GefangenenlagerObamas Schande
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Die Wärter erzählten den Gefangenen, die Anwälte seien Homosexuelle

Manche Anwälte brachten bei ihrer ersten Begegnung Datteln oder Baklava mit. Manche eine Apfeltasche und einen Kaffee von McDonald’s, das es in Guantánamo – für die Soldaten – ebenso gibt wie Pizza Hut und Subway. Bei seinem ersten Besuch in Guantánamo hat David Remes vor allem zugehört. Er fragte nicht, wo seine Mandanten gewesen waren, was sie dort zu suchen hatten, was sie getan hatten, sondern nur, was ihnen seither angetan worden war. Kurz danach reiste Remes in den Jemen und suchte die Angehörigen seiner Mandanten auf, ihre Mütter und ihre Geschwister, er wollte verstehen, woher die Beschuldigten stammen, wie sie in Gefangenschaft geraten konnten, er suchte nach Beweisen für ihre Unschuld, er saß in Wohnzimmern und in Behördenzimmern der jemenitischen Regierung. So schuf er Vertrauen.

»Doch kaum dass wir ein gutes Verhältnis aufgebaut hatten, wurde es systematisch unterwandert.« David Remes schüttelt heute noch den Kopf: »Die Wärter haben den Gefangenen erzählt, dass wir Juden wären.« Davon berichten alle Anwälte: von den Versuchen, die Gefangenen gegen ihre Verteidiger aufzubringen. Juden, Homosexuelle seien sie, hieß es, in der Hoffnung, dass das eigene Vorurteil bei den Häftlingen verfangen möge. Die Gefangenen wurden Stunden zu früh abgeholt, damit sie in der kubanischen Sonne auf ihre Verteidiger warten mussten. Den Anwälten wiederum wurde gesagt, ihre Mandanten weigerten sich, sie zu sehen. »Am Ende war es so schlimm«, sagt David Remes, »dass ich manche Mandanten anflehen musste, mich nicht zu entlassen.«

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Oft waren es die Mandanten und nicht die Verteidiger, die Fragen stellten, Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gab: »Wissen Sie, dass jeder der Inhaftierten hier ein Muslim ist? Warum ist das so?«, »Wie können Sie mich vor der amerikanischen Armee schützen, wenn Sie mir nicht einmal etwas zu lesen besorgen können?«, »Kann ich ein Englisch-Arabisch-Wörterbuch bekommen?«, »Was ist der Grund dafür, dass ich hier bin?«, »Wie kann es für Amerika gefährlich sein, mir die Gründe zu nennen, deretwegen ich hier bin?«, »Können Sie mir Zahnpasta bringen?«.

Die Verteidiger hatten in den ersten Jahren nicht nur die amerikanische Regierung gegen sich, sondern auch die Mehrheit der Bevölkerung. Wenn von Guantánamo die Rede war, dachten die meisten nur an die Guantánamo Five, die prominenten Häftlinge, deren Bilder und Geschichten die Öffentlichkeit kannte. Chalid Scheich Mohammed , der sogenannte Chefplaner der Anschläge vom 11. September, der Jemenit Ramsi Binalschibh, der der Hamburger Zelle um Mohammed Atta zugeordnet wird, der Jemenit Walid Mohammed bin Attash, der Saudi Mustafa Ahmed al-Hausawi und der Pakistaner Ammar al-Baluchi. Am 11. Februar 2008 hat die amerikanische Regierung gegen diese fünf Anklage erhoben. Der Prozess sollte vor einem Sondergericht, einem Militärtribunal, in Guantánamo stattfinden. Die Todesstrafe für alle fünf wurde beantragt.

