GrundlagenforschungDie Saat des Vergessens

Kann Alzheimer von infektiösen Eiweißmolekülen ausgelöst werden, so wie auch der Rinderwahn? Tierversuche nähren diesen Verdacht. Sollte er zutreffen, wären die Folgen für unser Gesundheitssystem massiv. von 

Dunst verbarg den Gipfel. Unter dem Massiv der Zugspitze trieben Mitte Oktober Regenschleier über den Eibsee. Für das traditionelle Treffen der Alzheimerforscher im Hotel am Seeufer gab die bayerische Bergwelt eine perfekte Szenerie ab: Die Zunft stochert im Nebel.

Kurz zuvor hatte Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr den Medizinern mitgeteilt, bei der Behandlung der unheimlichen Alzheimer-Demenz seien keinerlei Fortschritte erkennbar. Den FDP-Mann setzt der Stillstand unter Druck, schließlich ist die Hirnerkrankung der größte Kostentreiber in der Pflegeversicherung . Derzeit sind rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland betroffen. Medikamente können den geistigen Verfall der Patienten anfangs zwar ein wenig bremsen, den fortschreitenden Verlust von Gedächtnis und Persönlichkeit im Spätstadium aber nicht mehr verzögern. Bislang lässt sich das Neuronensterben im Hirn durch kein Mittel stoppen.

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Und nicht nur der therapeutische Notstand bereitet den Fachleuten Sorge. Auch das Geschehen in der Grundlagenforschung verfolgt die Szene mit höchst gemischten Gefühlen – aus den Labors kommen brisante Befunde. Sollten sich die Ergebnisse erhärten, wären drastische Folgen für die öffentliche Gesundheitsvorsorge zu erwarten.

Alzheimer, so zeichnet sich ab, wird offenbar durch eine infektiöse Spezies von Eiweißen ausgelöst und vorangetrieben. Womöglich sind diese ungewöhnlichen Erreger übertragbar, ganz ähnlich wie die Prionen. Diese haben bei Rindern BSE und Scrapie bei Schafen ausgelöst; Menschen mit der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zerfressen sie das Gehirn.

Ist das Alzheimerleiden auch eine dieser gefürchteten Prion-Krankheiten? Auf Fachkonferenzen regte sich Unbehagen über das gängige Erklärungsmodell. Dass die Flut von Demenzfällen allein der Vergreisung der Bevölkerung anzulasten ist, wird von Experten zunehmend bezweifelt. Inzwischen kreisen die Debatten nahezu ausschließlich um die Frage, ob tatsächlich infektiöse Proteine die Saat des Hirnleidens darstellen.

Eiweißmoleküle

Alle Eiweißmoleküle bestehen aus einer Kette von Aminosäuren. Diese faltet sich in eine bevorzugte räumliche Form. Manche Proteine können aber eine gefährliche abnorme Gestalt annehmen. Solche »korrumpierten« Proteine zwingen in einer Kettenreaktion ihresgleichen in die toxische Form und verursachen degenerative Erkrankungen. Mehr als zwanzig dieser Proteopathien sind bekannt, oft ist das Nervensystem betroffen.

Hirnschwammerkrankungen

Stets tödlich wirken übertragbare Hirnschwammerkrankungen . Diese werden von Prion-Proteinen (PrP) ausgelöst. Beim Menschen zählt Kuru dazu, die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD) oder die Fatale Familiäre Insomnie. Bei Tieren ist es die Scrapie unter Schafen, BSE bei Rindern und das Chronic Wasting Syndrome bei Elchen und Rentieren. Andere menschliche Proteopathien sollen nicht übertragbar sein: Dazu zählen die lähmende Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) oder die Huntington-Krankheit.

Alpha-Synuclein

Neben dem Amyloid-β bei Alzheimer steht bei Parkinsonkranken das α-Synuclein im Fokus. Diese als prionähnlich bezeichneten Proteine gelten als verdächtig, weil sie experimentell auf Versuchstiere übertragbar sind. Auch bei Parkinson wird die Hypothese intensiv untersucht. Man beobachtet eine Übertragung und Ausbreitung typischer Hirnschäden bei Mäusen, denen Hirngewebe oder Hirnextrakt von Patienten übertragen wurde. Und fötales Hirngewebe wird nach einer Transplantation in Parkinsonpatienten von α-Synucleinaggregaten durchsetzt. Ein Bild wie bei einer Infektion.

