HochschulreformSpäter Erfolg

Die Juniorprofessur beweist, dass Reformen ihre Zeit brauchen von 

Wie oft ist die Juniorprofessur zu Grabe getragen worden? Ohne Habilitation Professor werden – für traditionelle Hochschullehrer war die 2002 von der damaligen Bildungsministerin Edelgard Bulmahn ( SPD ) eingeführte Abkürzung fast schon eine Beleidigung. Eine »McDonaldisierung« der akademischen Laufbahn sei sie, schimpften manche – und weigerten sich, die Professur an ihrem Fachbereich einzurichten. Das Ergebnis: Statt der angepeilten 6.000 Stellen waren nach zwei Jahren gerade einmal 800 entstanden. Umso mehr erstaunt jetzt die Erfolgsgeschichte, die sich mit fast einem Jahrzehnt Verspätung abzeichnet: ein Stellenwachstum um 24 Prozent innerhalb eines Jahres, mehr als 1.200 Juniorprofessuren insgesamt – und Hochschulen, die von dem »innovativen Instrument flexibler Nachwuchsförderung« schwärmen. In Zeiten von Exzellenzinitiative, Kurzzeitverträgen und einer Rekordzahl von Postdocs werden die Vorzüge des Juniorprofs offensichtlich.

Welche Schlussfolgerung lässt sich daraus ziehen? Dass manche Modelle, so durchdacht sie sein mögen, zu früh kommen und Antworten auf Fragen geben, die sich erst in der Zukunft stellen. Oder auch, dass Neues einfach Zeit braucht, um sich gegen das weitverbreitete Misstrauen gegenüber Veränderungen durchsetzen zu können. Natürlich bedeutet das nicht, dass jede neue Sau, die durch das deutsche Bildungsdorf gejagt wird, sich am Ende als eine gute erweist. Aber es bedeutet, dass man neue Ideen und Konzepte nicht nach dem Hü-hott-Prinzip einführen und beim ersten Gegenwind wieder abschaffen sollte. Der Vorwurf des Reformwahnsinns an Schulen und Hochschulen beruht ja auch darauf, dass manche Neuerung schon wieder abgeschafft oder verändert wird, bevor man sich an sie hätte gewöhnen können – weil es irgendein Politiker oder Hochschulrektor angesichts von Kritik mit der Angst zu tun bekommen hat.

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Ein aktuelles Beispiel dürfte das Deutschland-Stipendium sein, mit dem die Bundesregierung die Studienfinanzierung revolutionieren wollte. Halb vom Staat gestiftet, halb von privaten Spendern und eingeworben von den Hochschulen. Doch statt der angepeilten 10.000 Stipendien sind im ersten Jahr nur 5.500 entstanden . Ein Grund, das Ganze zum Misserfolg zu erklären und abzublasen? Wohl eher, ihm ein paar Jahre Zeit zu geben. Vielleicht wird es ja zur Überraschung aller Skeptiker doch noch ein Erfolg.

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Leserkommentare
  1. Hier wird mit einer quantitaiven, statistischen Zahl irgendein Erfolg belegt. Und das in einer Wirtschaftskrise, wo manche Akademiker auch an der Supermarktkasse jobben (müssen).

    Die Nutzen der Juniorproffesur lässt sich erst mit der wissenschaftlichen Qualität belegen. Dort sieht es leider düster aus. Ebenso wie mit dem Bachelor und anderen "Reformen" die ihren Sinn darin sehen, Bildung zuverbilligisieren und der Industie Schnelljobber vorzuwerfen.

    9 Leserempfehlungen
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    • orlum
    • 14. Januar 2012 14:20 Uhr

    für die Qualität des quantitativen Wachstums wären in der Tat wünschenswert!

    Die reine Zahl sagt darüber nichts aus - bitte Sorgfalt bei solch wichtigen Themen walten lassen!

    • orlum
    • 14. Januar 2012 14:20 Uhr

    für die Qualität des quantitativen Wachstums wären in der Tat wünschenswert!

    Die reine Zahl sagt darüber nichts aus - bitte Sorgfalt bei solch wichtigen Themen walten lassen!