Chalid Scheich Mohammed hatte bei einer Anhörung 2008 nicht nur die Verantwortung für die Anschläge vom 11. September übernommen, sondern auch für ein Dutzend anderer Attentate. Er erklärte, auf eine Verteidigung verzichten zu wollen. Doch selbst diese prominenten Fälle bringen heute die Regierung in Bedrängnis: Die Geständnisse von Chalid Scheich Mohammed sind vermutlich vor Gericht unbrauchbar, weil sie unter Bedingungen der enhanced interrogation techniques zustande kamen. Was darunter zu verstehen ist, belegen die internen CIA-Dokumente, die Barack Obama zu Beginn seiner Amtszeit freigeben ließ: Danach wurde Chalid Scheich Mohammed im März 2003 von pakistanischen Sicherheitskräften in Rawalpindi verhaftet und an die Amerikaner übergeben. Anschließend begann eine Odyssee aus Verschleppung, Verhör und Folter. Wie die CIA-Unterlagen belegen, wurde Chalid Scheich Mohammed von Kabul nach Szymany in Polen gebracht und in einem Geheimgefängnis allein in jenem Monat 183 Mal dem Waterboarding unterworfen.

Die Guantánamo Five sind die Ausnahmen. Das wussten die Anwälte bald. In der Mehrzahl der Fälle gab es keine Hinweise auf eine Täterschaft, vermutlich würde es nie zu einer Anklage kommen. Die Anwälte waren voller Hoffnung, ihren Mandanten schnell helfen zu können. »Ich dachte, das kostet mich vielleicht drei Jahre«, sagt Ramzi Kassem bitter. Mit jedem Tag, an dem er sich mit Guantánamo befasst, schwindet die Hoffnung ein bisschen mehr. »Wir waren sicher, dass wir diese Fälle gewinnen.« In den Akten ihrer Mandanten, die sie nun einsehen durften, fanden die Juristen kaum belastendes Material, selten mehr als die Aussagen der Gefangenen selbst.

Wie die Aussagen zustande kamen, illustriert einer der Witze, die sich die Gefangenen in Guantánamo erzählen: Je drei Engländer, Israelis und Amerikaner wetten, wer von ihnen es schafft, in den Dschungel zu gehen und einen Löwen zu fangen. Die Engländer gehen los, nach zwei Stunden kommen sie zurück mit einem gefangenen Löwen. Die Israelis gehen los, sie kommen schon nach einer Stunde zurück mit einem gefangenen Löwen. Die Amerikaner gehen los, stundenlang bleiben sie weg. Bei Einbruch der Dunkelheit beschließen die Richter in dem Wettstreit, selbst in den Dschungel zu gehen und nachzuschauen, was aus den Amerikanern geworden ist. Sie finden die Amerikaner, zwei halten einen Esel fest, einer prügelt auf den Esel ein und schreit: »Gib zu, dass du ein Löwe bist!«

Leserkommentare
  1. Im Rückblick würde ich Mc Cain die Schließung des Lagers Guantanamo eher zutrauen als dem großen Hoffnungsträger Obama.
    Obama hat so große Erwartungen geweckt, aber wenig Standhaftigkeit bewiesen und kaum etwas zum positiven verändert.

  2. Es kommt einem vor, egal wer gewählt wird es ändert sich nichts.
    Wenn Wahlen etwas verändern könnten würden sie bestimmt verboten.
    M.f.G

  3. Es ist lächerlich von Obama große Versprechen in die Welt zu Posaunen - und dann nicht den Schneit zu haben - es ab zu schaffen. Aber Amerika hat viele intellektuelle Strukturen, die Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen mit Begeisterung handhaben. Es ist eine Schande, dass ein solch hoch entwickeltes Land noch mit Altertum zu kämpfen hat. Man hat es bei der Schwarzen Bevölkerung in der Historie und Heute gesehen. Bei allen Kriegen der Amerikaner war der Mund voll von - wir sind die Größten - haben aber alle Kriege kläglich verloren.

  4. ...es ist unser aller Schande.
    - Für uns Wähler, weil wir nicht die Regierung abwählen, die diese Schande duldet und abwiegelt
    - Für die Journalisten, die genau wissen, wie man solche rechtlosen Lager eigentlich nennen müsste, es aber nicht tun.
    - Für alle Menschen, die diesem Tabubruch einer demokratischen Regierung zusehen und ihn rechtfertigen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

    Und natürlich ist es eine Beleidigung aller Menschen, die in Zukunft in rechtlosen Gefängnissen sitzen werden und denen mit der offiziellen Rechtfertigung und Legitimierung solcher Gefängnisse klar gemacht wird: Ihr Leid kann von den zukünftigen Missachtern der Menschenrechte mit kaltem Hinweis auf das Handeln der USA abgebügelt werden.