Bislang beruht die Besorgnis der Forscher nur auf Resultaten aus Tierversuchen. Bei Infektionstests beobachten Wissenschaftler in amerikanischen und deutschen Labors immer wieder ein verstörendes Drama: Sobald sie gentechnisch erzeugten Mäusen ein Extrakt aus dem Hirngewebe verstorbener Alzheimerpatienten spritzen, startet unter der Schädeldecke der Tiere ein Zerstörungswerk. Dabei bietet sich ein Bild, das die Forscher aus Untersuchungen von Alzheimerpatienten allzu gut kennen: Die geschrumpfte Hirnmasse ist durchsetzt mit Eiweißablagerungen, sogenannten Protein-Plaques aus verklumpten Amyloid-β-Molekülen. In sterbenden Nervenzellen finden sich zudem typische dünne Fasern, Fibrillen aus Tau-Proteinen.

Inzwischen liegt so viel Belastungsmaterial vor, dass die Infektionsfrage im vergangenen Jahr zum zentralen Thema der Alzheimerforschung aufgestiegen ist: »Werden neurodegenerative Krankheiten durch ein infektiöses Agens zwischen Menschen übertragen?«, sorgte sich das Fachblatt Science schon im November 2010.

Leserkommentare
    • Gerry10
    • 16. Januar 2012 10:14 Uhr

    ...Blut/Blutprodukte/Bluttransfer an Alzheimer erkranken?
    Mir scheint die Zahl sehr hoch auch wenn relativ viel Zeit vergeht bis sich Symptome zeigen.
    Mich als Fleischfresser, würde die Prozentzahl der an Alzheimer leidenden Veganer wirklich interessieren.
    Natürlich ist nichts bewiesen und alles noch Spekulation aber nach Ockhams Rasiermesser scheint mir der gestiegene Fleischkonsum die einfachste Antwort - auch wenn es wie gesagt Spekulation ist.
    Man darf gespannt sein...

  1. für die öffentliche Gesundheitsvorsorge zu erwarten"
    Da könnte ja wohl sein.
    Es gibt eine (leider kleine) Zahl von Medizinern, die zur Überzeugung gekommen sind, dass eine wachsende Anzahl von Krankheiten zurückzuführen ist auf die Giftstoffe und Krankheitserreger, die wir mit unserer Nahrung, mit unserem Trinkwasser und durch die Atemluft aufnehmen, oder mit unserer Kleidung.
    Leider gibt es nur sehr wenige Umweltmediziner, die diese Bezeichnung auch verdienen. Und das hat selbstverständlich System. Das System heißt Bequemlichkeit, Korruption und Vetternwirtschaft.
    Gerade bei Alzheimer sollten alle potentiellen Ursachen - auch und gerade die umweltmedizinischen - gründlich untersucht werden. Wie ist es denn zum Beispiel mit den Folgen der Massentierhaltung? Was (fr)essen wir da alles?
    Bleibt zu hoffen, dass die Forschungsinstitute noch nicht alle so korrupt ("gesponsert" durch Unternehmen) sind, dass sie ihre Arbeit richtig machen.
    Und Vorsicht vor allen "Erklärungen" die harmlos sind, die keinem schaden beim Abzocken und beim "Genießen".

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    Meine Großmutter hatte 11 Geschwister, die ausnahmslos ein Alter von 97 bis 102 Jahre erreichten. Keiner meiner Großonkel und keine meiner Großtanten war trotz des hohen Alters an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz erkrankt.

    Sie waren sogar geistig noch sehr rege bis zu ihrem Tod.

    Dahingegen kenne ich in der nachfolgenden Generation in meinem Bekanntenkreis und bei Verwandten mehrere Fälle von Alzheimer: zwei meiner Tanten, die Eltern von Freunden, meine Schwiegermuttter etc.

    Fast in jeder Familie gibt es einen Fall von Alzheimer. Schon merkwürdig !

    Ja, wenn es doch von der Lobby unabhängige Forscher gäbe, die unsere von der Industrie aufoktroyierte Lebensweise mit allem möglichen Zeugs in Nahrung, Kleidung, Baustoffen, Gebrauchsgütern und Medikamenten einmal mutig unter die Lupe nähmen.

    Die würden aber wahrscheinlich gefährlich leben.

    ja, und was nehmen wir über die anderen Körperflüssigkeiten aus der Massentierhaltung auf? Die Gülle zum Beispiel?