    2 Leserempfehlungen
    • Kriton
    • 14. Januar 2012 14:30 Uhr

    Natürlich schwärmen manche Rektoren, die auf diese Weise einen ehemaligen Lehrstuhl nun als wesentlich kostengünstigere Juniorprofessur weiterlaufen lassen können v.a. in Fächern, aus denen sie Geld saugen wollen für ihre "Exellenz"-Bewerbungen. Damit kann dann ein Fach, dass früher 2 Lehrstühle mit je 2 Assi-Stellen hatte, durch einen Lehrstuhl mit einer halben Stelle und 2 Juniorprofessuren besetzt werden. Man spart sich unbefristete Ratsstellen und kann nach 6 Jahren Juniorprofessur immer noch entscheiden, das Fach einzustampfen.
    Das Schwärmen an den Instituten und v.a. unter den Juniorprofs hält sich aber in Grenzen. Ihnen wird auf diese Weise nur Geld entzogen. Die Ursprungsidee, dass JP mit Tenure Track eine Chance für hochqualifizierten Nachwuchs bedeuten, schon vor 40+ einen längerfristigen Arbeits- und Wohnort zu haben und entsprechend auch (z.B. Familie) planen zu können, der ist von (hochschul)politischer Seite vollkommen verdrängt worden.
    Geändert hat sich gegenüber den bisherigen Quali-Stellen nur, dass es mehr Lehr- und Prüfungsverpflichtungen gibt und keinen Forschungszusammenhang und Austausch am Lehrstuhl mehr. Für die Wissenschaft ist es kein Erfolgsrezept!

    7 Leserempfehlungen
    • mickz
    • 14. Januar 2012 15:21 Uhr

    "Ohne Habilitation Professor werden – für traditionelle Hochschullehrer war die 2002 von der damaligen Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) eingeführte Abkürzung fast schon eine Beleidigung."

    Sie implizieren, dass Juniorprofessoren nicht mehr habilitiert sind. Dazu würde ich gern erst einmal Zahlen sehen - ich bin mir recht sicher, dass die überwiegende Zahlen der Juniorprofessoren noch immer ihre Habilitation abgeschlossen haben.

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    • Kriton
    • 14. Januar 2012 15:46 Uhr

    JP sind parallele Stellen zur Stelle vor der richtigen Professur. Es war ursprünglich so gedacht, dass man nach 6 Jahren 'Bewährungszeit' einen nahtlosen Übergang zur Professur hat ohne Habil. Stattdessen haben JPs jetzt die gleiche Situation wie andere Quali-Stellen: Sie müssen entweder habilitieren oder "Habilitationsäuivalenz" aufweisen können (also entsprechende Veröffentlichungen), was sich im Aufwand nicht viel nimmt, sondern mehr eine Typfrage ist. Ohne entsprechende Qualifikation kommt man aber auch von einer Juniorprofessur (ohne Tenure - und das ist der Regelfall) nicht in eine unbefristete Professur. Allerdings werden diese Qualifikationen eben unter erschwerten Bedingungen gegenüber vergleichbaren Stellen erworben. Und die Phase zwischen den 6 Jahren JP und der Professur wird - wie bei anderen auch - i.d.R. durch Vertretungen und Arbeitslosigkeit gefüllt.

    • Kriton
    • 14. Januar 2012 15:46 Uhr

    JP sind parallele Stellen zur Stelle vor der richtigen Professur. Es war ursprünglich so gedacht, dass man nach 6 Jahren 'Bewährungszeit' einen nahtlosen Übergang zur Professur hat ohne Habil. Stattdessen haben JPs jetzt die gleiche Situation wie andere Quali-Stellen: Sie müssen entweder habilitieren oder "Habilitationsäuivalenz" aufweisen können (also entsprechende Veröffentlichungen), was sich im Aufwand nicht viel nimmt, sondern mehr eine Typfrage ist. Ohne entsprechende Qualifikation kommt man aber auch von einer Juniorprofessur (ohne Tenure - und das ist der Regelfall) nicht in eine unbefristete Professur. Allerdings werden diese Qualifikationen eben unter erschwerten Bedingungen gegenüber vergleichbaren Stellen erworben. Und die Phase zwischen den 6 Jahren JP und der Professur wird - wie bei anderen auch - i.d.R. durch Vertretungen und Arbeitslosigkeit gefüllt.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Habilitation"
    • ludna
    • 14. Januar 2012 15:55 Uhr

    Eine Juniorprofstelle ist billiger für die Unis als ein PostDoc, da Beamter auf Zeit. Durch die Pseudoautonomie der Unis haben diese im Laufe der Zeit diese Vorzüge (für die Unis+Bundesland) erkannt.
    Ernst genommen werden die Juniorprof in den Gremien auch nicht, sie bekommen nur die ganz Arbeit ab. Nach 6 Jahren gibt es keine Verlängerung un keine Festanstellung, so wie es mal vorgesehen war (Tenure Modell wie in den USA).

