Irak-Vize al-Haschimi"Das war ein Schlag Teherans"

Der irakische Vizepräsident Tarik al-Haschimi wird von der eigenen Regierung des Terrorismus beschuldigt. Er sieht sich als Opfer eines größeren Machtkampfs. von 

Iraks Vizepräsident Tarik al-Haschimi

Iraks Vizepräsident Tarik al-Haschimi  |  © Ulrich Ladurner

DIE ZEIT: Herr Haschimi, Sie haben immer gesagt, nach dem Abzug der US-Truppen würde sich die Lage im Irak beruhigen. Kaum sind die amerikanischen Soldaten weg, hat Premierminister Al-Maliki Sie des Terrorismus bezichtigt und damit eine schwere politische Krise ausgelöst . Haben Sie sich verrechnet?

Tarik al-Haschimi: Nein, auf keinen Fall. Ich habe nie erwartet, dass die Amerikaner mich schützen. Ich bin ein Patriot und Nationalist. Ich will, dass der Irak ein souveräner Staat bleibt. Der Abzug hätte viel früher kommen müssen.

Anzeige

ZEIT: Aber nun will man Sie anklagen, Sie haben Bagdad Hals über Kopf verlassen. Wir treffen Sie in Suleimanija, wo sie unter dem Schutz der autonomen Regierung Kurdistans leben. Das klingt nach einem gespaltenen Staat.

Al-Haschimi: Wir befinden uns in einer sehr kritischen Situation. Die Stabilität des Landes ist bedroht. Was mich betrifft: Die Krise ist von meinem politischen Rivalen Nuri al-Maliki provoziert worden. Die Anschuldigungen sind politisch motiviert – nichts davon ist wahr. Es ist eine konstruierte Anklage.

ZEIT: Drei Ihrer Leibwächter haben im Fernsehen behauptet, sie hätten zwischen 2009 und 2011 neun Bomben- und Mordanschläge in Ihrem Auftrag verübt.

Al-Haschimi: Die sind unter Druck gesetzt worden...

ZEIT: Sie meinen, sie sind gefoltert worden?

Al-Haschimi: Davon bin ich überzeugt. Das können nur erpresste Stellungnahmen sein. Ich bin mir sicher, dass ein faires Gericht mich sofort freisprechen würde.

ZEIT: Würden Sie für einen Prozess nach Bagdad zurückkehren?

Al-Haschimi: Nein, nicht nach Bagdad, weil ich nicht glaube, dass ich da ein faires Verfahren erwarten kann. Ich könnte das Land verlassen, wenn ich das wollte. Ich werde das aber nicht tun. Ich bin immer in meiner Heimat geblieben, auch in den schwierigsten Zeiten. Ich will meinen Fall von Bagdad nach Kirkuk verlegen lassen. Als Angeklagter habe ich laut Gesetz die Möglichkeit, dies zu fordern. In Kirkuk kann ich ein faires Verfahren erwarten. Dort könnte ich mich auch sicher fühlen.

ZEIT: Sie fürchten um Ihr Leben für den Fall, dass Sie sich in Bagdad dem Gericht stellen?

Al-Haschimi:Premierminister Al-Maliki hat meine Leibwache aufgelöst. Wie soll ich nach Bagdad zurückkehren? Wer wird mich schützen? Ich hatte eine schwer bewaffnete Eskorte. Die gibt es nicht mehr.

ZEIT: Wenn die Regierung Ihnen aber Sicherheitsgarantien gäbe?

Al-Haschimi: Ich vertraue ihr überhaupt nicht.

ZEIT: Sie vertrauen Premier Al-Maliki nicht oder der gesamten Regierung?

Al-Haschimi: Nein, das Problem liegt bei Al-Maliki. Er kann keine Kritik ertragen. Er konnte mein Engagement für die Menschenrechte nicht tolerieren. Er konnte meine Kritik an den sozialen Missständen und der Korruption im Lande nicht hören. Dieser Mann ist nicht in der Lage, mit einer echten Opposition zu leben.

