Rolf Schulmeister ist keiner, der einem Konflikt aus dem Weg geht. Vor einem Jahr hat der 68-Jährige die Hochschulszene aufgemischt, als er mit seiner "Zeitlast"-Studie den deutschen Studenten bescheinigte, entgegen aller Klagen im Schnitt gerade mal 23 Stunden pro Woche für ihr Studium aufzuwenden. Jetzt legt der Hamburger Hochschulpädagoge nach: Manche Studenten, sagt er, könnten so viel lernen, wie sie wollten. "Es wird ihre Leistung nicht verbessern."

Hunderte Studenten an Hochschulen überall im Land hat Schulmeister über Monate hinweg jede einzelne ihrer wachen Stunden protokollieren lassen: jede Vorlesung, jedes nächtliche Brüten über Arbeitsblättern, jeden Moment des Auswendiglernens für die nächste Klausur. Tausende Stunden Material pro Teilnehmer, fast 1,5 Millionen Stunden insgesamt. Ein paar fleißige Lerner befanden sich unter den Teilnehmern, dazu viele mittelmäßige. Und eine Menge vermeintlich Faule. Doch als Schulmeister die Klausurergebnisse daneben legte, stellte er fest, dass zwischen dem berichteten Engagement der Studenten und der erreichten Note praktisch kein Zusammenhang bestand. "Oft waren die, die am wenigsten Zeit investierten, sogar die exzellentesten."

Faulheit zahlt sich aus? Was für Studentenvertreter nach einer erneuten Provokation Schulmeisters klingen mag, ist unter Experten kein unbekanntes Phänomen: Wer mehr Zeit mit Lernen verbringt, erzielt nicht unbedingt die besseren Noten. Im Gegenteil: Manche Menschen liefern sogar schlechtere Leistungen ab, je länger sie pauken. "Die Fähigkeit, sich neues Wissen anzueignen, unterscheidet sich in der Tat von Person zu Person", sagt Oliver Dickhäuser, Professor für pädagogische Psychologie in Mannheim . "Das kann dazu führen, dass trotz unterschiedlicher Lernzeit am Ende gleiche Leistungen herauskommen." Mit unterschiedlicher Intelligenz, so Dickhäuser, habe das nichts zu tun.

Doch womit dann? Diese Frage hat sich auch Schulmeister gestellt, als er vergangenes Jahr die Zeitlast-Ergebnisse vor sich sah. Es war der Moment, in dem er beschloss, die Agenda seines Projekts zu ändern. Von nun an wollte er herausfinden, was gute Lerner von schlechten unterscheidet. Darum legten er und seine Mitarbeiter Thomas Martens und Christiane Metzger einer Gruppe von BWL-Studenten zusätzlich zu den Protokollen einen umfangreichen Fragebogen vor, um ihre Motivation und ihre Lernstrategien abzufragen. Das Ergebnis: Die Studenten wichen in ihren Einstellungen und Verhaltensweisen grundsätzlich voneinander ab.

Fünf Lerntypen lassen sich laut Schulmeister unterscheiden: Da sind jene, die vor allem von ihrer Misserfolgsangst getrieben sind, die sich vor Anstrengungen scheuen, weil sie ihr eigenes Versagen befürchten. Die sich daher leicht ablenken lassen und unliebsame Aufgaben vor sich herschieben. Diese "angstbestimmte Lernmotivation" wies ein Fünftel der Probanden auf. Am anderen Ende der Skala fanden sich jene Studenten, die glauben, dass sie selber über ihren Erfolg entscheiden können, die ihre Ängste unter Kontrolle haben, die Herausforderungen gleich angehen, um sie hinter sich zu haben. Die strategisch den Aufwand für ihr Studium planen und gelernt haben, effizient zu lernen. Dieses "selbstbestimmte Lernverhalten" schreiben die Forscher jedem sechsten Studenten zu. Dazwischen gibt es drei weitere Typen, deren Lernverhalten Schulmeister und seine Leute als "rezessiv", "strategisch" oder "pragmatisch" beschreiben.

Mit dem geringsten Aufwand zu den besten Noten

Richtig spannend wurde es, als Schulmeister die Typisierung mit den Lernprotokollen und ihren Leistungen abglich: Die selbstbestimmten Studenten erzielten nicht nur in sämtlichen Prüfungen die besten Noten, sie wandten auch die geringste Zeit auf – während die Selbstzweifler nicht nur am meisten Stunden mit Lernen verbrachten, sondern zudem die schlechtesten Leistungen ablieferten. Wie strategisch die erfolgreichen Lerner vorgehen, zeigte sich beim genaueren Hinsehen: Zwar hatten sie insgesamt am wenigsten Zeit aufgewendet, allerdings genau für die zwei Prüfungen, die als besonders schwierig gelten (Mathematik und Wirtschaftsprivatrecht), am meisten. "Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass beim Lernerfolg Motivation und Strategie alles ist", sagt Schulmeister.

Doch andere Bildungsforscher bleiben skeptisch. Vieles von dem, was er da präsentiere, sei aus der Lern- und Motivationsforschung bereits bekannt, sagen sie. Außerdem sei Schulmeisters Methode zweifelhaft, die Zahl der Probanden viel zu gering. Tatsächlich hat der Hamburger zwar über 200 BWL-Studenten befragt, aber nur 53 davon haben die Zeitprotokolle geführt und ihre Noten zur Verfügung gestellt.