Dass es die Republikaner im Kongress gewesen seien, die Obama behindert hätten, lässt keiner der Anwälte gelten. »Wir treffen uns ja regelmäßig mit Mitarbeitern der Obama-Administration in Washington«, sagt Ramzi Kassem, »Leuten aus dem Justizministerium, aus dem Weißen Haus, aber entweder glauben sie mittlerweile selbst ihre angstschürende Rhetorik, oder sie wollen es einfach nicht zugeben: Der globale Krieg gegen den Terror ist zur neuen Normalität geworden, die unbegrenzte Internierung von Gefangenen auch.« Am 31. Dezember 2011 unterschrieb Obama den National Defense Authorisation Act, mit dem der Präsident, der ausgezogen war, Guantánamo zu schließen, das Festsetzen von Terrorverdächtigen ohne Gerichtsverfahren ebenso legalisierte wie die Festnahme, das Verhören sowie die zeitlich unbegrenzte Inhaftierung von Terrorverdächtigen durch das US-Militär.

Ramzi Kassem sitzt an seinem vorlesungsfreien Tag in einem kleinen Restaurant in Little Italy. Er fällt nicht besonders auf zwischen den vergnügten Künstlern, ein junger, hübscher Mann wie viele andere hier, wenn er denn nicht arbeiten würde. Doch eigentlich arbeitet er immer. Eigentlich hat er keine Zeit für ein weiteres Gespräch. Aber es tut ihm gut. Mit seinen Freunden will er nicht über Guantánamo sprechen – wer interessiert sich schon noch dafür? Anfangs, da waren sie, die Anwälte, noch eingeladen worden zu Konferenzen und Tagungen, jeder wollte hören, wie sie die Folter stoppen würden, die Haft, wie sie ihre Mandanten freibekommen wollten. »Ich habe Wahlkampf gemacht für Obama«, sagt Ramzi Kassem müde, »jeder war gegen Guantánamo, solange es von George W. Bush betrieben wurde, aber seitdem Obama dieselbe Politik macht, ist der Widerstand erlahmt.«

In Zeiten der globalen Finanzkrise formiert sich der Widerstand der aufkeimenden Opposition ohnehin nicht gegen einen demokratischen Präsidenten, sondern gegen die Wall Street. Nicht die Rechtlosigkeit der Gefangenen in Guantánamo treibt die soziale Bewegung der Occupy-Aktivisten an, sondern die Machtlosigkeit der Politik gegenüber der Ökonomie.

Gegenüber der New Yorker Börse, an der Wall Street Nr. 2, liegt die Kanzlei von Joshua Dratel. Im Bücherregal seines Büros stapeln sich die legendären Klassiker der Hippie-Bewegung: William S. Burroughs, Hunter S. Thompson und Jack Kerouac. Joshua Dratel, 54, ist einer der erfahrensten Verteidiger von Terrorverdächtigen, die Aktivitäten der Occupy-Bewegung verfolgt er wohlwollend, aber nüchtern. »Jede Bewegung, die Ungleichheit und Ungerechtigkeit abschaffen will, ist hilfreich«, sagt Dratel, »aber etwas mehr Empörung über Guantánamo wäre auch angebracht.«

Ist das ein Erfolg – die Form der Zwangsernährung aussuchen zu dürfen?

Warum es die nicht gibt? Warum die Behandlung der Häftlinge niemanden erregt? »Wenn dort Amerikaner inhaftiert wären, wäre es anders, dann gäbe es eine völlig andere Identifikation.«

Von allen Anwälten, die sich mit Guantánamo befassen, ist Joshua Dratel der pessimistischste. Vielleicht liegt das daran, dass er Terrorismusfälle schon seit den Botschaftsanschlägen von 1998 in Kenia und Tansania betreut. Vielleicht daran, dass er wie kaum ein anderer mit den Folgen eines immens gewachsenen Sicherheitsapparats in den USA zu tun hat. Für ihn ist Guantánamo nur das sichtbarste Zeichen einer Sicherheitspolitik, die mehr auf Verdacht denn auf Beweise setzt. Dratel vertritt Mandanten, die durch V-Leute oder elektronische Überwachung in Verdacht gerieten. »Es ist wie der Turm von Babel«, sagt Dratel und reißt die Arme hoch, als ob er zeigen könnte, wie den Sicherheitsexperten ihre Datensammelwut über den Kopf gewachsen ist, »niemand weiß, was er mit all den Überwachungsdiensten und -daten machen soll.«

Sie haben nicht mehr viel Hoffnung, die Anwälte, die seit zehn Jahren die einzige Hoffnung der Gefangenen in Guantánamo sind. Was sie noch bewirken können? »Dass mein Mandant Ahmed Zuhair, der sich im Hungerstreik befindet, selbst entscheiden darf, wie er zwangsernährt wird«, sagt Ramzi Kassem. Vier Monate brauchte Kassem, bis er durchsetzen konnte, dass sein Mandant auswählen darf, welche Form der Zwangsernährung ihm am wenigsten Schmerzen bereitet. Das ist der deprimierend kleine Spielraum, den es juristisch noch gibt. Ob sie manchmal ans Aufgeben gedacht haben? »Jeden Tag«, sagt Ramzi Kassem, »jeden Tag.« Bis zu den Präsidentschaftswahlen im November werde sich ohnehin nichts ändern. Vielleicht nicht einmal danach. Wie sie da so sicher sein können? In Guantánamo gibt es mittlerweile eine kleine Bücherei. Da gibt es jetzt Harry Potter in fünf Sprachen. Das ist erfreulich. Es zeigt aber auch, dass niemand davon ausgeht, dass Guantánamo geschlossen wird.