    Fazit: Während Landesregierungen nach Landtagswahlen in Koalitionsvereinbarungen sich schnell mal bis zu 50 Stellen (natürlich alle hoch bezahlt und verbeamtet mit Pensionsanspruch) zusätzlich gönnen, neue Abteilungen bestehend aus einem Abteilungsleiter+2 Mitarbeitern einrchten, um ihren politischen Kumpels Stellen zu verschaffen, werden an anderer Stelle die Daumenschrauben angezogen.

    3 Leserempfehlungen
  2. Wenn die Hochschulen kaum noch andere Nachwuchsstellen für Promovierte anbieten, steigt die Zahl der Juniorprofessuren ganz automoatisch, Herr Wiarda. Die Hochschulen haben durchaus Interesse, dem Nachwuchs keine Alternativen anzubieten, denn Juniorprofessuren tragen eine größere Lehrbelastung als frühere Hochschulassistenten. Ein etwas weniger flacher Artikel hätte recherchiert, wie es um die Bewerberchancen für Juniorprofessuren auf ordentliche Professuren steht.
    Ein großer Nachteil der Juniorprofessur besteht darin, dass Promovierte inzwischen nach ihrer Promotion erst eine Zwischenphase der Weiterqualifikation einschalten müssen, um sich auf eine Juniorprofessur überhaupt bewerben zu können. Eine Promotion allein reicht kaum hin, weil Promovierte zu wenig (falls überhaupt) Publikationen außerhalb ihrer Promotion haben; z.T. werden die Bewerber inzwischen nach ähnlichen Kriterien geprüft wie W 2- oder W 3-Professuren in einem ordentlichen Bewerberverfahren. Für diese Zwischenphase (nach abgeschlossener Promotion) gibt es aber kaum Stellen; abgesehen davon steigt das Alter der Juniorprofessoren, nachdem sie aufgrund einer hinreichenden Zahl von Publikationen ihre Stelle bekommen haben. Genau das sollte die Reform aber vermeiden.
    Nur so ein paar Gesichtspunkte für einen etwas tiefgründigeren Artikel .....

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  3. hatte mal ein weltweit anerkanntes und hochgelobtes und vielfach nachgeahmtes BildungsSYSTEM. System heißt: Tausende von Einzelrädchen sind eng aufeinander abgestimmt. Natürlich ändern sich die Zeiten; die Hauptschule z.B. wurde gezielt so verwahrlost, dass von ihr aus eine erfolgreiche Lebenslaufbahn kaum noch möglich erscheint. Ihre Abschaffung erscheint logisch. Aber wo wird nun die Aufgabe erfüllt, die einst die ihrige war? Ins System wird nur eine Lücke gerissen, aber NICHTS tritt an deren Stelle.

    SO GEHT ES MIT DEM GESAMTEN BILDUNGSSYSTEM BIS ZU DEN HOCHSCHULEN: PolitikerInnen profilieren sich mit "Reformen", die in "running systems" parteiprogrammkonforme oder haushaltsfreundliche Veränderungen erzwingen, ohne dass Rücksicht darauf genommen würde, was dies in der realen Umsetzung für das Gesamtsystem bedeutet.

    ERGEBNIS: Bildungsverfall von "unten" an aufwärts (ohne funktionierende Hauptschulbasis verliert das Gymnasium Sinn und Funktion), Berufsausbildung und B.A. gehen ineinander über, der Professor als der Qualität und Innovation verbürgende Gelehrte wird vom befristet angestellten Berufsschullehrer, pardon, Junior-Prof. abgelöst.

    Lese ich neue Erstsemestereinführungen in meine Fächer, bleiben sie trotz technischer5 Fortschritte inhaltlich an vielen Stellen hinter denen von vor 40 Jahren zurück, wissensch. Publikationen agieren, als hätte es 10 Jahre vor ihnen NICHTS gegeben und wiederholen oft nur Altbekanntes (vgl. manche auch hier publizierte "Ergebnisse").

    2 Leserempfehlungen
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    • ludna
    • 15. Januar 2012 14:30 Uhr

    "Publikationen agieren, als hätte es 10 Jahre vor ihnen NICHTS gegeben und wiederholen oft nur Altbekanntes ."

    Das kann ich nur unterstreichen. Allerdings stimmt das nicht ganz. Sondern alte,einfache Sachverhalte werden extrem kompliziert und als bahnbrechend neu dargesstellt, es kostet mich dann doch meist unnütze Zeit und Mühe um festzustellen, das alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird.

    P.S. in Naturwissenschaft

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  • Schlagworte Bundesregierung | SPD | Edelgard Bulmahn | Exzellenzinitiative | Hochschullehrer | Schule
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