Leserkommentare
  1. "Entweder bauen wir eine Demokratie auf, oder wir gehen in Richtung Autokratie. Und die birgt das Risiko des Zerfalls. Die kurdische Führung hat offen gesagt: Wenn Bagdad seine Politik nicht ändert, wird sie andere Möglichkeiten ins Auge fassen."
    Leider ist eher das Gegenteil der Fall, nämlich dass nur eine extrem autokratische Regierung mit Waffengewalt den Zerfall des Irak verhindern könnte. So hat es Saddam gemacht, so haben es die Amis gemacht, und jede Regierung wird es ebenso tun müssen. Genau so war es ja auch 2003 prognostiziert worden. Die Drohung der Kurden zeigt, dass die ihr eigenes Ding machen wollen und es über kurz oder lang zu einem unabhängigen Kurdenstaat kommen wird.
    Fazit: "Nation Building" hat auf ganzer Linie versagt. Der Irak bräuchte heute wieder einen Saddam, um das ganz grosse Chaos zu verhindern. Weil aber weder Maliki noch Haschimi die richtigen Typen dafür sind, wird wohl leider letzteres eintreten. Ähnlich sieht es übrigens an allen anderen Zielorten der US-amerikanischen Friedensnobelpreisinitiativen der letzten Jahre aus. Verhindern wir, dass sich das Spiel in Syrien und im Iran wiederholt!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...stimmt. Aber man sollte eher über Lösungen nachdenken, als den Teufel an die Wand zu malen. So könnte man z.B. an das Vorbild Schweiz denken, in der unterschiedliche Volksgruppen und Konfessionen friedlich zusammenleben. Oder an das Südtiroler Paket, durch das die deutsche Volksgruppe weitgehende Autonomie gewonnen hat, und Frieden geschaffen wurde...
    Über die Amerikaner wunderte ich mich im Irakkrieg sehr. Die erste Handlung war ja der versuchte Mord an Saddam Hussein mit irgendeinem Raketenangriff oder Marschflugkörper. Das hat zwar nicht geklappt, war aber trotzdem extrem unmoralisch und vor allem dumm! Mit wem soll man den über Frieden verhandeln, wenn zuerst bildlich gesehen der Regierung der Kopf abgeschlagen wird. Unter diesen Vorzeichen kam es dann zu keinen Verhandlungen, keinem Friedensvetrag.
    Die alten Sicherheitskräfte, die vielleicht zum Teil verbrecherisch waren wurden einfach aufgelöst, dabei hätten gerade sie im Land für Ordnug sorgen können. Später hätten die Iraker selbst bei Bedarg die an Saddams Verbrechen beteiligten ja Mitglieder der Sicherheitskräfe suchen und bestrafen können.
    Z.B. in Tunesien wurden an Folter usw. beteiligte Sicherheitskräfte z.T. sogar nur degradiert, z.B. zu einfachen Streifenpolizisten.
    Zurück zum Irak: Ohne funktionierende Regierung, ohne Sicherheitskräfte, ohne Friedensvertrg musste es ja zu einem solchen Chaos kommen. Die Briten mit hunderten Jahren an Erfahrung als Kolonialmacht hätten das sicherlich besser gemacht.

  2. ...stimmt. Aber man sollte eher über Lösungen nachdenken, als den Teufel an die Wand zu malen. So könnte man z.B. an das Vorbild Schweiz denken, in der unterschiedliche Volksgruppen und Konfessionen friedlich zusammenleben. Oder an das Südtiroler Paket, durch das die deutsche Volksgruppe weitgehende Autonomie gewonnen hat, und Frieden geschaffen wurde...
    Über die Amerikaner wunderte ich mich im Irakkrieg sehr. Die erste Handlung war ja der versuchte Mord an Saddam Hussein mit irgendeinem Raketenangriff oder Marschflugkörper. Das hat zwar nicht geklappt, war aber trotzdem extrem unmoralisch und vor allem dumm! Mit wem soll man den über Frieden verhandeln, wenn zuerst bildlich gesehen der Regierung der Kopf abgeschlagen wird. Unter diesen Vorzeichen kam es dann zu keinen Verhandlungen, keinem Friedensvetrag.
    Die alten Sicherheitskräfte, die vielleicht zum Teil verbrecherisch waren wurden einfach aufgelöst, dabei hätten gerade sie im Land für Ordnug sorgen können. Später hätten die Iraker selbst bei Bedarg die an Saddams Verbrechen beteiligten ja Mitglieder der Sicherheitskräfe suchen und bestrafen können.
    Z.B. in Tunesien wurden an Folter usw. beteiligte Sicherheitskräfte z.T. sogar nur degradiert, z.B. zu einfachen Streifenpolizisten.
    Zurück zum Irak: Ohne funktionierende Regierung, ohne Sicherheitskräfte, ohne Friedensvertrg musste es ja zu einem solchen Chaos kommen. Die Briten mit hunderten Jahren an Erfahrung als Kolonialmacht hätten das sicherlich besser gemacht.