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    • Afa81
    • 16. Januar 2012 11:44 Uhr

    "...es ist unser aller Schande.
    - Für uns Wähler, weil wir nicht die Regierung abwählen, die diese Schande duldet und abwiegelt"

    Wie sollen wir in Deutschland denn diese Regierung abwählen?

    " Es ist nicht nur Obamas Schande...
    ...es ist unser aller Schande.
    - Für die Journalisten, die genau wissen, wie man solche rechtlosen Lager eigentlich nennen müsste, es aber nicht tun. "

    Ja, das dachte ich auch, als ich das las:
    " Auf der Guantánamo Bay Naval Base wurden die Anwälte nicht nur vom Militärpersonal begrüßt, sondern auch von Slogans und Ritualen, die den Soldaten und zivilen Angestellten den Sinn ihrer Arbeit vor Augen führen sollen: Es gibt Schilder, auf denen Begriffe stehen wie »Führung«, »Mut«, »Gehorsam« und »Mitleid«, und Poster mit dem Leitspruch »Honor Bound to Defend Freedom« (»Auf Ehre verpflichtet, die Freiheit zu verteidigen«), der auch beim Salutieren wiederholt wird. "

    Aber davon abgesehen, ist das ganze us-amerikanische Straf- und Justizsystem doch wohl eine einzige Schande für eine zivilisierte Gesellschaft, in der "Gitmo" nur die Spitze des Eisberg darstellt:

    http://www.guardian.co.uk...
    http://www.hrw.org/report...

    http://usgovinfo.about.co...

    http://www.democracynow.o...

    Letzter Link handelt von einem "Guantanamo light" für "gefährliche" US-Bürger, wie z.B. illegale Medizin-Exporteure, Tierrechtsaktivisten, usw..
    Demnächst vielleicht auch vermehrt für Menschen mit "Occupy"-Hintergrund.
    Sofern das US-Regime die nicht einfach anklagefrei in Geheimlagern des Militärs verschwinden lässt...

    ... dass wir, wie bereits richtig erwähnt wurde, nicht in der Lage sind, den US-Präsidenten zu wählen, hätten wir 2008 alle den Kandidaten gewählt, der sich für die Schließung Guantanamo ausgesprochen hat.
    Von den jetzigen Kandidaten scheint nur noch Ron Paul dieses Interesse zu haben. Ich würde ihn mittlerweile als Präsidenten bevorzugen und ich hätte niemals gedacht, dass ich das jemals über einen Republikaner sagen würde.
    Aber abwarten, wohingehend Romney als nächstes seine Meinung zum Lager ändern wird.

    wobei man nie weiß, wohin Romney seine Meinung als nächstes ändern wird.

  5. Ein gutes Dossier über das vielleicht dunkelste Kapitel Amerikanischer Geschichte der Vergangenheit und Gegenwart. Auch der Zukunft?

  6. da kommt noch der iran krieg.

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    • colca
    • 16. Januar 2012 11:43 Uhr

    Das befürchte ich auch.
    Die Zeichen stehen auf Sturm, weil die Amis das Zündeln nicht lassen können.
    Russland übt schon mal den Ernstfall:
    http://de.rian.ru/politic...

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Polemik und Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

  7. "Obamas Schande"

    Diese Zuspitzung auf eine Person geht fehl.

    Dies ist eine Schande für die gesamte Politik der USA, insbesondere zu nennen Kongress und Representantenhaus, welche die Schliessung auf Anordnung des Präsidenten verhindern.

    Bekannnt wurde auch, dass die USA mal eben Verdächtige den Ägyptern zu "Verhören" überliessen.

    Dass die Regierenden und die Geheimdienste der USA es nicht sehr ernst nehmen mit Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit zeigt auch der Film die Akte Kissinger.

    http://www.youtube.com/wa...

    Amerika first und nach uns die Sinnflut. Aber immer flott "oh my god" auf den Lippen.

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