Es entstand eine einmalige Allianz aus Strafverteidigern und Professoren, Männern und Frauen, Christen, Juden und Muslimen, die von nun an jede Woche miteinander telefonierten, in Konferenzschaltungen mit bis zu 300 Teilnehmern ihre Strategien diskutierten und im Verlauf von zehn Jahren ihre Hoffnungen und Enttäuschungen miteinander teilten. Manche der Frauen wussten nicht, wie wohl Gefangene aus Saudi-Arabien auf weibliche Anwälte reagieren würden. Manche verschleierten sich zum ersten Mal in ihrem Leben und übten, den muslimischen Mandanten nicht in die Augen zu schauen – und erfuhren, dass sie die Kopfbedeckung ruhig weglassen konnten, dass die Männer in Guantánamo vor allem dankbar waren, dass ihnen überhaupt jemand helfen wollte: ob Mann oder Frau, verschleiert oder unverschleiert.

Die muslimischen Anwälte waren unsicher, ob sie auf ihre Mandanten, einige von ihnen tiefreligiös, vielleicht zu weltlich wirkten. Würde es ein Vorteil oder ein Nachteil sein, ihnen als Muslim zu begegnen? Würden die Gefangenen nach all ihren Erfahrungen mit den Amerikanern nur noch muslimischen Anwälten vertrauen? »Muslim zu sein macht keinen großen Vertrauensvorsprung aus bei diesen Mandanten«, sagt Ramzi Kassem, »es waren pakistanische Muslime, die sie an die Amerikaner verkauften, es waren Muslime in Afghanistan, die sie folterten.«

Über die Jahre haben die Anwälte nicht nur das Rechtssystem der Vereinigten Staaten kennengelernt, sondern auch Länder und Gesellschaften, die ihnen gänzlich fremd waren: Sie reisten zu den Verwandten ihrer Mandanten in Kuwait und Saudi-Arabien, besuchten die Geschäftspartner und Ehefrauen im Jemen und in Algerien. Sie brachten Fotos von Kindern nach Guantánamo, die sich über die Jahre, in denen ihre Väter dort einsaßen, so verändert hatten, dass diese sie kaum wiedererkannten, sie brachten Briefe von Müttern zu ihren Söhnen, und manchmal waren diese Postbotendienste wichtiger als alle juristischen Schriftsätze, die sie formulierten.

In der Zwischenzeit wurde George W. Bush abgewählt, mit Barack Obama zog der erste afroamerikanische Präsident ins Weiße Haus ein, der Irakkrieg begann und endete, der Abzugsplan für Afghanistan wurde beschlossen, an Ground Zero entstand ein Mahnmal für die Opfer des 11. September, Osama bin Laden wurde in Pakistan durch ein Navy-Seals-Team getötet – doch für die Häftlinge, die noch immer in Guantánamo inhaftiert sind, und die Anwälte, die sich für sie einsetzen, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

»Am Anfang wussten wir nichts«, sagt der Anwalt David Remes, »nicht, wer die Gefangenen waren, nicht, was Guantánamo bedeutete. Alles, was wir wussten, war, dass wir die Fälle dieser Menschen übernommen hatten.« David Remes, 57, sitzt elegant gekleidet in einem kleinen italienischen Café im West Village in New York, der Stadt, in der er aufgewachsen ist. Mit seinem feinen blauen Oberhemd könnte er in einem Film aus den dreißiger Jahren mitspielen, mit seiner zuvorkommenden Höflichkeit wirkt er wie jemand, der sich eher mit betuchten Klienten über Erbrecht auseinandersetzt als mit namenlosen Häftlingen über ihre Misshandlung. Es ist ein strahlender Tag, eine Hundesitterin hantiert auf dem Bürgersteig mit den verhedderten Leinen eines Chihuahuas und eines Boxers herum, ohne ihr Handy vom Ohr zu nehmen, aber David Remes beachtet das Schauspiel nicht. Er registriert kaum, was um ihn herum geschieht. Vielleicht geht das nicht anders, wenn man seit Jahren mit Menschen zu tun hat, die verschleppt, eingesperrt und gefoltert wurden. Vielleicht verengt sich dann das Sichtfeld, vielleicht kann man dann nichts anderes mehr erkennen als das Unrecht und die eigene Verantwortung, es zu beenden. David Remes vertritt 18 Guantánamo-Gefangene, darunter 16 Jemeniten.