    Antwort auf "Zerfall des Irak"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sicher sollte man über Lösungen nachdenken. Nur leider verfolgen die Amerikaner immer genau die Lösung, welche aus geopolitischen und strategischen Gründen für sie am sinnvollsten ist. Das sollen sie ruhig tun. Nur wenn sie einen extrem instabilen Irak verlassen, mit ihren Flugzeugträgern um die nächsten Ecke biegen, um angeblich aus genau denselben Gründen den nächsten Krieg vom Zaun zu brechen, dann kann man gar nicht genug auf das Scheitern hinweisen. Funktioniert nicht! Leider fehlt es am Verständnis für eine irakische Nation, das ist ja das Problem. Dies wurde mit Saddam beerdigt, ebenso wie es mit Gadhafi in Libyen beerdigt wurde und vielleicht bald auch in Syrien beerdigt wird. Haschimi und Maliki sind vielleicht noch Vertreter dieser Idee, aber der Kampf der letzten Tage lässt nichts Gutes erahnen. Man beschuldigt sich gegenseitig, nur die Interessen der eigenen Klientel im Sinn zu haben. Die USA haben mit den kurdischen Autonomiegebieten ausserdem schon einen Grundstein für den Zerfall gelegt. Jede Lösung müsste eh von den Irakern selbst kommen, und wie in diesem Interview deutlich wird, haben sie keine.

    • FLH80
    • 09. September 2012 20:40 Uhr

    Wieso versagt!
    Wer sagt denn, dass die wirklich so dumm sind?
    Vielleicht lassen sie uns nur denken, das sei alles so nicht gewollt...
    Es klingt vielleicht nach Verschwörungstheorie - aber die Abläufe sind doch erschreckend konsistent: alle Staaten in ihre Einzelteile zerlegen, sie unregierbar machen, dann haben sie keinerlei Potential, die hegemonialen Bestrebungen der USA und ihrer Vasallen zu durchkreuze.
    Der Schah, Saddam, Assad und alle anderen (irgendwann auch die Saudis und die Türken, wenn wir sie weiter aufrüsten und sie nicht gut aufpassen) werden den Amis irgendwann zu selbstbewusst - und dann werden ihre Staaten eben zerlegt.
    Divide et impera - wussten schon die alten Römer.
    Warum soll das ein Scheitern sein?

  3. Sicher sollte man über Lösungen nachdenken. Nur leider verfolgen die Amerikaner immer genau die Lösung, welche aus geopolitischen und strategischen Gründen für sie am sinnvollsten ist. Das sollen sie ruhig tun. Nur wenn sie einen extrem instabilen Irak verlassen, mit ihren Flugzeugträgern um die nächsten Ecke biegen, um angeblich aus genau denselben Gründen den nächsten Krieg vom Zaun zu brechen, dann kann man gar nicht genug auf das Scheitern hinweisen. Funktioniert nicht! Leider fehlt es am Verständnis für eine irakische Nation, das ist ja das Problem. Dies wurde mit Saddam beerdigt, ebenso wie es mit Gadhafi in Libyen beerdigt wurde und vielleicht bald auch in Syrien beerdigt wird. Haschimi und Maliki sind vielleicht noch Vertreter dieser Idee, aber der Kampf der letzten Tage lässt nichts Gutes erahnen. Man beschuldigt sich gegenseitig, nur die Interessen der eigenen Klientel im Sinn zu haben. Die USA haben mit den kurdischen Autonomiegebieten ausserdem schon einen Grundstein für den Zerfall gelegt. Jede Lösung müsste eh von den Irakern selbst kommen, und wie in diesem Interview deutlich wird, haben sie keine.

    Antwort auf "Amerikaner versagt..."
  4. Gekaufte und eingesetzte Politiker beherrschen natürlich nun den Irak. Keine Nation setzt Ressourcen auf Spiel, um ein Land zu erobern, und gibt dann die Kontrolle fahrlässig aus der Hand.

