Die Ruhe zum Jahreswechsel währte nur kurz. Selbst in der beschwingten Morgensendung Ö3-Wecker dominierten Krisennachrichten: »Ist der Euro noch zu retten, kommt 2012 die große Rezession?«, wurde Stefan Schulmeister, als eher unorthodox bekannter Ökonom des Wirtschaftsforschungsinstitutes gefragt. Aus Griechenland wurde gemeldet, die Regierung dränge Bevölkerung und Parlament dazu, weitere Sparmaßnahmen zu akzeptieren, sonst sei die Euro-Mitgliedschaft des Landes in Gefahr. Bereits am 2. Jänner hatte in Athen der erste Streik des Jahres eingesetzt – Ärzte behandelten nur Notfallpatienten, Apotheken blieben geschlossen. Hört das denn nie auf?

Nein, das hört nicht auf, zumindest nicht so schnell. Das ist das eindeutige Ergebnis der Arena Analyse 2012, einer qualitativen Befragung von Experten, die Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft von innen kennen, aber ohne Rücksicht auf Ämter und Würden ihre Meinung äußern können. Die Politik wurstelt sich durch, die Konjunktur schleppt sich mehr schlecht als recht dahin, das Finanzsystem könnte jederzeit kippen. Dauerhafte Abhilfe ist nicht in Sicht. Angesichts dieser schleichenden Apokalypse bleibt nur eines: Die Gesellschaft muss lernen, mit der Krise zu leben. In den nächsten Jahren, sagten auffällig viele der Befragten, komme dem Begriff der Resilienz zentrale Bedeutung zu: Die Widerstandkraft sozialer, politischer und wirtschaftlicher Systeme müsse gestärkt werden.

Seit 2006 wird die Arena Analyse jährlich von dem Wiener Beratungsunternehmen Kovar & Köppl in Zusammenarbeit mit der ZEIT durchgeführt. Die Auswahl der Teilnehmer und die Offenheit der Fragen ermöglichen Erkenntnisse, die sich vom kurzatmigen Umfragenalltag deutlich unterscheiden.

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, so die zentrale Botschaft in diesem Jahr, müssen ihre Systeme aufrüsten, müssen widerstandskräftiger – resilienter – werden. Der Begriff der Resilienz stammt eigentlich aus der Ökologie. Er beschreibt, wie ein Ökosystem mit einer Störung von außen umgeht, wie es etwa der Wald schafft, sich nach einem Brand wieder zu erholen? Mittlerweile taucht der Terminus oft in der Psychologie auf. Die unterschiedliche Resilienz von Menschen erklärt, warum das eine Kind schlimme Erfahrungen gut bewältigen kann, ein anderes aber lebenslang darunter leidet. Techniker sprechen von Resilienz, um die Fehlertoleranz eines Systems zu beschreiben: Wie viel Energie ist nötig, um nach einer Störung eine Maschine wieder zum Laufen zu bringen?

Das Konzept lässt sich auch auf soziale Strukturen anwenden, und zwar mit aufschlussreichen, aber zugleich beunruhigenden Erkenntnissen. Demnach steht der Wohlfahrtsstaat, der beständig Schulden anhäuft, ohne den Defiziten intelligent gegenzusteuern, kurz davor, in einem Akt kreativer Selbstzerstörung zusammenzubrechen.

Die These verlangt ein paar Sätze Theorie. Die Resilienz eines Systems, so sagt die Wissenschaft, hänge vom Verhältnis ab, in dem seine innere Effizienz zu seinem innovativen Potenzial steht. In der Natur ebenso wie in sozialen Strukturen ist ein Kreislauf erkennbar. Zu Beginn, wenn sich ein System herausbildet, ist viel Innovation möglich. So erfand sich etwa Österreichs Wirtschaft in den Jahrzehnten nach 1945 neu. Schritt für Schritt nehmen dann Organisationsgrad beziehungsweise Effizienz zu. Im nächsten Stadium eines Systems, der sogenannten Erhaltungsphase, tritt innovatives Verhalten in den Hintergrund, und es dominiert der Schutz vor Veränderung. Mangels sichtbarer Alternativen – es dominiert die Behauptung, eine Maßnahme sei alternativlos – glauben die Steuerungsinstanzen, sich durch Strategien nach dem Muster more of the same Luft verschaffen zu können. Irgendwann funktioniert das gemäß der Theorie nicht mehr: Das Veränderungspotenzial bricht sich Bahn. In der Praxis führte das beispielsweise dazu, dass die verstaatlichte Industrie in Österreich privatisiert werden musste, weil sich ihre Verluste nicht mehr fininanzieren ließen. Das alte System ist zerstört, es kommt zur Reorganisation oder zu Experimenten, durch die man herauszufinden versucht, wie es weitergehen könnte. Entweder beginnt das System den Kreislauf von Neuem, oder es wandelt sich in ein neues System um.

Unschwer zu erkennen, dass das politische System, sei es in Österreich, sei es auf EU-Ebene, schon seit Längerem in der more of the same-Schleife steckt. Eine kleine Steuererhöhung hier, eine kleine Kürzung da, mehr Geld für Griechenland, ein erweiterter Euro-Rettungsschirm, und man muss keine Gedanken an grundsätzliche Änderungen verschwenden. Das geht, wenn die Resilienzforscher recht haben, mit Sicherheit schief. Ausgerechnet im Auftrag des Bundeskanzleramts beschreibt das Wiener Beratungsunternehmen ÖAR in einem Bericht implizit die missliche Lage der Nation: Die erreichten Standards, heißt es darin, werden verteidigt – konkret pochen Interessenvertreter auf wohlerworbene Rechte, und die Politik nickt dazu. Das System ist, so stabil es scheint, verletzlich gegenüber externen Schocks – vor allem durch den Druck der Finanzmärkte. Es steckt in einer Sackgasse und ist mit einem accident waiting to happen konfrontiert – das Unglück kommt bestimmt, die Frage ist nur, wann. »Das alte System hat versucht, sich wiederherzustellen«, sagt einer der Befragten der Arena Analyse in Bezug auf die Finanzkrise 2008. »Aber das wird nicht gelingen.«

Orientiert sich die Zukunft an der dekadenten Endphase der Römer?

Zu komplex, verkrustet, aufgebläht und blind gegenüber nur langsam wirkenden Einflussfaktoren – etwa der steigenden Verschuldung – , so beschreiben Wissenschafter die Erhaltungsphase. Die Verhaltensweisen der Akteure orientieren sich immer mehr an den Bedürfnissen innerhalb des Systems statt an äußeren Erfordernissen. Man denke an die vielen Rücksichten, die Parteichefs auf die Lehrergewerkschaft, die Eisenbahner, die Bünde oder die Kammern nehmen, um nicht schon innerhalb ihrer eigenen Organisation unter Beschuss zu geraten. Ob solche Lösungen dann länger taugen, ist zweitrangig.

Bei diesem Stand der Dinge schwingt der Begriff der Dekadenz in der Debatte mit. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle war bisher als Einziger je nach Sichtweise mutig oder unverschämt genug, ihn auch in den Mund zu nehmen. »Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein«, warnte er vor zu viel Anspruchs- und zu geringem Leistungsdenken und lehnte eine Erhöhung der unterstützung ab. Dekadenz, so lautet eine gängige Definition des Begriffs, setzt einen früheren besseren Zustand als Norm voraus, von dem der gegenwärtige Zustand negativ abweicht.