Die Namen der Häftlinge hielt die Regierung geheim – »Privatsphäre«

Einer seiner ersten Mandanten war Hassen Odaini aus dem Jemen. Geboren 1983 als Sohn eines jemenitischen Beamten im Büro für Politische Sicherheit, war Hassen im Alter von 18 Jahren 2001 zum Islamstudium nach Islamabad, Pakistan, gegangen. Im März 2002 war er verhaftet worden, als er bei einem Freund aus dem Studentenwohnheim zu Abend aß. »Er war einfach in eine Razzia der pakistanischen Polizei geraten«, erläutert David Remes, »und die übergab ihn an die Amerikaner.« Im Juni 2002 wurde Hassen nach Guantánamo gebracht und war fortan eine Nummer, die Internment Serial Number 681. »Das sind Terroristen«, hatte Vizepräsident Dick Cheney über die Gefangenen gesagt, »das sind Bombenbauer, das sind Mitglieder von Al-Kaida und den Taliban.«

Es war das Jahr, als die verwundete Großmacht USA ein gigantisches »Heimatschutzministerium« gründete und ihre Militärausgaben in neue Rekordhöhen trieb, das Jahr, in dem die kollektive Angst die individuelle Vernunft verdrängte und Politiker, die das hinterfragten, als unpatriotisch an den Pranger gestellt wurden. Noch nicht einmal die Namen der Häftlinge wollte die amerikanische Regierung damals bekannt geben – mit dem Argument, das verletze deren Privatsphäre. Als ob es eine solche gäbe für Gefangene in Guantánamo. Bevor die Anwälte ihre Klienten sehen oder sprechen durften, mussten sie eine security clearance durchlaufen. Wollten sie Akteneinsicht nehmen, um das Beweismaterial zu prüfen, mussten sie nach Crystal City nahe dem Ronald Reagan National Airport von Washington reisen, um dort in einem »sicheren Gebäude« die Unterlagen zu lesen. Im Fall von David Remes’ Mandant, Hassen Odaini, dauerte es Monate, bis Oktober 2004, ehe Remes überhaupt Akteneinsicht nehmen durfte. Doch die Unterlagen der Regierung enthielten keinerlei Beweismaterial über Hassens Aktivitäten in Pakistan, mögliche Verbindungen zu Al-Kaida oder eine Beteiligung an Kampfhandlungen.

Um nach Guantánamo zu kommen, müssen die Anwälte nach Fort Lauderdale fliegen und dort umsteigen in eine zwölfsitzige Propellermaschine, Air Sunshine oder Lynx Air, dreieinhalb Stunden Flug, keine Toilette. Die Kosten für ein Gespräch mit einem Mandanten auf Guantánamo? Der Anwalt David Remes kalkuliert 6500 Dollar pro Tag, davon 1300 für einen Übersetzer. Da An- und Abreise je einen Tag dauern, macht der Dolmetscher allein 3900 Dollar aus. Manche Anwälte finanzieren die Reisen durch Unterstützung ihrer Universitäten oder von Menschenrechtsorganisationen, manche, wie David Remes, greifen auch auf ihr privates Vermögen zurück, um die Häftlinge zu vertreten.

Auf der Guantánamo Bay Naval Base wurden die Anwälte nicht nur vom Militärpersonal begrüßt, sondern auch von Slogans und Ritualen, die den Soldaten und zivilen Angestellten den Sinn ihrer Arbeit vor Augen führen sollen: Es gibt Schilder, auf denen Begriffe stehen wie »Führung«, »Mut«, »Gehorsam« und »Mitleid«, und Poster mit dem Leitspruch »Honor Bound to Defend Freedom« (»Auf Ehre verpflichtet, die Freiheit zu verteidigen«), der auch beim Salutieren wiederholt wird.

Beim Gespräch waren die Mandanten an Händen und Hüfte gefesselt und mit den Füßen an den Boden gekettet. »Wir mussten erst mal das Vertrauen dieser Menschen gewinnen«, sagt Remes, »woher sollten sie wissen, dass wir nicht Verhörspezialisten waren?« Hier saßen Gefangene, die erstmals die Erfahrung machten, dass jemand ihnen helfen wollte, Menschen, die von amerikanischen Soldaten verschleppt und misshandelt worden waren. Warum sollten sie Zutrauen haben zu Amerikanern, die behaupteten, sie gegen die eigene Regierung vertreten zu wollen? Was für ein Bild mochten diese Menschen von den USA haben, dem Ursprungsland der Demokratie? Wie sehr mochten die Umstände ihrer Haft sie radikalisiert haben? Würden diejenigen, die aus Ländern ohne rechtsstaatliche Prinzipien stammten, überhaupt das Konzept eines Anwalts begreifen?