    • topal
    • 16. Januar 2012 11:11 Uhr

    so lange das Paradigma, nachdem Materie das Primat sei, nicht als falsch erkannt wird, stochert man weiter im Nebel der Erscheinungen...:-) das bedeutet allerdings nicht, dass man die materialen Vorgänge nicht erforschen sollte..... aber die Kausalketten werden auf Grundlage dieses Paradigmas immer in die Irre führen.
    Leider kennen "unsere" "Natur"Wissenschaften den Begriff Geist nicht. Subjekt gibt es auch nicht. Nur Objekte im Raum, die beobachtet werden - das ist alles. Himmel! wie will man so Realität abbilden!!

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    was Sie da schreiben.
    Wenn wir schon so argumentieren wollen, so nehmen Sie einfach mal an , dass Geist und Materie zwei Seiten derselben Medaille sind.
    Oder was möchten Sie sagen? Dass Meditation gegen Alzheimer hilft? Oder dass Meditation den Fleischkonsum verringert? Oder...?

    • TomFynn
    • 16. Januar 2012 13:52 Uhr

    dass irgendwas in Ihrem Kommentar in irgendeiner Form Realität abbildet.

    Und was Paradigmen angeht: http://www.flickr.com/pho...

  2. was Sie da schreiben.
    Wenn wir schon so argumentieren wollen, so nehmen Sie einfach mal an , dass Geist und Materie zwei Seiten derselben Medaille sind.
    Oder was möchten Sie sagen? Dass Meditation gegen Alzheimer hilft? Oder dass Meditation den Fleischkonsum verringert? Oder...?

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "falsches Paradigma"
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    Auch wenn´s ausgenudelt klingt: eine ganzheitliche Betrachtung der Dinge ist anstrengend, aber sie lohnt sich. Das wissen die meisten Naturwissenschaftler auch. Die Zeiten sind vobei in denen man sich ausschließlich um die Materie kümmert und daraus ein stimmiges Bild der Realität erwartet. Ich gehöre einer jungen Generation an die sich bei der Formulierung von Forschungsideen bereits die Zusammennennung von Natur- und Geistesangelegenheiten erlaubt. Das ist sehr aufwändig, aber nur dann wirklich anstrengend wenn man auf sich am Paradigma einer absoluten Objektivität festklammernde Gegenüber stößt. Ich habe großen Respekt vor den bisherigen Erkenntnissen der Alzheimer-Forschung, weiss aber auch dass es ohne wirklich neue Wege kein Vorankommen gibt. Wenn man bei den Wissenschaften als Wissensgeber bleiben will müssen die Wissenschaften ernsthaft anfangen gemeinsame Sache machen, das Wort "esoterisch" ist dabei völlig uninteressant.

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    kann natürlich bei entsprechend ungünstigen Lebensumständen zum Tragen kommen.
    Vielleicht ist es auch eine Frage der Genschalter, die ja bekanntlich stark von der Lebensweise beeinflusst werden.

  4. Meine Großmutter hatte 11 Geschwister, die ausnahmslos ein Alter von 97 bis 102 Jahre erreichten. Keiner meiner Großonkel und keine meiner Großtanten war trotz des hohen Alters an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz erkrankt.

    Sie waren sogar geistig noch sehr rege bis zu ihrem Tod.

    Dahingegen kenne ich in der nachfolgenden Generation in meinem Bekanntenkreis und bei Verwandten mehrere Fälle von Alzheimer: zwei meiner Tanten, die Eltern von Freunden, meine Schwiegermuttter etc.

    Fast in jeder Familie gibt es einen Fall von Alzheimer. Schon merkwürdig !

    Ja, wenn es doch von der Lobby unabhängige Forscher gäbe, die unsere von der Industrie aufoktroyierte Lebensweise mit allem möglichen Zeugs in Nahrung, Kleidung, Baustoffen, Gebrauchsgütern und Medikamenten einmal mutig unter die Lupe nähmen.

    Die würden aber wahrscheinlich gefährlich leben.

  5. kann natürlich bei entsprechend ungünstigen Lebensumständen zum Tragen kommen.
    Vielleicht ist es auch eine Frage der Genschalter, die ja bekanntlich stark von der Lebensweise beeinflusst werden.

    • Fuji
    • 16. Januar 2012 12:31 Uhr

    ... im Hinblick auf die Bedenken bezüglich der Blutspenden, dass in Deutschland zunehmend die Blutkonserven von mehreren Spendern vermischt werden.

    Aus Kostengründen!

    In vielen anderen industrialisierten Ländern wie z.B. die USA ist diese Praxis schon wieder im Rückgang befindlich - gerade aus der Überlegung heraus, dass bislang unbekannte mittels Transfusionen übertragbare Krankheiten so nicht noch zusätzlich verbreitet werden.

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