werfen Politikern ja gern so etwas wie Volksverdummung vor. Aber leider tragen die Medien manchmal genau dazu bei.

Womit wir bei der Rolle der Bild-Zeitung wären. Am Anfang stand – und das muss man anerkennen – eine wahrhaft journalistische Leistung: Aufklärung und Recherche, auch gegen Widerstände. Journalisten kämpften um Einsicht in die Akten der Wulffschen Hausfinanzierung, und sie zogen dafür auch vor Gericht. Es waren Bild und Spiegel, die Christian Wulff der Unwahrhaftigkeit überführten. Dennoch hielt sich der Präsident. Und so rollt jetzt die zweite Welle, es geht nicht mehr um grobe Verfehlungen, sondern nur noch um seinen Kopf. Ganz zufällig findet die Abschrift einer privaten Mailboxnachricht ihren Weg in die Redaktionen anderer Zeitungshäuser, diese Medien berichten und zitieren, und Bild wiederum kann darüber berichten, ohne sich selbst die Finger zu beschmutzen. Aber liegt es nicht nahe, dass jene Zeitungen, die die Mailboxnachricht auszugsweise nachdruckten, sich vorher beim Bild-Chefredakteur erkundigten, ob sie die Aufnahmen von dessen Mailbox veröffentlichen dürften? Und wie lautete wohl die Antwort?

Vieles, was gerade abläuft, kennt man als Methoden des Boulevards, neu ist ihre Anwendung bei Politikern, und neu ist auch, dass seriöse Medien dabei mitmachen. Das ist der mediale Teil dieser Affäre. Journalisten müssen auf Politiker aufpassen, ja. Aber vielleicht sollten wir Journalisten auch ein wenig besser aufeinander aufpassen.

Es stimmt zwar, dass die Presse in Deutschland in einem besseren Zustand ist als in, sagen wir, Italien oder Frankreich . Und es ist auch gut, dass die Medien in den vergangenen Jahren in gewisser Weise unparteiischer geworden sind, dass alte Konstellationen aufbrachen. Die Journalisten der Republik lassen sich nicht mehr so leicht in Lager einteilen wie früher. Die FAZ arbeitet sich heute genauso am CDU-Mann Wulff ab, wie sich der Spiegel am SPD-Kanzler Schröder abarbeitete.