    Natürlich wird nun aus allen Ländern dieser Region, welche US dominiert sind, mit dem Finger auf den Iran gezeigt. Die Propaganda läuft auch bei uns schon auf vollen Touren, um uns den Iran/Syrien als Schurkenstaaten zu verkaufen, welche alsbald zum Wohle der Menschheit bombardiert werden sollen.

    Die Araber, die Perser und sonstige Völker dieser Region, sollten sich schnelligst aufmachen sich gegenseitig zu stärken, sonst werden diese nacheinander wie reife Datteln gepflückt.

  5. 1. Al-Maliki war 2003 bis 2004 Mitglied der von der US-Besatzung initiierten Kommission zur Entbaathifizierung und ist somit eher durch die USA zur Macht gekommen als durch den Iran.

    2. Der interviewte war (ist?)gehobenes Mitglied der Baathpartei womit er automatisch auch zum Ziel von Al-Maliki wurde. Hat also wieder nichts mit dem Iran zu tun.

    Es ist schon traurig. Nur weil die kriegsgeile USA die Propaganda vorgibt wird in deutschen Medien alles mögliche dem Iran in die Schuhe geschoben. Traurig, und auch erbärmlich.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • marxo
    • 13. Januar 2012 10:15 Uhr

    das kann natürlich nur eine Projektion eines "friedensgeilen" Deutschen sein, der des lieben Friedens willen Genoziden und Terror zusieht, im Fernsehen, versteht sich. Man will ja keine Blutspritzer abbekommen.

    Die USA haben ein Interesse an Demokratien im nahen Osten entwickelt, das ist ein schöner Zug im Vergleich zur Epoche der Putsche in Südamerika. Deutschland hat damals wie heute immer nur eines getan: von jeder Lage profitiert, nie riskiert und dauernd den moralischen Rand sowas von offen...

    • marxo
    • 13. Januar 2012 10:15 Uhr

    das kann natürlich nur eine Projektion eines "friedensgeilen" Deutschen sein, der des lieben Friedens willen Genoziden und Terror zusieht, im Fernsehen, versteht sich. Man will ja keine Blutspritzer abbekommen.

    Die USA haben ein Interesse an Demokratien im nahen Osten entwickelt, das ist ein schöner Zug im Vergleich zur Epoche der Putsche in Südamerika. Deutschland hat damals wie heute immer nur eines getan: von jeder Lage profitiert, nie riskiert und dauernd den moralischen Rand sowas von offen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das einzige was die USA machen ist nicht kontrollierbare Konkurrenten auszuschalten. Und zwar wirtschaftliche Konkurrenten. Denn der Dollar soll immer für Rohstoffe das Weltzahlungsmitel sein. Denn ist er das nicht mehr, dann verpufft die wirtschaftliche und auch militärische Macht der USA. Und um mehr geht es nicht. Hat mit Demokratie, Menschenrechten ect. absolut nichts zu tun.

  6. Das einzige was die USA machen ist nicht kontrollierbare Konkurrenten auszuschalten. Und zwar wirtschaftliche Konkurrenten. Denn der Dollar soll immer für Rohstoffe das Weltzahlungsmitel sein. Denn ist er das nicht mehr, dann verpufft die wirtschaftliche und auch militärische Macht der USA. Und um mehr geht es nicht. Hat mit Demokratie, Menschenrechten ect. absolut nichts zu tun.

    Antwort auf ""kriegsgeil""
    • FLH80
    • 09. September 2012 20:40 Uhr
    8. Wieso?

    Wieso versagt!
    Wer sagt denn, dass die wirklich so dumm sind?
    Vielleicht lassen sie uns nur denken, das sei alles so nicht gewollt...
    Es klingt vielleicht nach Verschwörungstheorie - aber die Abläufe sind doch erschreckend konsistent: alle Staaten in ihre Einzelteile zerlegen, sie unregierbar machen, dann haben sie keinerlei Potential, die hegemonialen Bestrebungen der USA und ihrer Vasallen zu durchkreuze.
    Der Schah, Saddam, Assad und alle anderen (irgendwann auch die Saudis und die Türken, wenn wir sie weiter aufrüsten und sie nicht gut aufpassen) werden den Amis irgendwann zu selbstbewusst - und dann werden ihre Staaten eben zerlegt.
    Divide et impera - wussten schon die alten Römer.
    Warum soll das ein Scheitern sein?

    Antwort auf "Amerikaner versagt..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service