Niko Pelinka hat also, 25 Jahre alt, »eine Karriereentscheidung« getroffen. Nun will er »Medien machen«. Das versteht der bisherige Leiter des SPÖ-»Freundeskreises« im ORF-Stiftungsrat offenbar unter der Tätigkeit eines Büroleiters in der Generaldirektion. Als solcher hat er sich nämlich – trotz anhaltender Proteste der ORF-Belegschaft – beworben. Dass eine Bewerbung für diesen Posten noch notwendig war, überraschte Pelinka wohl, immerhin hatte ihn der Generaldirektor am 23. Dezember vergangenen Jahres per Presseaussendung bereits öffentlich zu seinem engsten Mitarbeiter ernannt. Dass das ORF-Gesetz für sämtliche Stellenbesetzungen – erst recht in der hohen Gehaltsstufe 16 (von 18) – eine öffentliche Ausschreibung verlangt, wurde im Weihnachtsstress übersehen. Das Packerl sollte, so hat’s den Anschein, unbedingt noch rechtzeitig unterm Baum der SPÖ-Führung und des bisherigen »Freundeskreis«-Leiters liegen.

Nun gibt es aber dummerweise dieses ORF-Gesetz, in dem viele vernünftige Dinge stehen – etwa über die politische Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sogar die »Pflicht zur Unabhängigkeit« ist dort festgeschrieben. Weil aber Österreich eben Österreich ist, wo die »Verfassungswirklichkeit« allemal den Wortlaut der Verfassung schlägt, ist die tatsächliche Erwartung solcher Unabhängigkeit – so steht es in der vergangenen Ausgabe der ZEIT zu lesen – »bestenfalls naiv« und der Protest gegen die politische Packelei wenig verständliches »moralisierendes Geraune«.

Nun schrieb das nicht irgendwer. Anton Pelinka ist seit vier Jahrzehnten der führende Politologe des Landes, ein hellsichtiger und scharfsinniger Analytiker und, nebstbei, auch der Onkel des künftigen »Medienmachers«. Ich schätze Anton Pelinka sehr. Er war der Grund, warum ich 1985 begann, Politikwissenschaft zu studieren. Ein fantastischer Lehrer – aber auch Meister können irren. Und in diesem Fall irrt der Meister fatal – vielleicht nicht ganz frei von Schutzgefühlen gegenüber seinem Neffen (angeblich das »eigentliche Opfer« der Debatte).

Politik ist die Kunst des Möglichen und des Kompromisses, hat uns Professor Pelinka vom ersten Semester an gelehrt. Und doch gibt es den Punkt, an dem nüchterne Realpolitik und ihre Apologetik schlicht in Zynismus kippen können. »Der ORF zeigt sich als das, was er immer war und weiterhin ist: ein politisch abhängiges Massenmedium… Was ist denn neu daran, dass Personen mit eindeutiger parteipolitischer Bindung in die Führungsetage gehievt werden?«, fragt Pelinka in seinem Kommentar durchaus hämisch.

Stimmt, ganz neu ist daran wenig. Die Politiker Kurt Bergmann (ÖVP) und Andreas Rudas (SPÖ) waren etwa einmal Generalsekretäre des ORF. Schlimm genug, aber doch im vergangenen Jahrhundert. Muss man deswegen die Jobrotation zwischen Partei- und ORF-Zentrale wieder einführen? In den 1960er Jahren mussten ORF-Journalisten, die zum Ministerinterview antraten, vorab ihre Fragen schriftlich einreichen. Sollen wir auch damit wieder anfangen, nur weil es das schon mal gab? Genau diese abgeklärt-zynische Haltung des »Was regt ihr euch auf, es war doch immer so« legitimiert letztlich fast alles. Tatsächlich aber kann man Dummheiten auch unterlassen, Fehler nicht allzu häufig wiederholen und sogar problematische Strukturen verändern. Man kann zumindest dafür kämpfen.

Die Journalisten des ORF haben in den letzten Jahren ein Maß an redaktioneller Freiheit erkämpft, das es in den 26 Jahren, die ich hier arbeite, nie gab. Das ist – man muss es jedenfalls zugestehen – auch eine Errungenschaft der Ära Wrabetz. Aber Unabhängigkeit muss nicht nur vorhanden sein, die Zuseher müssen sie einem öffentlich-rechtlichen Sender auch glauben. Werden allerdings nach einer Generaldirektorwahl gleich vier Stiftungsräte – zwei rot, zwei schwarz – in zentrale Managementpositionen befördert und einer davon aus der SPÖ-Zentrale direkt in die ORF-Generaldirektion manövriert, dann wird es dem Beobachter ziemlich schwer gemacht, noch an politische Unabhängigkeit zu glauben. Das ist das symbolische Problem an der politischen Dealerei.

Aber es gibt auch ein ganz praktisches: Der Generaldirektor des ORF macht natürlich nicht die Nachrichten und sein Büroleiter schon gar nicht. Doch jeder Akt, jedes wesentliche Schriftstück wandert über den Schreibtisch des Bürochefs. Und auf seinem Computer liest er in Echtzeit mit, was im Redaktionssystem der Zeit im Bild-Sendungen und der Radionachrichten täglich geplant wird. Ein, zwei Stunden vor den Sendungen sind dort auch sämtliche Beitragstexte zu lesen. Und das auf dem Bildschirm eines jungen Mannes, der wenige Tage zuvor noch der ORF-Beauftragte einer Regierungspartei war? Auch wenn ORF-Chef Wrabetz befindet, »die große Machtposition« sei »das ganz sicher nicht«, so würde doch keine einzige Redaktion dieses Landes ihre Themenplanung oder gar ihre fertigen Texte vor der Ausstrahlung oder dem Andruck einem der engsten Vertrauten einer Partei-Geschäftsführerin vorlegen.